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Alles ist in Bewegung geraten
12.07.2018 - 00:00 Uhr
Von Christiane Lenhardt

Das Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe hat sich die Mammutaufgabe gestellt, einen Überblick über die medialen Künste des 20. und 21. Jahrhunderts zu geben. Die Ausstellung "Kunst in Bewegung. 100 Meisterwerke mit und durch Medien" vereint rund 400 Artefakte vornehmlich aus den letzten 100 Jahren in zwei Lichthöfen. "Nicht die Farbe ist Motor der Kunst des 20. Jahrhunderts, sondern die Bewegung ist es", sagte ZKM-Vorstand Peter Weibel gestern in Karlsruhe. Ab Samstag ist der Ausstellungsparcours fürs Publikum geöffnet.

Die Schau führt von den Bewegungsmaschinen zu den Bildmaschinen. Das ZKM erzählt die bewegende Geschichte der apparativen Kunst vom Ton, von den Anfängen des Films, von der Kinetik, der Videokunst bis zur Computer-basierten Kunst. Ältester Verweis ist die Rekonstruktion eines programmierbaren Musikautomaten eines ägyptischen Künstlers aus dem 9. Jahrhundert - so wird die "Klangkunst zur Mutter aller zeitbasierten Künste" (Weibel) erklärt. Der einfache Radio-Empfänger aus dem KZ Buchenwald, den die Häftlinge in einem Eimer mit Schuhwichse versteckten, ist gegenüber einer E-Gitarre aus den 60ern zu sehen, die ebenfalls Töne in die Welt schickte.

"Wir zeigen Zusammenhänge, wie man sie noch nie gesehen hat", so Weibel - anhand zahlreicher Referenzwerke, die den Hauptexponaten als Anregung zur Seite gestellt werden. "Wir verstehen die Meisterwerke als Werke, die andere Werke benötigen, um ihre Stärke zu entfalten", betonte Co-Kurator Siegfried Zielinski.

Mit der neuen Ausstellung "Kunst in Bewegung" haben sich der 2020 ausscheidende ZKM-Chef Weibel und Medientheoretiker Zielinski, ehemals Rektor der angrenzenden Hochschule für Gestaltung, an eine gewaltige Forschungsaufgabe gemacht, die noch Publikationen nach sich ziehen soll. Das Kuratorenteam legt dabei nichts weniger als einen Kanon der Medienkunst vor - ähnlich wie er für die Malerei und die Bildhauerei der früheren Jahrhunderte schon angelegt wurde.

Die Räder der modernen Bewegungsmaschinen jedenfalls standen seit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert nicht mehr still und haben die Künstler inspiriert. Von dem beweglichen Fahrradständer des Dadaisten Marcel Duchamp (1913) bis zum computerbasierten Fahrrad "The Legible City" aus der ZKM-Sammlung, auf dem der Besucher virtuell durch die Buchstaben Karlsruhes oder San Franciscos radeln kann, ist der Weg der räderbasierten Objekte der Ausstellung zu verfolgen - erweitert durch den Blick in die Zukunft mit Bio-Fiction und der Ästhetik von Codes. Die zeigt das ZKM schon in der noch laufenden Schau "Open Codes".

Überall flimmert und tönt es auch auf dem Parcours der 100 Meisterwerke der Medienkunst. Weibel spricht von einem "Assoziationsgewitter" auf über 100 Monitoren. Dass es die digitale Kunst schon lange gibt, wollen die Kuratoren anhand eines Bilds von 1904 vorführen, auf dem ein Projektil eine Seifenblase durchschlägt. Es ist eines der ersten Werke des Rundgangs. Der ungarischer Wissenschaftler und Künstler Bertalan Székely gehörte zu den Vorläufern der Medienkunst.

Schreibmaschine mit gefräßigen Insekten

1878 schon brachte er die Körper von Mensch und Pferd auf Großformaten zeichnerisch in Bewegung, noch ohne Fotoapparat. Die Leihgaben der Universität der Künste in Budapest sind Raritäten.

Gegenüber laufen die erotischen Filme des surrealistischen Regisseurs Luis Bunuel noch aus der Stummfilmzeit und der frühe abstrakte Farbfilm des neuseeländischen Bildhauers Len Lye aus den 1930er Jahren. Eine historische Schreibmaschine geht eine Verbindung mit dem Computer ein und lässt Insekten übers Papier wuseln: Die modernen Künstler Christa Sommerer und Laurent Mignonneau haben dazu hinter den mechanischen Tasten den genetischen Code der Insekten hinterlegt - virtuelle Tierchen auf der Papierrolle ernähren sich dabei von den Buchstaben.

Immer wieder setzt die Schau Pionierarbeit mit aktueller Fortentwicklung in Beziehung. Dazwischen begegnet sich der Besucher des Parcours auch selbst, wie vor der Kamera von Virgil Widrichs Spiegel "tx-transform", der verdoppelt und verzerrt. Paul Sermons "Telematic Vision" lädt zwar zum Ausruhen aufs Sofa ein, nutzt das aber für eigene Bildideen aus. Hinterhältig ist auch die kleine Holzapparatur "The Ultimate Machine" von Claude Shannon: Sobald der Schalter auf "on" umlegt wird, erscheint eine feine silberne Hand aus einer Klappe und schiebt ihn umgehend auf "off" zurück.

Das ZKM hat der experimentellen, innovativen Idee von Kunst den Vorzug gegeben, vor dem Kult ums teure Original, der den Kunstmarkt heute bestimmt. Das auratische Kunsterlebnis sei ihnen nicht so wichtig gewesen, betonen die Kuratoren - auch notgedrungen, weil der Transfer so mancher erwünschter Leihgaben, zu teuer geworden wäre und die Fragilität anderer Werke es nicht zuließ. Spaß macht die Schau trotzdem mit einer Reihe interaktiver Installationen aus der ZKM-Sammlung. Dazu könnte bald Christa Sommerers Schreibmaschine mit den gefräßigen Insekten gehören - erste Ankaufsgespräche hat Peter Weibel gestern geführt. Bis 10. Februar 2019.

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