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Tausche alte Arbeit gegen neue
Veränderungen sind normal: Wer regelmäßig ungern zur Arbeit geht, sollte über einen Neustart im Beruf nachdenken. Foto: dpa
03.07.2018 - 00:00 Uhr
Von Julia Ruhnau

Zittau - Die ersten Zweifel überkamen Janna Moser während des Studiums. Ausbildung zur Erzieherin, Arbeit im Hort, dann Studium der Sozialen Arbeit - von außen betrachtet war ihr Berufsweg mustergültig, keine Brüche, klare Interessen. Doch von innen sah es bald anders aus. "Mir hat das ganze System nicht gefallen, die Rahmenbedingungen waren nicht so toll, es gibt immer zu wenig Mitarbeiter", erinnert sich Moser.

Mit diesem unguten Gefühl trat die 32-Jährige nach dem Studium ihren ersten Job an, eine Stelle bei der Lebenshilfe, befristet auf ein Jahr. "Das hat es leichter gemacht", erzählt sie, "ich dachte, ich gebe dem Ganzen eine Chance" - mit der Aussicht, ihren Berufsweg nach einem Jahr zu überdenken.

Nach diesem einen Jahr war klar: Sie will raus aus dem sozialen Bereich, etwas anderes suchen, noch einmal neu anfangen, das war der Plan. "Ich wusste, dass ich gerne etwas Handwerkliches machen will, wo ich sehe, was dabei herauskommt", erzählt Moser.

Daraufhin folgten Recherchen im Internet und bei der Handwerkskammer, Beratungsgespräche an der Uni, schließlich ein Praktikum in einer Töpferei. Dann stand die Entscheidung fest: Ausbildung zur Keramikerin. Sie zog von Nürnberg nach Zittau in Sachsen, begann eine neue Ausbildung an einem neuen Wohnort - und damit ein neues Leben.

So schnell fällt die Entscheidung nicht bei allen, die beruflich noch einmal bei null anfangen wollen. "Zu mir kommen hauptsächlich Leute, die überhaupt nicht wissen, was sie wollen", sagt Bärbel Löwe, Berufs- und Laufbahnberaterin in Hamburg. Und zwar auch dann, wenn sie schon mitten im Berufsleben stecken. "Von den etwa 11000 Beratungen und Eignungsbegutachtungen, die ich zum Thema Beruf und Laufbahn in den letzten 30 Jahren durchgeführt habe, sind die Hälfte zum Thema Um- und Neuorientierung gewesen."

Die Gründe für den Wunsch nach Veränderung sind unterschiedlich. Das Berufsfeld wandelt sich, Jobaussichten verschwinden, Anforderungen steigen. Manchmal spielen auch gesundheitliche Gründe eine Rolle, etwa wenn Friseure plötzlich eine Kontaktallergie entwickeln. Wann sollte man ins Grübeln geraten, ob der eingeschlagene Weg richtig ist? Ganz einfach, sagt Löwe: "Wenn man nicht mehr gerne hingeht."

Doch was ist dann? Die Ängste seien oft groß, beobachtet Löwe - obwohl es viele Möglichkeiten gibt. Beratung und Hilfe finden Interessierte in den Berufsinformationszentren (BIZ) der Bundesagentur für Arbeit, bei Studienberatungsstellen oder bei selbstständigen Coaches und Berufsberatern. Der Deutsche Verband für Bildungs- und Berufsberatung (dvb) und das Berufsberatungsregister listen Anbieter und helfen mit Kriterien bei der Auswahl.

Berater können allerdings nur unterstützend zur Seite stehen. "Es hilft nicht, dass ein Experte weiß, was gut für mich ist." Man müsse selbst zutiefst davon überzeugt sein, bevor man so eine tiefgreifende Entscheidung wie einen Berufswechsel trifft, sagt Löwe. Nicht immer ist der Beruf der Grund für die latente Unzufriedenheit.

Eine zweite Ausbildung kann ins Geld gehen. Ein Zweitstudium kostet in manchen Bundesländern extra - etwa in Baden-Württemberg. Bafög gibt es meist nur für die erste Ausbildung, bis auf wenige Ausnahmen. Die Finanzen können eine entscheidende Hürde sein. "Von einer Vollzeitstelle in ein Studium, das sind große Einbußen", sagt Stefan Petri von der Studienberatung der Freien Universität Berlin. Löwe rät, sich nach Stipendien umzusehen. Wer eine Umschulung oder Weiterbildung macht, um im neuen Berufsfeld Fuß zu fassen, wird teilweise von der Arbeitsagentur mit Arbeitslosengeld unterstützt. Viele nehmen laut Löwe für den Neustart auch einen Kredit auf.

Interessenten, die noch einmal in den Hörsaal zurück wollen, treibt außerdem die Frage um, wie gut sie überhaupt wieder ins Lernen zurückfinden. Noch ein Thema hört Petri häufiger: Bin ich dann der Einzige, der zehn, zwölf Jahre älter ist als alle anderen? Nein, beruhigt er, seiner Erfahrung nach finden sich immer Gruppen von Studierenden, die in einer ähnlichen Lebenssituation sind. Wer den Schritt wagt, sollte darauf achten, dass sich die Bewerbungsformalien unterscheiden. Man müsse bei der Uni ein Motivationsschreiben beilegen, das den Studienwunsch begründet. Ein Punktesystem entscheidet laut Petri über die Vergabe der für Studenten mit Zweitstudium reservierten Plätze.

Allen, die mit ihrer beruflichen Situation hadern, sollte klar sein: Veränderungen sind normal. "Alle sieben bis zehn Jahre ändert sich die Lebenssituation und damit verbunden oft auch die Bedürfnisse", sagt Löwe. Es sei keine Schande, sich neu zu orientieren, "man kann ohne blaue Flecken noch einmal neu anfangen". Janna Moser hat ihr erstes Lehrjahr im neuen Beruf nun zur Hälfte hinter sich und ist zufrieden mit ihrer Entscheidung. "Was ich überhaupt nicht vermisse, ist die alte Arbeit."

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