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Nur in Gedenkstätten werden Gräueltaten begreifbar
17.08.2018 - 00:00 Uhr
Von Ulf Mauder

Stuttgart - Sollen Schüler in Baden-Württemberg künftig verpflichtend als Teil des Unterrichts Gedenkstätten für Opfer nationalsozialistischer Verbrechen besuchen? Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) sieht dafür gute Gründe.

"Mit der Frage, in der 8. oder 9. Klasse eine Gedenkstätte besuchen zu müssen, beschäftige ich mich gerade", sagte Eisenmann. "Ich sehe viele gute Argumente dafür, über eine solche Verpflichtung - eingebettet in ein pädagogisches Konzept - nachzudenken." Eisenmann äußerte sich auch vor dem Hintergrund eines nicht zuletzt von der jüdischen Gemeinschaft beklagten wachsenden Antisemitismus in der Gesellschaft.

Bei den im Landtag vertretenen Parteien gehen die Meinungen über mögliche Pflichtbesuche auseinander. Die stärkste Fraktion der Grünen, die mit der CDU im Land regieren, befürwortet eine solche Initiative. "In KZ-Gedenkstätten werden die entsetzlichen und für viele unvorstellbaren Gräueltaten der NS-Zeit begreifbar (...)", sagte die bildungspolitische Sprecherin der Grünen, Sandra Boser. Die Initiative sei nötig in "Zeiten, in denen es eine AfD gibt, die mit Hass und Hetze die Gesellschaft zu spalten versucht und die Jahre der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft als Vogelschiss in der Geschichte relativiert".

Die AfD lehnt hingegen Pflichtbesuche ab. Damit werde das Gegenteil des Gewünschten erreicht, teilte der AfD-Fraktionsvize im Landtag, Emil Sänze, mit. "Man denke nur an die Pflichtveranstaltungen, denen die Ostdeutschen beispielsweise während ihrer FDJ-Jugendstunden permanent ausgesetzt waren", sagte Sänze mit Blick auf die DDR-Jugendorganisation Freie Deutsche Jugend (FDJ).

SPD-Fraktionschef Andreas Stoch sagte einer Mitteilung seiner Partei zufolge, dass die Idee zwar viel für sich habe. Er gab aber auch zu bedenken: "Ob ein Instrument, das auf Pflicht, also letztlich Zwang setzt, der guten Absicht wirklich nützt, will wohlüberlegt und in Ruhe abgewogen sein."

Viele Schulen unternehmen nach Darstellung des Ministeriums bereits jetzt Besuche auf freiwilliger Basis. Viele Gedenkstätten haben speziell für Schüler Angebote.

"Die Vermittlung des Nationalsozialismus und der Verbrechen des NS-Regimes ist ein Thema, das wir sehr ernstnehmen müssen", sagte Ministerin Eisenmann. "Ich kann Gegenwart und Zukunft nur gestalten, wenn ich einen Bezug zu meiner Herkunft habe." Dabei gehe es um vorbereitete Besuche, die in den Unterricht eingebettet sein müssten und einen Diskurs unter den Schülern auslösten. Im Herbst will Eisenmann mit dem Landesschülerbeirat darüber sprechen. Eine Entscheidung soll es bis Frühjahr 2019 geben.

Der Beirat hat sich dazu am 5. Oktober mit der Ministerin zu einem Treffen verabredet. Dessen Vorsitzender Leandro Karst sagte, dass eine Vielzahl von Aspekten berücksichtigt werden müsse, darunter auch eine mögliche psychische Belastung für Schüler. Der Schülerbeirat werde dem Ministerium deshalb nach den Sommerferien einen Katalog mit offenen Fragen vorlegen.

Die jüdische Gemeinde in Baden unterstützt die Initiative. Gedenkstättenbesuche und Zeitzeugengespräche für alle Schulen vorzusehen, führe in die richtige Richtung, sagte der Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinschaft, Rami Suliman, in Karlsruhe. "Gerade in Zeiten sich verstärkender antisemitischer Vorfälle können die Besuche selbst aber nur ein Teil in einem ganzen Maßnahmenbündel sein", sagte Suliman. Wichtig sei die Aufklärung über jüdisches Leben und Juden in Deutschland. Auch in der Lehrerbildung brauche es eine stärkere Schulung für den Umgang mit antisemitischen und menschenfeindlichen Vorfällen.

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