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Gelassen und geduldig
'Ich möchte es noch erleben, dass wir die Energiewende zu 100 Prozent durchsetzen': Franz Alt.  Foto: Zeindler-Efler
14.07.2018 - 00:00 Uhr
Von Dieter Klink

Baden-Baden - Die Atomkatastrophe in Tschernobyl im Jahr 1986 war seine persönliche Wende. Er trat danach aus der CDU aus und kämpft seitdem gegen die Atomkraft und für die Energiewende. Mit Fortschritten und Rückschlägen. Mal bringt er das südkoreanische Parlament auf neue Ideen, mal referiert er bei den Stadtwerken Ettlingen. Franz Alt ackert weiter. Dass er am kommenden Dienstag 80 Jahre alt wird, ist für ihn kein Grund, die Füße stillzuhalten. Er kann nicht anders. Die Energie scheint auch bei ihm erneuerbar.

Obwohl: Ganz so viele Vorträge wie im Rekordjahr 2011/12, als er knapp 250 Mal über Erneuerbare sprach, hält er heute nicht mehr. Aber etwa 100 pro Jahr sind es immer noch.

Die Energieversorgung mit Sonne, Wasser, Wind ist sein Lebensthema. Damit tourt er um die Welt, so lange, bis alle genervt sind oder es einsehen. "Ich möchte es noch erleben, dass wir die Energiewende zu 100 Prozent durchsetzen", sagt der Baden-Badener, der durch seine Tätigkeit als Chef und Moderator des TV-Magazins "Report" noch Vielen gut in Erinnerung ist. Streitbar war er damals schon. Beziehungsweise er wurde es. Weil ihm seine Themen so wichtig waren, dass er den Konflikt mit den Vorgesetzten nicht scheute.

Mit 80 denkt er auch über das Altern nach. Und auch über den Tod. Ein würdevoller Tod sei es dann, wenn ihm ein würdevolles Leben vorausgeht, meint er. "Wir sterben, wie wir leben", formuliert er. Vielleicht sei der Tod ein Übergang zum eigentlichen Leben, sagt er nachdenklich. Das Wort "vielleicht" betont er bewusst. Denn ob es so ist, wisse er nicht. Vor dem Tod habe er keine Angst. Nur vor einem langen Siechtum davor. Vor Alzheimer und Demenz. Aber dagegen könne man etwas tun. "Ich gehe jeden Tag eine Stunde in den Wald", nennt er sein Gesundheitsprogramm. "Der Wald ist ein Geschenk der Natur, er ist so voller Leben, das entwickelt stabile Widerstandskräfte gegen Krankheiten", erzählt er. Er hatte auch schon mal gesundheitliche Probleme, klar. Aber mit dem "Waldbaden" sei es besser geworden. Sein Rezept fürs Altwerden also: "Ich besuche täglich meinen Dr. Wald."

"Der Dalai Lama sagt immer: Ich werde 113. Ich fragte ihn dann: Wollen Sie das? Er antwortete: Ja, damit ich noch möglichst lange die Chinesen ärgern kann." Und so sei es auch bei ihm, lacht Alt. "Damit ich noch möglichst lange RWE und Eon ärgern kann."

Rückschläge lässt er nicht an sich heran

Ärgern, ja das kann er. Das gehört zu seinem Selbstverständnis als Kämpfer für die Erneuerbaren. Er ist davon überzeugt, dass sein Lebenswerk auch ohne ihn und nach ihm weitergeht. "Da ist etwas gewachsen", sagt er und liefert beeindruckende Beispiele. Die Energiewende habe sich verselbstständigt. Rückschläge lässt er nicht an sich heran. Dass die USA unter Donald Trump aus dem Pariser Klimaschutzabkommen aussteigen? "Trumps kommen und gehen. Die Energiewende geht weiter."

Dass alles langsam vorangeht, wirft ihn nicht zurück. Geduld, sagt er, sei eine ökologische Tugend. Man müsse der Politik immer wieder vorbeten, wie es geht. Sonst ändere sich nichts. Ganz von allein geht es dann doch nicht. Man muss dranbleiben. Ob früher als Journalist oder heute als Aktivist. Er geht gern auf die Nerven. Ein Optimist wie Alt hat schon Vorträge für das Jahr 2026 zugesagt. Für eine Burschenschaft in Erlangen.

Er weiß selbst, dass sein ökologischer Fußabdruck nicht der beste ist, wenn er so viel um die Erde fliegt. Aber er findet, es ist es wert. "Dort, wo ich war, passiert immer etwas hinterher." Ob Ägypten, Südafrika oder Bangladesch: Alt spricht mit Politikern und Unternehmern und oft komme die Energiewende nach seinem Besuch ein Stück voran. So sein Eindruck.

Alt sagt, es gehe ihm um die großen Zusammenhänge. Wie Ethik und Technik zusammenpassen, das sind seine Fragen. Dafür brauche es eine Aufklärung der Aufklärung. "Mit dem Verstand allein kommen wir nicht zur Vernunft."

Für vernünftig hält er die Energiewende, auch die Wärmewende und die Verkehrswende. Alles Wenden, die noch in den Kinderschuhen stecken. Da schwankt Alt zwischen Horrorszenarien und Zukunftshoffnung. Sein Menschenbild reicht entsprechend von kurzsichtig-naiv-primitiv bis erhaben-vorausschauend-altruistisch. Zwischen Ego und Nächstenliebe. Auf der Skala sortiert er auch Erfolge und Misserfolge der Energiewende ein. Er geht so mit dem Paradoxon um, dass es mal vorangeht, mal zurück.

"Völlig verrückt" nennt er das Handeln der Menschheit einerseits. Dann aber wieder sieht er, wie irgendwo auf der Welt jemand auf Sonne und Wind setzt. Daran hält er sich, davon erzählt er ungefragt. Das zieht ihn hoch.

Zweifel am Gelingen meldet er fast beiläufig an. Ob die Energiewende zu 100 Prozent bis 2030 zu schaffen ist? "Ich fürchte, es wird eher 2050", sagt er leise.

Die Sache mit den Ameisen

Die Menschen machten so viele Fehler. Keine Ameise mache so viele Fehler wie der Mensch. Völlig verrückt. Aber da setzt er wieder auf den Faktor Geduld als ökologische Tugend. Dranbleiben. Für die Überzeugungen eintreten, bis es nervt. Das ist christliche Gelassenheit, Unbekümmertheit. Die Saat ist gesät. Nun muss man warten, bis die Saat aufgeht. Ernten werden andere.

Mag der Mensch noch so viele völlig verrückte Fehler machen, von irgendwo auf der Welt packt Alt ein Beispiel aus, wo Sonne, Wind und Wasser den Sieg davontragen. Und neue Arbeitsplätze schaffen. Davon kündet er zusammen mit seiner Frau Bigi auf seiner Homepage, der Sonnenseite.

Es kann ansteckend wirken, Alt erzählen zu hören, dass es jetzt dann losgeht. "Ich glaube, dass wir die Kurve kriegen." Oder: "Die Menschheit wird aufwachen." Das predigt er zwar schon seit 30 Jahren, aber dieses Mal stimme es wirklich. Auch er macht die Erfahrung: Propheten im eigenen Land haben es schwer.

Die Energie von innen vertreibt die Zweifel oder deckt sie zu. Dann schiebt er die Wolken zur Seite, so lange, bis wieder die Sonne scheint.

Zur Not kramt er die alten Geschichten hervor. Wie die Sache mit Rupert Neudeck, dem Gründer der Cap Anamur. Alt war seinerzeit angetan von Neudecks selbstlosem Einsatz für die vietnamesischen Bootsflüchtlinge. "Ich gebe Dir sechs Minuten in meiner Sendung ,Report' live. Die Kontonummer darf ich nicht einblenden, aber du kannst sie ja sagen." Neudeck nutzte die Chance mit der Kontonummer in "Report". "Er kriegte acht Säcke mit Überweisungen." In der Folgezeit wurden 11300 Bootsflüchtlinge gerettet. Gerne zeigt Alt den Rettungsring der Cap Anamur in seiner Wohnung. Was beharrliches Dranbleiben bewirken kann! Da muss ihm keiner mit Trumps Klimapolitik kommen.

Der Jubilar schätzt Kanzlerin Angela Merkel. Er lobt ausdrücklich ihre Bereitschaft, Dinge zu erkennen und daraus Konsequenzen zu ziehen. Sie hat übrigens am selben Tag wie er Geburtstag. Nach Fukushima wollte sie mit ihm über den Ausstieg aus der Atomkraft reden. Und 2008 überzeugte er sie davon, eine internationale Agentur für die Erneuerbaren auf den Weg zu bringen, zusammen mit dem verstorbenen SPD-Politiker und Öko-Vordenker Hermann Scheer. Die Idee gefiel Merkel, und seitdem gibt es die Agentur Irena. Heute seien 90 Prozent der Staaten dabei. Wer sagt's denn!

Spätfolgen von "Frieden ist möglich"

Manche werfen ihm Naivität vor. In seinen Jesus-Büchern etwa propagiere er ein etwas schlichtes Jesus-Bild. Das ficht ihn nicht an. Schon bei seinem Beststeller "Frieden ist möglich" in den 80er Jahren habe man ihn für einen Träumer gehalten, erzählt er. Dann habe sich Michael Gorbatschow das Buch übersetzen lassen. Jesu Bergpredigt und Alts Buch hätten "Gorbi" verändert. Und Ende der 80er auch die Welt.

Bei so viel Weltbedeutung vergeht den Spöttern das Lachen. "Reden wir in zehn Jahren wieder", antwortet Alt gelassen seinen Kritikern. Dann, wenn alle merken, dass Alts Prophezeiungen wahr werden. Wenn sich der verrückte Mensch seiner Weisheit bedient. Fehler korrigiert und aufwacht. Wenn die Vernunft endlich siegt. Franz Alt lässt keine Zweifel zu: Bis dahin wird seine Energie reichen. Mindestens.

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