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Verbotene und verborgene Leidenschaften
06.08.2018 - 00:00 Uhr
Von Gisela Brüning

"...dass es in der Welt keine Ordnung gibt", das muss sich der Franziskanermönch William von Baskerville selbstkritisch eingestehen, hat er doch in den letzten sieben Tagen mit seinem Adlatus Adson selbst zur blutigen Unordnung in der im nördlichen Apennin gelegenen Benediktiner-Abtei beigetragen. Im kaiserlichen Auftrag als Schlichter entsandt, wird er vor Ort mit der Bitte des Abts Abbo (Kurt Tüg) konfrontiert, den Tod eines Mitbruders aufzuklären.

Wissen als Machtfaktor

1980 erschienen und 1986 mit Sean Connery von Jacques Annaud spektakulär verfilmt, wagten es die Volksschauspiele Ötigheim, Umberto Ecos universellen Roman in der Fassung von Claus J. Frankl als Wiederaufnahme auf Deutschlands größte Freilichtbühne zu bringen. Rebekka Stanzel, die Regisseurin, war sich wohl bewusst, dass dieses Unterfangen bei aller Verdichtung nicht unter nahezu vier Stunden Aufführungszeit machbar sein würde. Eine strapaziöse Herausforderung für Ensemble und Publikum, das bei hochsommerlichen Temperaturen diszipliniert wie in einer Messe ausharrte und seine Begeisterung am Ende mit Standing Ovations unterstrich.

Der (nach Noam Chomsky) zum weltweit zweitwichtigsten Intellektuellen gekürte Umberto Eco erfüllte sich einen Wunsch damit, nach unzähligen wissenschaftlichen Veröffentlichungen einen Kriminalroman zu schreiben. Als Mittelalter-Experte und Semiotik-Professor verflocht er nach der von ihm so benannten Methode der Intertextualität Fremdtexte philosophischer, theologischer, literarischer Art sowie zeitgenössische Anspielungen und Zitate in seinen Disputen, die entsprechende Kenntnis voraussetzen.

Auch die Bühnenfassung ist sehr dialoglastig und fordert Konzentration, sind doch die handelnden Personen in ihren schwarzen Kutten mit ihren lateinisierten Namen oft schwer zu unterscheiden. Dennoch schenkt die Aufführung einen unvergesslichen Theaterabend, und eine Hauptrolle spielt dabei die Kulisse, die Bettina Scholzen multipel einsetzbar zu gestalten versteht. Der Zuschauer wird nicht nur ins Mönchsleben des Mittelalters versetzt, sondern - wie William von Baskerville (Fritz Müller) und der Novize Adson (Alexander Grünbacher) - in eine Atmosphäre von Glaubensfehden, verbotenen und verborgenen Leidenschaften sowie kriminellen Energien. Einblick in Religionswissenschaft, Geschichte, Philosophie und Politik erleichtern Kundigen das Verständnis der mit Kirchenlatein gewürzten Dispute.

Textbuchautor Frankl war bestrebt, dem Original möglichst nahe zu kommen und legte den Protagonisten Stichworte in den Mund, die - oft nur andeutungsweise - Themen wie Rassismus, Korruption, Homophobie oder Machtmissbrauch und sexuelle Nötigung behandeln. Besonders krass tritt anhand eines Gelehrtenstreits über ein Buch des Aristoteles der Tatbestand "Wissen ist Macht" hervor: Die einzigartige Klosterbibliothek, labyrinthartig angelegt und mit zahlreichen Vorrichtungen versperrt, birgt das gesamte Wissen jener Zeit und verschafft dem, der es besitzt, Macht über jene, die keinen Zugang zu Bildung haben.

Im riesigen Areal der Bühne wirken die Darsteller oft klein, und der Ton, der übermächtig und messerscharf artikuliert aus der optimierten Verstärkeranlage dringt, will bisweilen erst dem Sprecher zugeordnet werden. Damit die Sache nicht statisch wird, galoppieren Pferde durch die Szene, treten bewaffnete Reiter auf und ein Irrer, Salvatore, dem Tobias Kleinhans ein gruseliges Naturell verleiht, irrlichtert durch die Szenerie. Ein anderer, dessen Seriosität sich auch als Wahnsinn entpuppt, ist der blinde Jorge, das personifizierte Böse (Martin Kühn).

Bei einem Personentableau von annähernd 100 Darstellern kommt es auf jeden einzelnen an, damit die Handlung als ein Ganzes authentisch wirkt. Das gelingt der Inszenierung und einer höchst stringenten Chorleitung der gregorianischen Musik (Matthias Hammerschmitt) und der Choreografie der Personenführung. Die Aufrüstung der Technik erlaubt auch beeindruckende Effekte der Lichttechnik. Der Traum, der den von Leidenschaft und Ängsten verwirrten Adson plagt, wird von einem explodierenden Farbfeuerwerk und dem furiosen "Dies Irae" aus Mozarts Requiem zum psychedelischen Alptraum. Am Ende bleiben die fünf Leichen eher als Randerscheinung einer verheerenden Entwicklung im Gedächtnis. Was den Niedergang der Epoche semiotisch deutet, hüllte Bernard von Clairvaux in diese Metapher: "Die Rose von einst steht nur noch als Name; uns bleiben nur nackte Namen."

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