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Drei Tastenartisten in fliegendem Wechsel
Spielen sich die Melodiebälle gegenseitig zu: Michael Wollny (sitzend) und Leszek Modzer am Flügel -das verblüfft selbst Kollege Iiro Rantala (rechts) auf der Festspielhausbühne. Foto: Thomas Viering
16.07.2018 - 00:00 Uhr
Von Udo Barth

Beim Gipfeltreffen der Pianisten Michael Wollny, Iiro Rantala und Leszek Modzer strahlt der Jazzhimmel mit dem schwer begeisterten Publikum im Festspielhaus Baden-Baden um die Wette. Hier sind zwar allesamt Tastenvirtuosen der Extraklasse auf der Bühne, welche sich aber nicht gegenseitig übertrumpfen wollen, sondern sich ganz dem kollektiven Erlebnis hingeben, eines, das sich in direktem Maße den Zuhörern offenbart.

Zwei große Steinway-Flügel stehen auf der Bühne, dazu noch ein Fender Rhodes E-Piano, was auf Soundbereicherung schließen lässt. Der Finne Rantala wartet zu Beginn nicht einmal das Verklingen des Begrüßungsbeifalls ab, sondern ehrt gleich den vor 100 Jahren geborenen Lenny Bernstein mit atemberaubenden 32-tel-Ketten en masse. Nach diesen aberwitzigen Läufen outet sich der gar nicht so coole Nordländer als witziger Moderator und bekennt, dass die Stadt des Auftritts der drei Superstars der Jazzszene in Finnland ungemein bekannt ist: "Baden-Sauna-Baden..."

Sodann lässt John Cage grüßen, die beiden Flügel sind sowieso "oben ohne", da bietet sich es quasi an, den Saitenapparat zu präparieren. Aber nicht mit Schrauben, sondern mit einem Handtuch. In seinem Stück "Freedom" entlockt er dem Flügel neue Klangfarben, um damit minimalistische Muster schillern zu lassen. Dieser hypnotisierende Sound ähnelt verdammt den Pizzicati eines Saiteninstrumentes.

Jetzt aber sprintet Michael Wollny auf die Bühne. Kein Wunder, dass Herbie Hancock von der Tastenkunst seines deutschen Kollegen begeistert ist. Wollnys Eigengewächs "Der Wanderer" ist ein Musterbeispiel für sein Spiel mit wenigen einfachen Elementen, es gibt nur Dur- und Moll-Dreiklänge. Zum "Hexentanz" lädt Wollny ein, hinreißend, wie sich aus lyrischen Zwischentönen etwas zusammenbraut, wie sich aus dahin getupften, zärtlichen Einzeltönen mächtige Akkorde ihren Weg bahnen, ohne jedoch in bombastischem Tastendonner auszuarten.

Und weil der Deckel weg ist, widmet sich auch Wollny dem Gedärm des Flügels, reißt die Saiten an, was dem Höllenritt der Hexen einen gespenstischen Hintergrund liefert. Fehlt noch der Dritte im Bunde der Popstars unter den Jazzpianisten - bei Leszek Modzer schwebt nicht ganz unvermutet ein zartes Motiv seines polnischen Landsmanns Krzysztof Komeda durch den Raum.

Alle drei bringen Erfahrungen aus der klassischen Musik mit - und das hört man dann auch. Ihre differenzierten Anschläge, ihre superbe Technik und die subtilen Strukturen der Stücke verraten den klassischen Hintergrund. Dass dieses Konzert auch Showcharakter hat, zeigt schon die demokratische Behandlung eines Klavierhockers. Kurzerhand wird er längs gedreht, und so sitzen Wollny und Modzer Rücken an Rücken. Modzer streut atmosphärische Soundminiaturen aus dem Fender-Piano in das Klanggeschehen, was die spielerische Bandbreite nicht unwesentlich erweitert.

Das Duo Wollny und Rantala könnte glatt einem Tennismatch entsprungen sein: Sie werfen sich die Melodiebälle gegenseitig zu, Zitate wie Gershwins "Summertime" werden genüsslich in freie Improvisationen zerlegt. Es ist spannend, den Stimmen zu folgen, die aus dem Gesamtsound hervor- und wieder zurücktreten. Als Verbeugung vor dem Mann, der ihn als jungen Klavierschüler in der Kunst des Blues unterwies, spielt Wollny nun die Beier-Komposition "White Moon", einen Trauermarsch, der gleichzeitig drängend und total langsam ist, wie im Traum, wenn man auf der Stelle läuft. Über eine flinke Basslinie tupft der Pianist da luftige Dur-Akkorde, die von wiederkehrenden schrägen Tönen hinterhältig kontaminiert werden. Es ist ein Stück, um der Seele weiten Raum zum Schweben zu geben. Wieder wird das Handtuch benötigt: Bei "Africa" aus der Feder von Lars Danielsson klingt der Flügel wie eine Mbira, ein in Afrika weit verbreitetes Daumenklavier. Den poetischen Schwelgereien folgen forsche Laufkaskaden, der Kreativität wird bei diesem Konzert keinerlei Grenzen gesetzt. Der Tanz der sprühenden Gedanken erfährt gegen Ende hin noch choreografisches Pendant: Der fliegende Wechsel der drei Tastenartisten an den drei Instrumenten ist mehr als atemberaubend. Bei "Armando's Rumba" von Chick Corea greifen sich die sportlichen Jazzer gegenseitig in die Tasten des jeweiligen Instruments, bevor sich das Trio dann in friedlicher Eintracht den 88 Tasten eines Flügels widmet. Der Applaus brandet auf, keiner hält es mehr auf den Sitzen. Das Notenpapier danach einfach wegwerfen? Nein - in zerknülltem Zustand dient es als natürlicher Dämpfer. "Imagine" von John Lennon wird damit als Zugabestück serviert.

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