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Im Geiste der Stadtbaukunst
30.08.2018 - 00:00 Uhr
Von Dorothee Baer-Bogenschütz

O! Da lag was in der Luft. Sauerstoff. In den 1770er Jahren entdeckten zwei Herren unabhängig voneinander, was uns leben lässt: das chemische Element mit dem Symbol O. Carl Wilhelm Scheele kam ihm als Erster auf die Sprünge. Geboren 1742 in Stralsund, mit schlechten Karten: Sein Geburtshaus wurde versteigert, als er drei war. Die Familie litt. Wie sich ihr Spross dann so auf den Hosenboden setzen konnte, dass er in Fachzirkeln höchste Anerkennung erlangte? Den berühmtesten Stralsunder trieb Wissbegier wie der Wind die Segel im Strelasund.

Das Elternhaus, damals vier Speichergeschosse umfassend, ist eine Ikone aus der Frühzeit der 1234 gegründeten "Meerstadt", wie die Schriftstellerin Ricarda Huch sie taufte, und nunmehr ihr schönstes Hotel. Lange der Verwahrlosung preisgegeben, wurde das im 14. Jahrhundert errichtete Dielenhaus nach dem Besitzerwechsel 2010 saniert. Zusammen mit dem im Kern gleichfalls mittelalterlichen Nachbargebäude sowie angrenzenden Architekturen entfaltete es sich zum "Scheelehof". Die Bauarbeiten trugen archäologische Früchte etwa in Form eines Wangelsteins wie sie, formal angelehnt an Seitenwangen kirchlichen Holzgestühls und versehen mit Hauswappen oder Heiligendarstellungen, einst als Statussymbole dienten oder der Orientierung für Orts- und Schriftunkundige.

Der Scheelehof ist ein hervorragendes Beispiel für das Selbstdarstellungsbedürfnis der erblühenden Hansestadt. Baukünstlerisch verortbar neben dem Rathaus mit der auf äußerste Repräsentation versessenen Schaufassade (um 1320) und dem Haus des Bürgermeisters Bertram Wulflam vis-à-vis, welches die extravagante Schaufront 1352 selbstbewusst zitiert.

Das Europäische Kulturerbejahr 2018, von der Europäischen Kommission deklariertes Themenjahr, befeuert die Frage: Was hat Stralsund aus dem Unesco-Welterbe-Status gemacht? Am 28. Juni 2002 erfolgte die Aufnahme ins prominente Register. Das Novum: Erstmals wurde zwei historischen Altstädten gemeinsam die Ehre zuteil. Wismar ist mit im Boot.

War vor 40 Jahren der Aachener Dom das erste zum Welterbe erklärte Bauwerk, so zierte das Etikett bald nicht mehr nur Einzelmonumente. Lübeck war die erste damit geadelte Stadt, ausschlaggebend dafür war das Erbe der Hanse. Das ließ Stralsund und Wismar nicht ruhen, besaßen sie nicht ungleich besser erhaltene Stadtbilder?

Bürger sorgten für Erhalt des Zentrums

In der Weihnachtszeit 2000 reichten die Schwesterstädte im Geiste der Stadtbaukunst - auf Anraten von Gottfried Kiesow, des Gründers der Deutschen Stiftung Denkmalschutz - einen 180 Seiten starken, reich bebilderten Welterbeantrag ein und wurden approbiert. Die Unesco betrachtete die im Gegensatz zur Konkurrenz an natürlichen Seehäfen der baltischen Küste gelegenen Mittelaltergründungen mit den stolzen Dielenhäusern, Kontoren und beheizbaren Kemläden - nach dem lateinischen "caminata" - als komplementär.

Was ist seither passiert, außer dass alljährlich das Print-Magazin "Welt-Kultur-Erbe" erscheint? Wismars kernsanierte St.Georgenkirche, jahrzehntelang dem Verfall ausgesetzt, wurde 2010 wiedereröffnet und zeigt regelmäßig, was in ihr steckt von Festspielen bis zu Ausstellungen. Ein Jahr alt wird an Weihnachten das dank einer Förderung von zehn Millionen Euro restaurierte und erweiterte Stadtgeschichtliche Museum: Als Haupthaus des Bauensembles glänzt eines der ältesten Wismarer Gebäude: Schweinsbrücke 6.

Allerlei gelingt just im Welterbejahr am Strelasund: Die ehemalige NVA-Nachrichtenzentrale wurde am 4. Mai als Zentraldepot für die Bestände von Stadtarchiv und Stralsund Museum, dem seinerseits mehrere Millionen für die Sanierung bewilligt werden, zur neuen "Schatzkammer" auf rund 5000 Quadratmetern. Für 30 Millionen Euro wird ab Herbst 2019 in rund drei Jahren das Meeresmuseum im historischen Klosterkontext vom Stuttgarter Büro Reichel Schlaier Architekten modernisiert.

Stralsund war in der DDR zum Flächendenkmal erklärt worden, doch ohne strategischen Plan. In der Wendezeit erwirken Bürgerproteste immerhin einen Abbruchstopp. In den 1990er Jahren reißt die Deutsche Stiftung Denkmalschutz mit staatlicher Förderung das Ruder herum. Stralsund wird Musterschülerin im Fach Stadtsanierung. Nicht zuletzt dank des Bürgerkomitees, das den Erhalt des Zentrums betrieb und 2019 sein 30-jähriges Bestehen feiert, erstand das Hanse-Juwel neu.

Ein kluger Kurs wurde gesteuert auf der Hafeninsel. Im Fahrwasser des Bilbao-Effekts entstand ein dem Alten Markt korrespondierendes neues Magnetfeld rund um das vom Stuttgarter Büro Behnisch Partner realisierte schwanenweiße Ozeanum. Ein Museum wie ein Ufo, vom Volksmund treffend als Klorolle verulkt, weil es sich entsprechend - im Frank-Gehry-Stil - in den Raum drapiert.

Handelsfreiheit schon seit 1283

Nicht nur Freunde von Baukunst und Meeresbrise, auch Weltmarktteilnehmer dürften nun, in einer Zeit neuer Zollschranken und protektionistischer Hemmnisse, einmal Richtung Hanse äugen: Der 1283 unter Beteiligung von Wismar und Stralsund abgeschlossene Bündnisvertrag zum Schutz der Handelsfreiheiten war ein Meilenstein auf dem Weg zur Städtehanse.

Die Pflaster der Welterbestädte führen wie Romantiker-Bilder in die Tiefe, hin zu Betrachtungen über Stadt, Land, Meer und die großen Kreisläufe, die der kleine Mensch beeinflussen kann. Stralsund hat er sich postkartenschön zurück erobert. Die pastellfarbene Palette der Fassaden in Lachstönen, Trabi-Blau, Vanille-Gelb oder dem dunklen Rot der Backsteinbauten und Ziegeldächer, das ist die Schminke Stralsunds. Die Weitsicht ist der "Meerstadt" Motor. Sie wäre nicht so groß geworden ohne den Mut und Elan einzelner. So liegen hier etwa die Anfänge des Kaufhausimperiums Wertheim, das Berlin um 1900 Europas größtes Kaufhaus bescherte. In der Ossenreyerstraße befindet sich die Dauerausstellung zum Unesco-Welterbe sowie Jakob Philipp Hackerts Tapetensaal, entstanden für Adolf Friedrich von Olthof: Der eng mit Stralsund verbundene Kunstmäzen war es, der die Karriere des namhaften Landschafters des Klassizismus - bis heute sichtbar - mit anstieß:

Am 1. September hat die neue "Stralsunder Museumsnacht" Premiere, am 9. September widmet sich der "Tag des offenen Denkmals" dem Kulturerbejahr. Perfekt in diesen Rahmen passt der Geburtstag von Olthofs, der sich zum 300. Mal jährt: Sein Palais ist eine Perle in der Krone der Backsteinkönigin Stralsund.

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