http://www.badisches-tagblatt.de/UnternehmenKarriereZusteller/index.html
http://www.badisches-tagblatt.de/UnternehmenKarriereZusteller/index.html
Andre Baumann: "Ich wünsche mir den Wolf nicht"
01.08.2018 - 00:00 Uhr
Baden-Baden - Der Wolf geht um im Nordschwarzwald. Umweltstaatssekretär Andre Baumann ist darüber nicht glücklich. Doch das Gesetz fordere dessen Schutz. Über den Umgang mit dem Wildtier, die PFC-Problematik in der Region und die Ausbreitung des Kalikokrebses sprach Baumann mit den BT-Redakteuren Anja Groß und Nico Fricke.

BT: Herr Baumann, kann ich mit meiner kleinen Tochter weiter unbesorgt in den hiesigen Wäldern spazieren gehen, oder muss ich fürchten, bald einem Wolfsrudel gegenüberzustehen?

Andre Baumann: Wir haben kein Wolfsrudel im Nordschwarzwald, sondern nur einen nachgewiesenen residenten Wolf. Ein Tier also, das länger als ein halbes Jahr in einer Region geblieben ist. Und egal ob Wolfsrudel oder einzelner Wolf, ob herumstreifend oder nicht: Sie müssen keine Angst haben. Wölfe sind nicht am Menschen interessiert. Junge Wölfe sind ein bisschen wie junge Hunde - neugierig. Sie könnten schon mal ein bisschen näher kommen, aber auch sie sind am Menschen nicht interessiert.

BT: Ein Wolf, der in Bad Wildbad rund 40 Schafe gerissen hat, sorgte Ende April für große Aufmerksamkeit in der Region. Kurze Zeit später, am 9. Juni, wurde ein Wolf in Forbach fotografiert. Die Weidetierhalter sind besorgt und fürchten um ihre Existenz.

Baumann: Wir nehmen deren Sorgen sehr ernst. Wir brauchen die Weidetierhalterinnen und Weidetierhalter, um unsere Kulturlandschaft zu erhalten. An der Arbeit der Schäferinnen und Schäfer hängt auch die Fortexistenz Hunderter Tier- und Pflanzenarten. Wir brauchen in Zukunft sogar mehr Schäfer und Ziegenhalter und nicht weniger. Diese stehen ohnehin schon vor riesengroßen Herausforderungen - und jetzt kommt noch der Wolf dazu. Das kann der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt - und manchen Schäfer resignieren und aufgeben lässt.

BT: Wie wollen Sie entgegenwirken?

Baumann: Mit unserer "Förderkulisse Wolfprävention" haben wir die Prävention vor die Kompensation gestellt. Wir fördern die Anschaffung von Weidezäunen und bezuschussen die Anschaffung von Herdenschutzhunden. Wir sind da innovativ und testen aus, was andere Bundesländer gar nicht machen. So finanzieren wir Erdungsmaßnahmen. Das A und O ist, dass da Strom auf der Litze ist. Der Wolf muss ordentlich eine gewischt bekommen, damit er nicht ein zweites Mal versucht, an die Herde heranzukommen.

BT: Brauchen wir den Wolf? Baumann: Ich sag's ganz offen: Ich wünsche mir den Wolf nicht. Ich kann auch ohne ihn leben. Aber jetzt ist er da, und er steht unter Naturschutz. Daran müssen wir uns halten. Jetzt ist es die Aufgabe der Politik, dass wir uns um den Wolf und die Weidetierhalter kümmern.

BT: Dieser Tage hat sich Ihre Kollegin Friedlinde Gurr-Hirsch, CDU-Staatssekretärin im Ministerium für Ländlichen Raum, vor Ort die Klagen der Weidetierhalter und auch kommunaler Vertreter angehört. Sie kritisierten das Vergabeverfahren für die kürzlich bereitgestellten Fördermittel Ihres Ministeriums. Es sei gut gemeint, aber realitätsfremd.

Baumann: Wir haben diese Förderrichtlinie auch in Zusammenarbeit mit der Schäferei und Ziegenhaltern ausgearbeitet. Wir sind auf viele Wünsche und Vorschläge eingegangen und haben ein gutes Paket geschnürt.

BT: Es wird bemängelt, dass finanziell deutlich mehr am Weidetierhalter hängenbleibt als im Förderprogramm suggeriert. Der Mehraufwand, zum Beispiel bei der Errichtung der Zäune, werde nicht berücksichtigt.

Baumann: Wir fördern die Anschaffung von Herdenschutzhunden mit 1 950 Euro pro Tier, den Kauf von Zäunen zu 90 Prozent - mehr als andere Bundesländer. Und wir fördern schon ab einer Zaunhöhe von 90 Zentimetern, weil höhere in den hiesigen Steillagen gar nicht oder nur schwer montiert werden könnten. Wenn ein Wolf ein zweites Mal darüber springen würde, könnte man ihn entsprechend managen.

BT: Abschießen?

Baumann: Ja. Das ist auf der Basis des Naturschutzrechts möglich. Wir möchten die Schäfer aber zunächst in die Lage versetzen, dass sie ihre Tiere richtig einzäunen und schützen können.

BT: Das ist Mehrarbeit?

Baumann: Nein, geltendes Recht. Der Weidetierhalter muss auch jetzt schon ordnungsgemäß von vier Seiten zäunen. Wir fordern nicht mehr, aber auch nicht weniger als das landwirtschaftliche Fachrecht. Den bemängelten Mehraufwand können wir im Moment aber tatsächlich nicht entgelten. Wir prüfen das aber noch mal. Unser oberstes Ziel: Wir wollen die Schäferei und Ziegenhaltung erhalten, ansonsten verlieren wir Hunderte von Tier- und Pflanzenarten.

BT: Nicht nur finanzielle Aspekte, auch emotionale spielen bei den Weidetierhaltern eine Rolle.

Baumann: Ich kann mir die Sorgen der Tierhalterinnen und Tierhalter um ihre Herden gut vorstellen. Ich war auch bei Schäfer Gernot Fröschle, dessen Schafe bei dem Wolfsangriff Ende April ums Leben gekommen sind. Er wurde finanziell schnell von uns entschädigt. Die Ängste und Sorgen der Tierhalter können wir aber leider nicht ausgleichen.

BT: Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) fordert einen Abschuss des Wolfes als "letztes Mittel".

Baumann: Wir sagen das auch. In der Konsequenz können wir sogar ein Stück radikaler sein. Denn es läuft immer über eine naturschutzrechtliche Ausnahmegenehmigung. Wir müssen einem Abschuss immer zustimmen.

BT: Was wären denn die Faktoren für das "letzte Mittel"?

Baumann: Wenn sich ein Wolf den Menschen sehr stark nähert, sich aggressiv verhält oder ein Beutesuchverhalten gegenüber Menschen zeigt, dann - gar keine Frage - muss dieses Tier entnommen werden. Es geht um die Auffälligkeit gegenüber Menschen und Weidetieren. Wenn die Voraussetzungen erfüllt sind, muss ein Tier auch totgeschossen werden. Wir haben entsprechende Kriterien erarbeitet.

BT: Wie viele Wölfe halten sich denn im Land auf?

Baumann: Dieser Frage geht die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt in Freiburg nach. Wir haben mindestens einen, vielleicht zwei. Genau wissen wir es aber nicht - die Tiere sind hochmobil.

BT: Wird sich über kurz oder lang ein Wolfsrudel bilden?

Baumann: Nach den bisherigen Erfahrungen ist davon auszugehen. Erst kommt die Besiedlung und Ausbreitung durch junge Rüden. Das sind die fittesten Tiere eines Rudels, die am weitesten laufen können. Auch unser residenter Wolf ist ein Männchen. Es ist davon auszugehen, dass irgendwann auch mal ein Weibchen nach Baden-Württemberg kommt. Wenn dieses zum richtigen Zeitpunkt dem Rüden über den Weg läuft und sie sich mögen, ist die Wahrscheinlichkeit für eine Rudelbildung groß.

Wir wollen nicht überrascht werden

BT: Schon bald?

Baumann: Wann das sein wird, kann ich nicht sagen. Aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass es in den nächsten Jahren passiert. Es kommt auch darauf an, wie lange die Männchen hier überleben. Haupttodesursache für Wölfe im Land wird der Autounfall sein. Wichtig ist, dass wir uns auf das Szenario vorbereiten, dass sich hier ein Rudel bildet. Dafür erarbeiten wir derzeit einen Handlungsleitfaden II. Wir wollen nicht überrascht werden.

BT: Ein Problem, das in Mittelbaden immer noch sehr beschäftigt, ist PFC. Sind da Lösungen in Sicht?

Baumann: Kurzfristig auf keinen Fall. Das grundsätzliche Problem mit PFC ist, es wird allgegenwärtig eingesetzt, aber man kann viele dieser sehr unterschiedlichen Verbindungen noch gar nicht in der Umwelt nachweisen, geschweige denn, dass man etwas über deren Auswirkungen auf die Umwelt und den Menschen weiß. Wir tasten uns da auch heran. Baden-Württemberg ist zwar in Sachen Forschung ganz an der Spitze, aber das ist langwierig und wird uns noch viele Jahre beschäftigen.

BT: Es gibt ja auch in anderen Bundesländern PFC-Funde - und die stehen genauso ratlos vor dem Problem. Findet da ein länderübergreifender Austausch oder gar gemeinsame Forschungsprojekte statt?

Baumann: Ja, unter anderem arbeiten wir im Rahmen der Umweltministerkonferenz zusammen. Es gibt einen UMK-Beschluss, der den Bund auffordert, einheitliche Handlungsanweisungen herauszugeben, nach denen sich alle Ministerien richten. Das haben wir als Bundesland mit angeschoben, auch dass man sich auf europäischer Ebene um PFC kümmert -, weil es ein globales und nationales Problem ist.

Aber der PFC-Fall in Baden unterscheidet sich deutlich von anderen - zum einen in der Fläche und auch von der Verursachung. Andere Bundesländer haben eher sehr punktuelle Funde mit sehr hohen PFC-Konzentrationen, und dadurch mit der Möglichkeit zu sanieren. Das ist bei uns mit rund 560 Hektar eine ganz andere Dimension.

BT: Man hatte sehr stark auf eine Phytosanierung gehofft - also durch das Anpflanzen von Gewächsen, die sehr viel PFC anreichern. Das scheint aber nicht der Weg der Wahl zu sein?

Baumann: Es werden verschiedene Möglichkeiten diskutiert, wie man eine Sanierung der Böden angehen kann. Kohle in die Böden einzubringen, ist eine Möglichkeit, die erforscht wird. Die Phytosanierung, also die Anpflanzung von Gewächsen, die viel PFC aufnehmen und dann bei 1200 Grad Celsius verbrannt werden, eine andere. Doch gerade letztere Methode birgt die Gefahr, dass beim Verbrennen wiederum neue Verbindungen entstehen. Ungeklärt ist auch, wie lange man solche Pflanzen anbauen müsste, bis der Boden PFC-frei ist. Es sieht so aus, als wäre die Phytosanierung derzeit nicht für eine großflächige Sanierung geeignet. Auch der Aufwand für andere Sanierungsmaßnahmen erscheint derzeit als unverhältnismäßig groß - ein Bodenabtrag würde Milliarden kosten. Auch die Kosten für das flächendeckende Abdecken der Flächen, damit PFC nicht weiter ins Grundwasser ausgespült werden kann, erscheinen unverhältnismäßig hoch..

Andere Entscheidung wünschenswert

BT: Gibt es Alternativen? Diskutiert wurde auch schon eine Bepflanzung mit Magerrasen und die Installation von Solaranlagen auf diesen Flächen.

Baumann: Diese Idee ist nicht ganz abwegig, denn wir wollen im Rahmen unserer Solaroffensive auch die Photovoltaik auf den Freiflächen im Land voranbringen. Wir haben als Umweltministerium eine Verordnung auf den Weg gebracht, dass im Land auch in landwirtschaftlichen Bereichen fernab von Bundesverkehrsstraßen oder Konversionsflächen diese Anlagen finanziert werden können. Problem: Das gilt nur für benachteiligte Gebiete, und der Oberrheingraben ist eine sogenannte Gunstlage. Deshalb gilt das hier nur in Teilbereichen entlang von Verkehrswegen in 110-Meter-Korridoren. Dann hat die Clearingstelle für das EEG auch geprüft, unter welchen Voraussetzungen auch eine wirtschaftliche Konversion der PFC-Flächen durch Solaranlagen möglich ist, aber da sind die Rahmenbedingungen so hoch, dass sich das weder ökologisch noch ökonomisch für den Landwirt rechnen würde. Ich hätte mir eine andere Entscheidung gewünscht. Denn wir sind hier in einer sonnenverwöhnten Region.

BT: Ein ganz anderes Thema ist der Kalikokrebs, der sich am Oberrhein rasant ausbreitet und Gewässer zum Umkippen bringt. Gibt es dagegen ein Konzept?

Baumann: Nein, und das macht mir große Sorgen. Denn er vernichtet nicht nur die heimischen Krebse, sondern alles, was in den Gewässern drin ist. Der Kalikokrebs kann im Gegensatz zu heimischen Arten auch über Land gehen und dadurch Gewässer aktiv besiedeln. Deshalb ist er eine große Gefahr für unsere Auenlandschaften. Wir können noch nicht absehen, wie er in den nächsten Jahren die Auen-Ökosysteme am Rhein umpflügen wird.

Gegen Kalikokrebs kein Kraut gewachsen

BT: Gibt es Ideen, wie man ihn eindämmen kann?

Baumann: Nein, gegen den ist im Moment kein Kraut gewachsen. Bei vielen invasiven Arten sind die Auswirkungen überschaubar, beim Kalikokrebs nicht. Die Naturschutzstiftung Baden-Württemberg fördert ein Forschungsprojekt der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Die hatten einen kleinen Erfolg mit Baumstämmen, die der Kalikokrebs nicht überwinden kann. Aber da darf auch kein Zweig oder anderes drauffallen bzw. -fliegen, das ist für die Tiere schon wieder eine Brücke. Also auch das erscheint mir nicht wirklich erfolgversprechend. Wir werden unsere Auenlandschaften, die wir teils mit sehr viel Geld angelegt haben, nicht krebssicher gestalten können.

BT: Hat der Krebs hier natürliche Fressfeinde?

Baumann: Ja, aber die dezimieren ihn nicht ihn dem Maß, wie es erforderlich wäre. Jetzt gibt es erste Überlegungen, Forschungen in Nordamerika durchzuführen, um herauszufinden, welche Feinde er dort hat. Aber die Frage ist: Holen wir uns einen Feind des Kalikokrebses aus Nordamerika und setzen den hier aus? Dann haben wir womöglich ganz andere Probleme. Der Kalikokrebs ist ein Problem, das uns vermutlich ähnlich lange beschäftigen wird wie PFC.

BeiträgeBeitrag schreiben 



Das könnte Sie auch interessieren

Baiersbronn
Erneut Schafe gerissen

30.07.2018
Erneut Schafe gerissen
Baiersbronn (lsw) - Im Nordschwarzwald sind erneut Schafe gerissen worden. Wie das Umweltministerium am Montag mitteilte, gab es am Samstag zwei Risse in einer Herde bei Baiersbronn-Huzenbach. Ob ein Wolf dafür verantwortlich ist, steht noch nicht fest (Symbolfoto: dpa). »-Mehr
Stuttgart
--mediatextglobal-- Das Freiburger Münster im Sonnenuntergang. Destinationen im Land sind weiter stark gefragt. Foto: dpa

28.07.2018
Tourismus als Wirtschaftsfaktor
Stuttgart (red) - Der Tourismus in Baden-Württemberg entwickelt sich zum bedeutenden Wirtschaftsfaktor (Symbolfoto: dpa). Bei allen wirtschaftlichen Kerngrößen legt der Tourismus im Land enorm zu. Mehr Gäste, mehr Jobs, mehr Umsatz: Minister Guido Wolf stellte eine Studie dazu vor. »-Mehr
Forbach
Wer Wolf will, muss Tierhalter unterstützen

26.07.2018
Wolfsschutz: Hilfe für Tierhalter
Forbach (mm) - Ohne Weidewirtschaft gibt es keine Offenhaltung der Landschaft, sagte Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch (CDU) in Bermersbach. Deshalb sei es wichtig, die Weidetiere vor dem Wolf zu schützen. Wer den Wolf wolle, müsse die Tierhalter unterstützen (Foto: Mack). »-Mehr
Bühl
Zwei Termine stehen: 3. August und 11.11.

24.07.2018
Kirchplatz am 3. August fertig
Bühl (gero) - Zum Geburtstagsgeschenk für Hubert Schnurr (63) am 11. Juli hat es nicht ganz gereicht. Nun also soll am Freitag, 3. August, der neu gestaltete Markt- und Kirchplatz besenrein übergeben werden. Ein kleiner Festakt ist eventuell am 11. November geplant(Foto: gero). »-Mehr
Bühl
--mediatextglobal-- Superhits von Bryan Adams spielt die Adams Family um Leadsänger und Gitarrist Bobby Stöcker.  Foto: König

23.07.2018
Open Air ein voller Erfolg
Bühl (kkö) - Zumindest mit Blick auf die Witterung hatte es glücklicherweise nichts von Woodstock, das sechste Grethel-Open-Air der VfB-Marketing GbR auf dem Hartplatz im Hägenich. Das Konzert mit zwei Coverbands blieb von Niederschlägen verschont (Foto: kkö). »-Mehr
Ort des Geschehens
Größere Google Karte
www.volksbank-baden-baden-rastatt.de/bt
Umfrage

Bis zum Jahr 2035 sind nach einer Studie voraussichtlich vier Millionen Menschen in Deutschland auf Pflege im Alter angewiesen. Können Sie sich vorstellen, einen Angehörigen zu pflegen?

Ja.
Ja, ich tue es bereits.
Nein.

http://www.karlsruhe.ihk.de/handelsregister
Wetter in Mittelbaden


© Badisches-Tagblatt.de    Impressum | AGB | Nutzungsbedingungen | Datenschutz   
1