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Spiel mit den Dimensionen
08.08.2018 - 00:00 Uhr
Von Christiane Lenhardt

Verblüffend echt: Die Illusion ihrer körperlichen Authentizität irritiert, täuschend lebendig wirken die naturnahe Darstellung und die zarte, durchscheinende Hautoberfläche dieser Figuren, ihre innige Haltung ist berührend. In der Ausstellung "Almost alive" - beinahe lebendig - stellt die Kunsthalle Tübingen derzeit hyperrealistische Skulpturen aus den vergangenen 50 Jahren in einem spektakulären Parcours aus. Die Leihgaben kommen aus den USA, aus Australien und aus Europa.

Mit mehr als 30, teils überlebensgroßen Plastiken zeigt das renommierte Ausstellungshaus in Zusammenarbeit mit dem Institut für Kulturaustausch Tübingen bis 21. Oktober erstmals die Entwicklung dieser besonderen Skulpturengattung im 20. und 21. Jahrhundert - die vor allem von Künstlern aus dem angloamerikanischen Raum perfektioniert wurde. Der Berühmteste unter ihnen ist der Amerikaner Duane Hanson (1925-96). Beeinflusst von der amerikanischen Pop Art wandte er sich 1965 thematisch dem amerikanischen Alltag zu: Hausfrauen, Bauarbeiter, Kellnerinnen, Autoverkäufer, Hausmeister sind die Vorbilder für seine Plastiken. Der Pionier der hyperrealistischen - also extrem wirklichkeitsgetreuen - Körper und sein Nachfolger Marc Sijan sind in Tübingen ebenso vertreten wie die Silikonmenschen der Gegenwartskünstler Ron Mueck und Sam Jinks, die die naturgetreuen Körper ihrer Figuren immer weiter perfektioniert, ins Monströse gesteigert haben: Sie haben bis aufs feinste Härchen, jede Falte und Pore ihrer lebendigen Vorbildern in perfekter Handwerklichkeit und mit neuester Technik nachgebildet. Einige der modernen Meister der hyperrealistischen Skulptur stammen aus der Filmbranche - haben ihr Handwerk in den Special-Effects-Abteilungen großer Studios in Australien und den USA gelernt.

Aber die Materialbehandlung ist das eine. Es geht in der Tübinger Ausstellung um mehr als die perfekte Illusion der menschlichen Skulptur. Der Gegenwartsmensch wird in existenziellen Momenten und seelischen Ausnahmesituationen vor Augen geführt. Der "gewöhnliche Mann" des mazedonischen Künstlers Zharko Basheski, ein Professor für Plastisches Gestalten, stemmt sich als Riese zwischen den staunenden Kunsthallenbesuchern aus dem Boden, nimmt im Spiel mit der Dimension - trotz seiner Größe - durch zaghafte Haltung und zweifelnden Blick gefangen. Die Wahrnehmungsveränderungen des menschlichen Körpers im digitalen Zeitalter thematisiert der Südafrikaner Evan Penny durch Verzerrungseffekte und besticht mit präziser Oberflächenstruktur der Haut.

Aufsehenerregend ist das riesige Neugeborene "A Girl" (2006) des Australiers Ron Mueck aus Silikon und Acryl, das mit über fünf Metern gleichermaßen fasziniert wie verstört. Dagegen ist Patricia Piccinis "Newborn", ein kleines Wesen mit Rüsselnase auf Fell gebettet, auf den ersten Blick niedlich anzusehen. Moralisch-ethische Fragen über die Möglichkeiten und die Grenzen menschlichen Eingreifens in natürliche Prozesse im Zeitalter der Gentechnik werden reflektiert - aber selbst die Mischwesen sind würdevoll und in sich gekehrt abgebildet.

Realistisch oder noch nicht: Die Kulturgeschichte ist geprägt von dem "Verlebendigungswillen des Menschen", wie Kunsthallenleiterin Nicole Fritz betont. Den menschlichen Körper haben schon die Künstler früherer Jahrhunderte auf eindrucksvolle Weise dargestellt, sie formten aus Stein oder Bronze künstlerische Ideale, die das Vorbild nicht selten schönten. Glasaugen, meisterliche Bemalung, echtes Haar, ja sogar richtige Kleidung, wie Edgar Degas, der seiner kleinen Tänzerin in Bronze Ende des 19. Jahrhunderts ein echtes Ballettröckchen anzog, ließen sie sich einfallen. So täuschend lebendig und irritierend echt wie den Hyperrealisten gelang aber noch keine Skulptur in der Kunst der menschlichen Körperdarstellung. John DeAndrea wirft uns wohl deshalb seine moderne "Lisa" geradezu selbstbewusst vor die Füße: ein nahezu klassischer Akt, schlafend wie Schneewitchen, lebensecht nach Gipsabguss geschaffen. Mit Babyface und Muskelpaketen spiegelt die Tübinger Schau auch den Zeitgeist in ihren Skulpturen: die Körperbefreiung, den Hang zum gestylten Body ebenso wie die Gegenbewegung einer Innerlichkeit und Verletzbarkeit.

In 50 Jahren werden wir womöglich Roboterwesen vorführen, unkt Kunsthallenchefin Fritz. So kommt das scheinbar mit menschlicher Haut überzogene Handy von Marie-Eve Levasseur, das kaum mehr zu trennen ist von der Hand, erschreckend visionär daher.

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