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"Es geht nicht um Liebe, sondern um Macht"
Rudi Gaul vor dem Theater am Goetheplatz: Ende August will er der Eröffnungspremiere 'Vor Sonnenuntergang' den letzten Schliff geben. Foto: Thomas Viering
25.08.2018 - 00:00 Uhr
egisseur Rudi Gaul ist viel gefragt: Gerade ist seine neue Filmkomödie "Safari - Match me if you can" beim Münchner Filmfest gefeiert worden - da steht er bereits kurz vor der Vollendung seiner Neuinszenierung des Hauptmann-Klassikers "Vor Sonnenuntergang" am Theater Baden-Baden. "Es ist eine tolle Sache, dass ich das Vertrauen bekommen habe und die Eröffnungspremiere der Spielzeit machen darf", sagt Rudi Gaul im Interview mit BT-Redakteurin Christiane Lenhardt. Denn Theaterregie sei für ihn ein Luxus - mit viel ästhetischem Freiraum. Just am 30. August, wenn "Safari" auch in Baden-Baden anläuft, beginnen hier am Goetheplatz die Endproben fürs Hauptmann-Stück; am 8. September ist Premiere.

BT: Herr Gaul, ist der Sommer für Sie diesmal besonders arbeitsintensiv?

Rudi Gaul: Ja. Ich habe in Baden-Baden davor noch die Inszenierung von "Bella Figura" gemacht und bin sofort von den Proben in die Postproduktion des Films und gleich danach in die Proben des Hauptmann-Stücks "Vor Sonnenuntergang". Aber, dass ich mir diesen Wechsel vom Theater zum Film leisten kann, empfinde ich als absoluten Luxus. Es sind zwei unterschiedliche Medien mit unterschiedlichen Herausforderungen, die aber auch unterschiedliche Möglichkeiten bereithalten.

BT: Was hat bei Ihnen derzeit Vorrang: der neue Film oder das Hauptmann-Stück?

Gaul: Der "Safari"-Film ist für mich seit längerem abgeschlossen. Wir hatten ja eine sehr schöne Vorpremiere beim Filmfest in München. Ein Film, an dem man bis zu zwei Jahren arbeitet, wenn man das Buch noch mitrechnet, der erfordert so viel Kraft, dass man dann sehr froh ist, wenn man einen Haken dran machen kann - auch, wenn es jetzt noch auf Premierentour geht. Ich bin gedanklich ganz bei "Vor Sonnenuntergang". Wir hatten vor den Theaterferien bereits Vorproben. Ich mache mir gerade Gedanken über das, was ich bei den Endproben ab 30. August noch verändern möchte.

Interview

BT: In Ihrer Filmsatire "Safari - Match me if you can" über Sex in Zeiten von Dating-Apps geht es auch um gesellschaftlichen Druck und nicht ganz vorzeigbare Liebesbeziehungen - eben das, was die Kinder ihrem Vater im Hauptmann-Stück vorwerfen. Sehen Sie Gemeinsamkeiten zwischen Film und Theaterstück?

Gaul: Eine direkte Verbindung würde ich nicht sehen. Aber grundsätzlich reizt mich die Verbindung zwischen unserem Streben nach privatem Glück und dem politischen Umfeld, in dem wir versuchen, dieses private Glück zu erreichen. Es geht darum, inwieweit eine digitale Kommunikationsform in unser aller Leben übergreift - wie Social Networks, Twitter und Co. das Streben nach Glück und unsere Partnersuche verändern, und welchem Druck wir da ausgesetzt sind. In "Safari" thematisiere ich das in Form einer Komödie. Bei Hauptmann spielt das auch eine große Rolle.

BT: Inwiefern?

Gaul: Die Frage von patriarchalen Strukturen, die es Frauen immer noch schwermachen, gesellschaftlich so voranzukommen, wie sie es möchten. Im Hauptmann-Text geht es um die Liebe zwischen einem alten, wohlhabenden Patriarchen, dem Verleger Matthias Clausen, und einer Jahrzehnte jüngeren Frau, die bei uns eine Praktikantin ist. Auch unsere Gesellschaft verbindet eine solche Liebesbeziehung nur mit Klischees. Wir unterstellen der Frau, dass sie aufs Geld aus ist, der Erotik der Macht verfällt und dem Mann, dass er kurz vor seinen letzten Lebensjahren eine junge Liebe spüren möchte. Und dieses im Umfeld einer neu aufkeimenden Feminismus-Debatte finde ich brisant.

BT: So streng ist die Gesellschaft nicht mehr wie zur Zeit Hauptmanns. Was haben Sie am Stück modernisiert?

Gaul: Wir haben es in die Gegenwart eines heutigen Verlags geholt, dessen Vorstand Clausen ist. Es ist ein Familienunternehmen, das er modernisieren muss. Er hat schon einen Nachfolger ausgewählt, seinen Schwiegersohn, der das Unternehmen im Zeitalter der Digitalisierung führen soll. Unter dieser Oberfläche geht es dann um die zeitlosen Fragen des Abdankens, des Rückzugs eines Unternehmenschefs. Was hinterlässt er seinen Kindern? Wie gehen seine Kinder damit um? Erbstreitigkeiten dieser Art kommen ja in den besten Familien vor.

BT: Hauptmanns Figuren sind Typen, die für moralische Aussagen stehen. Wie ist Ihre Inken charakterisiert?

Gaul: Inken ist eine selbstbewusste, im positiven Karrierebewusstsein ehrgeizige Frau, die ihr Praktikum im Clausen-Verlag macht. Wir haben schon einiges gestrichen: gerade die Passagen, in denen man merkt, dass Clausen ein Alter Ego von Hauptmann ist und er altväterlich, romantisierend auf diese Frau blickt, die so ganz zu seiner Erfüllungsgehilfin wird. Die Textfassung hat Kekke Schmidt, die Chefdramaturgin des Theaters, erarbeitet.

BT: Haben Sie mitgewirkt?

Gaul: Wir waren in ständiger Diskussion wie wir dieser Inken, die bei uns von Lilli Lorenz gespielt wird, ein starkes, selbstbewusstes Profil geben können. Sie nimmt bei uns den Kampf mit einer ganzen Familie auf, denn sie wird von Anfang an in bestimmte Klischeevorstellungen gedrückt: eine junge Frau, die sich an den Vater ranschmeißt, um an das Geld oder sogar an Unternehmensteile zu kommen. Inkens Kampf gegen ein Patriarchat rücken wir ins Zentrum.

BT: In Ihrer Inszenierung ist Clausen 70, in anderen Aufführungen war er auch schon um die 80. Warum ist er bei Ihnen im rüstigen Rentneralter?

Gaul: Bei Hauptmann ist er auch um die 70. Wir sind aber vor allem auf die Besetzungsmöglichkeiten im Haus eingegangen. Berth Wesselmann, der den Clausen spielt, ist ja noch ein bisschen jünger. Er hat im Stück noch die Unternehmensleitung inne und ist in einem Alter, in dem man überlegt: Gebe ich jetzt die Verantwortung an die nächste Generation weiter?

"Clausen ist bei

uns ein Alt-68er"

BT: Warum wählt ein so agiler Mann am Ende den Freitod? Er hätte doch gerichtlich gegen seine Entmündigung vorgehen können.

Gaul: Für mich gibt es nur eine Erklärung, warum sich Clausen umbringt: aus Eitelkeit. Er schwärmt ja anfangs von der Liegenschaft, die er sich in der Schweiz für seinen Ausstieg gekauft hat. Aber am Ende, wenn Inken ihn überzeugen will: "Du hast zwar den Krieg gegen Deine Familie verloren, aber ich bin noch da und Du bist noch da und die Schweiz auch" - in dem Moment verrät er sie. "Siehst Du den Mann, der einst so angesehen war, und heute ist er nur noch Speichel, den man mit dem Fuß vertritt", sagt er zu ihr. Den Verlust der bürgerlichen Ehre und seines Machtstatus' verkraftet er nicht. Das zeigt schon, dass es Clausen letztlich nicht so sehr um seine Liebe zu Inken ging, sondern um einen Status-Kampf. Genau darin liegt die Aktualität des Stückes im Sinne eines auch feministisch-emanzipatorischen Diskurses.

BT: Hauptmanns Drama kam 1932 heraus, ein Jahr vor der Machtübernahme Hitlers, auch der damals befürchtete Niedergang der abendländischen Kulturen steckt drin. Hat "Vor Sonnenuntergang" heute noch eine solche zeitgeschichtliche Dimension?

Gaul: Mit dieser Frage haben wir uns lange auseinandergesetzt. Hauptmann ist ja diesbezüglich sehr ambivalent. Er hat sich gegen die Nazis zuerst verwahrt, und als sie an der Macht waren, sich sehr opportunistisch verhalten, mit den Nazis mehr als nur sympathisiert. Im Stück ist Clausens Schwiegersohn Klamroth in einer früheren Fassung deutlich als Nationalsozialist markiert. Aber in der NS-Zeit, als Hauptmann hoffte, mit "Vor Sonnenuntergang" an die frühen großen Erfolge anknüpfen zu können, hat er diese negative Charakterisierung der Figur abgeschwächt und die Kennzeichnung als Nazi zurückgenommen.

BT: Wofür stehen Clausen und Klamroth bei Ihnen?

Gaul: Bei uns ist Clausen ein Alt-68er. Jemand, der damals auf die Straße gegangen ist und "Die Gedanken sind frei" gesungen hat, der mit seinem Verlag und seinem Geschäft auch ein liberales Denken verknüpfte. Klamroth verkörpert einen Verfechter des Silicon Valley. Der übernimmt den Verlag und vertritt die Meinung: Das, was wir hier machen, das gedruckte Wort, die Information, ist Macht. Da kommt es nicht mehr so sehr darauf an, ob wir die Wahrheit vermitteln, sondern letztlich wie viele Klickzahlen wir erreichen. Er ist sich dabei auch für Fake News nicht zu schade.

BT: Die Neuen Medien sind auch ein großes Thema fürs Theater. Hat die Bühne in Konkurrenz zu digitalen Angeboten bei der jüngeren Generation überhaupt eine Chance?

Gaul: Ich glaube, das wird mehr denn je wiederkommen. Je wichtiger die digitale Welt wird, umso größer wird die Sehnsucht nach unverbrüchlicher Realität, nach dem, was da und kein Avatar ist. Denn jede Theatervorstellung ist unverwechselbar. Gerade im Zeitalter von Social Media, Digitalisierung, Hyperrealitäten hat das Theater eine Riesenchance, dagegen das Hier und Jetzt der Realität zu setzen.

BT: Auch die Theater experimentieren mit VR in ihren Stücken. Welche Rolle könnten die Neuen Medien bei den Inszenierungen künftig spielen?

Gaul: Ich bin da zwiegespalten. Einerseits ist Theater ja ein Hypermedium, das alle anderen Medien vereinnahmen kann. Ich kann auf der Bühne eine Leinwand aufspannen und einen Film einspielen oder VR reinnehmen. Andererseits erlebt man derzeit auf den Theatern so viele Experimente, dass man mitunter denkt: Ja, wäre schon schön, sich auf das zu besinnen, was Theater kann und ist - Schauspieler, die vor Zuschauern ein Stück interpretieren.

BT: "Vor Sonnenuntergang" ist Ihre dritte Inszenierung fürs Theater Baden-Baden, nach "Geächtet" und "Bella Figura". Was bedeutet Ihnen die Theaterarbeit neben dem Filmen?

Gaul: Die Theaterarbeit schätze ich sehr. Der Film steht unter enormem ökonomischem Druck und jede Minute Filmarbeit kostet Unsummen; es ist auch ein sehr technikorientiertes Arbeiten. Das Theater ermöglicht etwas, was extrem wertvoll ist: einen ästhetischen Freiraum. Speziell zum Theater Baden-Baden und den Schauspielern hat sich über die drei Inszenierungen ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Ich habe bei dieser Produktion ein so großes Ensemble auf der Bühne wie noch nicht zuvor. Es ist eine tolle Sache, dass ich das Vertrauen bekommen habe und die Eröffnungsinszenierung der Spielzeit am Theater Baden-Baden machen darf.

BT: Welche Projekte verfolgen Sie nach der Premiere?

Gaul: Zwei Filme sind gerade in Planung: ein Kinofilm; es handelt sich um eine große Liebesgeschichte, die für den nächsten Sommer geplant ist - und darüber hinaus sitze ich an einem Drehbuch für eine Beziehungskomödie, ein Kammerspiel, von dem ich hoffe, es möglichst bald realisieren zu können.

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