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Wenn Männer die Macht teilen sollen
28.07.2018 - 00:00 Uhr
Karlsruhe - Ende November 1918, also vor bald 100 Jahren, trat in Deutschland das Frauenwahlrecht in Kraft. In Baden konnten dann am 5. Januar 1919 Frauen zum ersten Mal in Deutschland wählen. Die Historikerin Sylvia Schraut kam neulich zu einem Vortrag über 100 Jahre Frauenwahlrecht ins Generallandesarchiv nach Karlsruhe. BT-Redakteur Dieter Klink hat sie am Rande der Veranstaltung interviewt. Professorin Sylvia Schraut lehrt Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München.


BT: Frau Professor Schraut, Ende des Jahres erinnern wir an 100 Jahre Frauenwahlrecht. War Baden damals Vorreiter in Sachen Frauenwahlrecht?

Sylvia Schraut: Nein, überhaupt nicht. Aber Baden war in der Frauenbewegung der Jahrzehnte davor ein absoluter Vorreiter. Die gemäßigte Frauenbewegung, der Badische Frauenverein, von Großherzogin Luise selber angeleitet, war sehr stark. Hier wurde übrigens der deutsche Sozialstaat erfunden, nicht von Bismarck. Es gab auch eine ganze Reihe bürgerliche und radikale Frauenvereine, die im Südwesten Deutschlands viel stärker waren als sonst wo in Deutschland. Hinzu kommt eine starke katholische Frauenbewegung, die aber die Geschlechterrollen in Familie und Gesellschaft nicht infrage stellte.

BT: In Baden gab es also ein grundsätzlich frauenfreundliches Klima, das dann aber nicht weit trug?

Schraut: Ja. Baden hat als erstes Land im Jahr 1900 das Frauenstudium zugelassen. Und das Deutsche Reich erstellte 1909 eine Statistik über die Mitglieder der Frauenvereine. Wenn man die Zahlen auf die Gesamtbevölkerung hochrechnet, kommt in Baden auf etwa 24 Personen eine Frau, die in irgendeiner Weise organisiert ist. Wenn Sie Kinder und Männer abziehen, heißt das, dass jede achte, neunte Frau in Baden in einem Frauenverein engagiert war. Das ist nirgendwo in Deutschland so. Das wirkt sich aber nicht auf die Demokratie aus. Frauen erleben 1919 die ganze Misere: Sie erhalten keinen Eingang zu den Parteien, werden bei den Wahlen auf die hinteren Listenplätze gesetzt. Das findet in Baden genauso wie anderswo in Deutschland statt.

BT: Wie erklären Sie, dass Frauen in Baden so stark organisiert waren, sich aber weniger stark als Parlamentarierinnen durchsetzten?

Schraut: Das ist eine sehr spannende Frage, an der bisher noch nicht viel gearbeitet worden ist. Es gibt auch wenige Quellen dazu. Offensichtlich ist es so, dass Frauen als Wählerinnen nicht automatisch Frauen wählen. Politik ist Männersache, jahrhundertelang haben es nur die Männer gemacht. Vielleicht trauen Frauen es den Männern auch stärker zu. In den Wahlen wurde seit jeher die parteipolitische Präferenz wichtiger genommen als die Frage Mann oder Frau. Das hat natürlich Auswirkungen. Man kann auch heute zeigen, dass Fraueninteressen hinten runterfallen, wenn nur fünf oder sechs Prozent Frauen in den Parlamenten sitzen. Die engagierten Frauen im Kaiserreich merkten sehr schnell, dass die Demokratie nicht das bringt, was sie sich erhofft hatten. Zudem ging die Bedeutung der Länder in der Weimarer Republik zurück. Und im Nationalsozialismus hat es sich mit den Frauenrechten sowieso erledigt. Mit dem Aufstieg der NSDAP sind Frauen überall auf dem Rückzug.

BT: Welche Erfahrungen machten denn die ersten gewählten Frauen 1919 im Badischen Ständehaus in Karlsruhe?

Schraut: Frauen stellten im Ständehaus eine Minderheit, die sich in erster Linie mit sozialen Fragen beschäftigte, aber natürlich nicht ernstgenommen wurde in der Außenpolitik, in der Wirtschaftspolitik, in der Verteidigungspolitik. Wie heute auch. Schauen Sie sich mal Fernsehrunden an, wenn es um Außenpolitik geht. Wie viele Frauen sitzen da? Da wird höchstens eine Alibi-Frau eingeladen.

BT: Die EU hat immerhin eine Außenbeauftragte, Federica Mogherini.

Schraut: Ja, aber wen nimmt man in Sicherheitsfragen in der internationalen Politik wahr? Das sind heute noch männlich dominierte Bereiche. Damals erst recht.

BT: Welches waren damals die Hindernisse für Frauen in der Politik?

Schraut: Ganz einfach: Die Männer waren nicht bereit, Macht abzugeben. Sie können das auf Gemeindeebene sehen, zum Beispiel bei der Kommunalwahl 1919 in Mannheim: Die Parteien setzen eine Alibi-Frau auf einen der vorderen Plätze und die nächste dann auf Platz 28 oder 30, weil man wusste, die wird eh nicht gewählt. Es gab keine Parität bei den Listen.

BT: Was können wir heute aus den Kämpfen von damals lernen?

Schraut: Das Wahlrecht ist ein wichtiger Schritt, aber damit ist es nicht getan. Die Frage ist: Wer sitzt im Parlament und welche Interessen werden dort vertreten? Das hat wenig mit Parteipolitik zu tun.

BT: Wie meinen Sie das?

Schraut: Nehmen Sie die Vergewaltigung in der Ehe als Straftat. Das wurde 1997 nur gesetzlich geregelt, weil sich Frauen über die Parteien hinweg dafür eingesetzt haben. Eine Frauenkoalition hat da ihre eigenen Interessen über die Parteiinteressen gestellt. Oder nehmen Sie den Paragrafen 218, das Abtreibungsrecht. Das Thema wurde in den 70er Jahren von der Frauenbewegung von der Straße in die Parlamente getragen. Oder nehmen Sie die Tatsache, dass es für die Vergewaltigung einer Frau maximal bis zu fünf Jahren Strafe gibt, wie bei einem Diebstahl. Wer entscheidet denn darüber? Die Parlamente, die vorwiegend männlich besetzt sind. Es ist nicht das Problem der Männer. Und weil es nicht ihr Problem ist, kümmern sie sich nicht darum.

BT: Im baden-württembergischen Landtag sitzen 24 Prozent Frauen. Was muss sich ändern?

Schraut: Es braucht Landeslisten in Baden-Württemberg als ersten Schritt. Es ist peinlich, warum sich die CDU in der Landesregierung dagegen sperrt, obwohl es eigentlich mit den Grünen vereinbart war. Es gibt Länder in Europa, die setzen Quoten für die Wahl der Bundesparlamente. Da ist dann klar, 30 bis 40 Prozent der Sitze müssen von Frauen besetzt sein.

BT: Sollte man das auch in Deutschland so regeln?

Schraut: Natürlich. Wenn es anders nicht geht. Man sieht ja in Baden-Württemberg, dass Männer starken Widerstand entwickeln, wenn es um das Teilen der Macht geht.

BT: Ist Geschlechterpolitik heute in Deutschland ausreichend in den Gesetzen verankert?

Schraut: Nein. Nehmen Sie die Rentenpolitik, die Regelung, dass man nach 35 Beitragsjahren mit Abschlägen in Rente gehen kann. Das ist ein Privileg für Männer, weil Frauen im Schnitt nicht so lange arbeiten. Aber niemand nennt es beim Namen: Es ist ein Männergesetz.

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