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Ganz ohne "Merkel muss weg"
15.08.2018 - 00:00 Uhr
Von Werner Kolhoff

Jena - Brave Bürger stellen kurze Fragen - eine ausgeruhte Kanzlerin antwortet lange. So lässt sich der "Bürgerdialog" zusammenfassen, den Angela Merkel gestern in Jena veranstaltet. "Sprechen wir über Europa", lautet das Thema. Es ist Merkels erste öffentliche Veranstaltung nach der Sommerpause. Und keine große Herausforderung.

Das hat zum einen mit den 55 Teilnehmern zu tun. Die Leute sind von örtlichen Zeitungen ausgewählt worden, alle sind jüngeren oder mittleren Alters und zählen eher zur gehobenen Bildungsschicht. In Jena ist man wegen der Universität und der Start-ups ohnehin etwas weltoffener als in anderen Gegenden des Ostens.

"Merkel-muss-weg"-Demonstranten jedenfalls fehlen innerhalb wie außerhalb des Gebäudes. Sie kämen auch nicht weit. Praktisch vor jeder Tür und an jeder Ecke des weitläufigen Areals stehen Sicherheitsbeamte.

Zudem begünstigt das Format den etwas einseitigen Verlauf. Merkel steht, hat immer ein Mikrofon in der Hand. Die Bürger sitzen und müssen warten, bis sie dran sind. Die Leute stellen meist nur kurze Fragen. Keiner gibt eine Stellungnahme ab oder reitet gar eine Attacke. Wieso verkauft sich Europa so schlecht? Wie wird Deutschlands Wirtschaft den Brexit verkraften? Was kann man gegen den Mangel an Pflegekräften tun? Wie werden die kleinen Agrarbetriebe gefördert? Es sind Steilvorlagen für die Kanzlerin, Stichworte, nach denen sie jedes Mal ihre Politik ausführlich erklären kann.

Die Rechten, sonst in Thüringen keine Mangelware, sind in der Runde nicht vertreten. Wenn kritische Fragen kommen, dann sind sie eher links angehaucht. Dass Deutschland und Europa zu wenig für die Umwelt tun, bemängelt zum Beispiel eine junge Frau, die hinzufügt: "Was soll ich meinen Kindern mitgeben, wenn hier alles verbrannt ist?" Merkel referiert sofort die Leistungen der EU für den Naturschutz oder gegen Plastik. "Da ist Europa schwer hinterher."

Das Thema Flüchtlinge kommt zwar vor, aber nicht im Sinne der Merkel-Gegner. Wie kann Integration besser gelingen, will eine Frau wissen. Und ein Mann kritisiert, dass 2014 die Mittel für die UN-Flüchtlingslager gekürzt wurden, was die Flüchtlingswelle erst mit ausgelöst habe. Merkel gibt zu, "dass auch wir damals Riesenfehler gemacht haben". Zu ihrer Entscheidung vom Herbst 2015, die Ungarn-Flüchtlinge nicht abzuweisen, steht sie.

Bevor die 55 Bürger mit Merkel zusammengebracht werden, nehmen sie an einem "Vorbereitungs-Workshop" teil, der an Labore der Verhaltensforschung erinnert. Die Moderatorin der Veranstaltung kommt von einer Münchner Coaching-Agentur. Von außen beobachten etwa zehn Mitarbeiter des Kanzleramts, was die Leute mit dicken Filzstiften zu vorgegebenen Leitfragen auf grüne Kärtchen schreiben. Als abgestimmt wird, finden 49 Teilnehmer, dass Europa ihnen mehr Vorteile bringe. Drei sehen mehr Nachteile. Die Moderatorin sagt zum Schluss: "Jetzt habe ich Sie da, wo ich Sie haben wollte. Sie diskutieren fleißig." Alles werde ausgewertet und am Ende irgendwie sogar im Europarat von den EU-Regierungschefs besprochen werden, verspricht sie. Die Veranstaltung ist Teil einer europaweiten Aktion, die noch bis zum Herbst läuft.

Alles wird auch im Fernsehen übertragen. Merkel merkt man an, dass ihr das stets bewusst ist. Launig redet sie und bürgernah. Eine Frau wagt es aber doch, der Kanzlerin etwas kritischer zu kommen. Bei der letzten Wahl habe die CDU ja doch Abstriche machen müssen, viele hätten bei der AfD ihr Kreuz gemacht, "wie so ein Hilferuf". Wie sie diese Wähler zurückgewinnen wolle. Merkels Antwort: "Nicht immer darüber reden, welche Probleme noch nicht gelöst sind, sondern einfach lösen. Machen."

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