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"Wir sind die schönste Genießer-Ecke Deutschlands"
15.08.2018 - 00:00 Uhr
Baden-Baden/Freiburg - Wer an Schwarzwald-Tourismus denkt, dem geht normalerweise nicht automatisch das Thema Digitalisierung durch den Kopf. Anders verhält es sich bei Hansjörg Mair (50), der seit September 2017 Geschäftsführer der Schwarzwald Tourismus GmbH ist: Der Wahl-Freiburger schafft den thematischen Spagat von Heimat und technologischer Innovation. Mit dem gebürtigen Bozener, der vor seiner aktuellen Tätigkeit 16 Jahre lang Geschäftsführer eines Tourismusverbands in Südtirol war, hat sich unser Redakteur Armin Broß unterhalten.

BT : Herr Mair, seit fast genau einem Jahr sind Sie Geschäftsführer der Schwarzwald Tourismus GmbH. Was hat Sie an dieser Aufgabe gereizt?

Hansjörg Mair : Ich bin davon überzeugt, dass hier ein Rohdiamant begraben liegt. Aus dem Schwarzwald ist touristisch zwar schon viel gemacht worden, aber ich sehe noch große Potenziale. Die Kombination aus touristischer Destination und Lebens- und Freizeitraum für die Einheimischen herzustellen, das ist eine große Herausforderung.

BT : Worin sehen Sie die größte Stärke der Region Schwarzwald?

Mair : In der weltweiten Bekanntheit der Marke und ihrer Kraft. Die Marke "Schwarzwald - herz.erfrischend.echt" drückt Werte aus wie Herkunft, Heimat, Geborgenheit, Tradition, Innovation und das wird in Zukunft noch viel wichtiger werden, wenn Gäste sich entscheiden, wo sie ihren Urlaub verbringen möchten.

BT : Der Tourismus im Schwarzwald boomt. Verteilt sich der Erfolg gleichmäßig oder gibt es auch Brachland?

Mair : Die Zahlen belegen, dass es bei den Übernachtungen und Ankünften nach wie vor aufwärts geht, während die Aufenthaltsdauer rückläufig ist. Ich bin aber vorsichtig. Allein die Zuwachsraten bei den Übernachtungen sagen wenig aus, vor allem im Vergleich zum letzten Jahr. Ich sehe das in größeren Zeiträumen. Innerhalb von fünf Jahren kann man erkennen, wo die Entwicklung hingeht. Die letzten zehn Jahre waren auf jeden Fall erfolgreich.

Doch regionale Unterschiede gibt es in der Tat. Man würde das gerne ausgleichen, aber man wird es nicht überall schaffen. Bis zu einem gewissen Punkt kann man Besucherlenkung betreiben, aber es ist schwierig. Und ich weiß auch nicht, ob es immer sinnvoll ist.

BT : Sehen Sie eigentlich auch Grenzen beim touristischen Wachstum? Struktureller Art oder ökologischer?

Mair : Das Thema Overtourism ist ja in aller Munde. Ich glaube, im Schwarzwald sind wir - bis auf zwei Hotspots (Feldberg und Titisee) - noch weit davon entfernt. Ich kenne andernorts Regionen und Städte, wo man von diesem Phänomen sprechen kann und sich die Bevölkerung dem Tourismus widersetzt.

Richtig ist: Wir müssen uns immer fragen, welchen Mehrwert der Einheimische hat. Auch für den Touristen ist es nur spannend, wenn er quasi ein Bewohner auf Zeit ist. Das ist eine andere Qualität, als nur "Tourist" zu sein. Diesen Schulterschluss zu schaffen, ist die große Herausforderung, der ich mich stelle.

BT : Beim Marketing setzen Sie stark auf das Thema Digitalisierung. Können Sie da mal ein paar Stichworte nennen?

Mair : Wir haben gemeinsam mit der Industrie- und Handelskammer (IHK) eine zertifizierte Fortbildung entwickelt, die alle Mitarbeiter der Schwarzwald Tourismus GmbH durchlaufen müssen. Sie heißt "Digital Tourism Coach". Das ist quasi ein Pilotprojekt. Ende des Jahres ist es abgeschlossen, und wenn es sich bewährt hat, können wir es auch unseren Partnern anbieten. Ich habe auch gleich, nachdem ich als Geschäftsführer im Amt war, einen "Digital Brain Pool" eingerichtet. Dazu haben wir zusätzliche Fachleute geholt, mit Blick auf neue Entwicklungen - Open Data, Sprachassistenten und so weiter. Wir sind da auf einem guten Weg.

BT : Was verändert sich denn im Tourismus durch Sprachassistenten wie Alexa?

Mair : Im Moment ist es so: Sie geben, im Normalfall bei Google, das Stichwort "Wanderwochenende im Schwarzwald" ein, und dann kommen hunderttausend Ergebnisse. Relevant ist nur die erste Seite. Bei der Sprachsteuerung geht es sogar nur um ein einzelnes Ergebnis. Ich sage: "Alexa, ich würde gerne eine Hüttenwanderung im Schwarzwald machen" - und erhalte genau ein Ergebnis.

Wir haben so viel Inhalt auf unserer Website www. schwarzwald-tourismus.info, dass es 80 000 Din-A-4-Seiten entspräche - das können wir natürlich nicht alles in eine Sprachausgabe verwandeln. Aber es ist wichtig, dass wir unsere Datenstruktur dahingehend aufbereiten. Dafür haben wir eine neue Mitarbeiterin eingestellt.

Interview

BT: Nochmal zurück zu den Digital Coaches - sollen die dann einzelne Gemeinden oder einzelne Betriebe beraten?

Mair : Es geht um das Verständnis, wie man sich in dieser digitalen Welt fortbewegt. Ziel ist es nicht, dass wir Betriebe beraten. Wir machen Ortsberatungen, auch jetzt schon, und das wird ausgebaut. Neu eingeführt haben wir "mobile Produktentwickler", also Mitarbeiter, die auf ein Thema wie Radfahren, Wandern, Wein, Wellness spezialisiert sind. Die werden den Tourismusorganisationen Hilfe anbieten.

BT : Glauben Sie, dass bei der künftigen Urlaubsplanung das klassische Reisebüro immer mehr ausstirbt und die Leute eher andere Wege gehen, wie zum Beispiel über den Sprachassistenten?

Mair : Ich glaube nicht, dass das klassische Reisebüro ausgedient hat. Es kommt ja auch immer darauf an, wo ich meinen Urlaub verbringen will. Im näheren Umfeld? In 500 Kilometern Entfernung? Oder vielleicht in 2 000 Kilometern Entfernung? Nach wie vor wird ein Großteil der Haupturlaube im Reisebüro gebucht. Aber daneben werden andere Kanäle entstehen.

BT : Sie haben einmal die Bedeutung von Marken hervorgehoben, wie zum Beispiel Bollenhut oder Kuckucksuhr, und auch gesagt: "Klischees sind gut." Wie meinen Sie das?

Mair : Ich finde, Klischees sind ein sehr guter Nährboden für langlebige Destinationsmarken. Was man einer Marke immer schon geglaubt hat, das traut man ihr auch in Zukunft zu. Das heißt aber nicht, dass wir solche Klischees überstrapazieren sollten. Es geht auch um die Frage, wo man was einsetzt. Die schöne Entwicklung, dass moderne Künstler althergebrachte Klischees aufgreifen und weiterentwickeln - das funktioniert sicherlich wunderbar in Deutschland und den Nachbarländern. Wenn Sie aber weiter weg sind, zum Beispiel in Japan, da können Sie als potenzieller Tourist mit einem Künstler wie Stefan Strumbel nicht viel anfangen - da sind die klassischen Klischees wichtig.

BT : Wir haben über die Stärken der Tourismusregion Schwarzwald gesprochen. Wo sehen Sie die Schwächen?

Mair : Die Schwächen habe ich nicht neu entdeckt, aber ziemlich deutlich mitbekommen. Ein großes Problem ist der Mitarbeitermangel. Ferner die Betriebsnachfolge, Betriebsübergaben und der Investitionsstau.

BT : Wie müssten die Betriebe denn investieren?

Mair : Ich sehe große Chancen im Bereich Urlaub auf dem Bauernhof und bei Ferienwohnungen. Aber natürlich müssen diese Übernachtungsmöglichkeiten auch entsprechend gestaltet werden und entsprechende Qualität haben. Dann habe ich als Kleinvermieter gute Chancen, gerade durch die Digitalisierung; wenn ich mich ein bisschen schlau mache, habe ich die Chance, meine Zielgruppe anzusprechen.

Auch mit unserem neuen Projekt "NaDu - Natürlicher Dorfurlaub" wollen wir dazu beitragen, dass Dörfer und Ortsteile im ländlichen Raum als attraktive Lebensräume erhalten sowie soziale, kulturelle und wirtschaftliche Aspekte vor Ort mobilisiert werden. 21 Orte und Ortsteile sind in der Umsetzungsphase 2019/2020 dabei.

Insgesamt wünsche ich mir ein bisschen mehr Mut. Wir haben ja alle Voraussetzungen, wir sind die schönste Genießer-Ecke Deutschlands, aber wir haben zu wenig innovative gastronomische Konzepte. Wir werden fürs nächste Jahr einen "Gourmet-Award" - so der Arbeitstitel - ins Leben rufen; der wird sich nicht nur an die Spitzen-Restaurants richten, sondern auch an die Dorfgasthäuser, die Straußwirtschaften und die Wanderhütten. Wir haben in diesem Bereich viel zu viel Gleiches vom Gleichen.

BT : Was steht als nächstes auf Ihrer Agenda?

Mair : Viel. Wir haben auch schon viele Dinge umgesetzt, zum Beispiel ein Erklärvideo zur wirtschaftlichen Bedeutung des Tourismus, den neu gestalteten Geschäftsbericht, eine Menge neuer Kooperationen sowie Workshops mit unseren Partnern. Das setzen wir alles fort. Wir werden eine Kooperation mit einem großen Wirtschaftsverband eingehen und werden das Auslandsmarketing neu aufstellen. Und wir werden (die ÖPNV-Karte; Anm. d. Redaktion) Konus und die Schwarzwaldcard weiterentwickeln. Zusammen mit dem ADAC wollen wir ferner das Thema Motorradfahren im Schwarzwald aufgreifen. Außerdem werden wir im Herbst einen Roadtrip mit Schwarzwaldradio durch Deutschland machen; das ist ein Versuchsballon, um zu sehen, ob wir in Zukunft anstelle von Messen so etwas machen können.

Es steht noch einiges auf der Agenda - auch im Bereich Print. Print ist nach wie vor sehr wichtig. Aber die Aufmachung muss etwas frischer werden.

BT : Am Schluss die unvermeidliche Frage: Machen Sie selbst Ihren Urlaub im Schwarzwald? Oder sind Sie eher der Mallorca-Tourist...

Mair (lacht): Am Wochenende fahre ich ins Wiesental. Dort habe ich mit Freunden eine Hütte gemietet und wir machen Wanderungen. Ich versuche, mir immer wieder neue Gegenden anzuschauen und mache hier auch Urlaub. Im Winter war ich einige Male Skifahren im Schwarzwald und ich bin auch mit dem Mountainbike relativ viel unterwegs. Aber den Haupturlaub habe ich noch vor mir, und da geht es ans Meer.

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