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Zwei Schüler packen zu - und retten zwei Leben
04.09.2018 - 06:27 Uhr
Von Sandra Trauner

Helena Bamberg hatte gerade Französisch, als Mädchen der Nachbarklasse sie zu einem Notfall riefen. David Püls saß in der Schulmensa, als sein Freund attackiert wurde und in Ohnmacht fiel. Die beiden Gymnasiasten taten das, was sich viele Erwachsene nicht zutrauen: zupacken im Notfall. Zum "Tag der Ersten Hilfe" an diesem Samstag betonen professionelle Ersthelfer: Nichts ist falscher, als Nichtstun.

Der plötzliche Herztod sei eine der häufigsten Todesursachen in Deutschland, betont die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI): 80000 bis 100000 Fälle pro Jahr. Dennoch beginnen in Deutschland Laien nur selten eine Wiederbelebung.

"Pro Minute, die bis zum Beginn der Reanimation verstreicht, verringert sich die Überlebenswahrscheinlichkeit des Betroffenen um etwa zehn Prozent", schreiben Experten der Allianz "Ein Leben retten", an der unter anderem die DGAI beteiligt ist. Nach fünf Minuten sei der Patient in der Regel tot - bis der Rettungswagen da ist, dauert es meist länger. "Eine schnelle Erste Hilfe in Form einer Herzdruckmassage durch Laien ist somit überlebensnotwendig."

Da dachte ich: "Los geht's"

Helena Bamberg hat damit 2014 einem Mitschüler in Frankfurt das Leben gerettet. Bei ihnen sei "wer umgekippt", sagten die Mädchen aus der Nachbarklasse, als sie die Schulsanitäterin zum Einsatz riefen.

Mal wieder jemand, der zu wenig gegessen hat, dachte sich die heute 21-Jährige damals, "aber als ich rüber kam, lag da der Flo." Sie sprach ihn an - keine Reaktion. Sie überprüfte die Atmung - nicht vorhanden. "Da dachte ich: Los geht's."

Wie eine Reanimation geht, wusste sie zumindest theoretisch. In der Frankfurter Ziehenschule machen alle Neuntklässler einen neunstündigen Erste-Hilfe-Kurs. Wer sich danach für den Schulsanitätsdienst bewirbt, setzt noch eine monatliche Fortbildung oben drauf. Helena hatte zusätzlich sogar noch eine Ausbildung zur Sanitätsdiensthelferin beim Arbeiter-Samariter-Bund absolviert - sie war also vorbereitet.

Dennoch war ihre erste Reaktion, als sie den Jungen leblos auf dem Boden vorfand: "Oh Gott! Man denkt ja nie, dass man mal wirklich in so eine Situation kommt. Aber dann muss man plötzlich liefern." Etwa fünf Minuten lang hielt sie durch rhythmisches Drücken Florians Herz am Schlagen. Dann kam der Lehrer, der den Schulsanitätsdienst leitet, und löste sie ab. Nach etwa zehn Minuten waren die Rettungssanitäter da, setzten den Defibrillator an und brachten den Patienten ins Krankenhaus.

Was mit Florians Herz 2014 los war, wurde nie geklärt. Aber er habe überlebt - ohne bleibende Schäden, erzählt Helena. Florian und seine Retterin sind bis heute befreundet. Helena studiert inzwischen Medizin in Dresden. Gerade macht sie ein Praktikum in der Notaufnahme. Ärztin werden wollte sie zwar schon, bevor sie zur Lebensretterin wurde. Aber die Erinnerung an ihren Einsatz hilft ihr, sagt sie, wenn sie wochenlang über Büchern brüten muss: "Ich weiß: Dafür mache ich das."

David Püls war kein Oberstufenschüler, als er zum Ersthelfer wurde, und er hatte auch keinen Kurs gemacht. Er war Elf und gerade in die fünfte Klasse einer Wiesbadener Gesamtschule gekommen. Dennoch waren die Profis von der Johanniter-Unfall-Hilfe beeindruckt von dem "außergewöhnlich beherzten und engagierten" Einsatz des Jungen, wie Regionalvorstand Ulf Weyer berichtet.

Im Winter 2017 saßen David und sein Freund in der Mensa ihrer Schule, als am Tisch ein Streit um einen Sitzplatz entbrannte. Ein dritter Junge habe seinen Freund von hinten in den Schwitzkasten genommen und gewürgt, erinnert sich David.

"Er fiel in Ohnmacht." David rief einen Lehrer, der half, den Freund ins Krankenzimmer zu bringen. "Ich habe ihn dann in die stabile Seitenlage gebracht und ihn unterstützt, mit ihm geredet und so, bis seine Mutter und die Sanitäter kamen."

Rettungsassistent Thomas Draser war beeindruckt. "Das war schon bemerkenswert, wie er sich gekümmert hat", sagt der 34-Jährige. "Die psychische Erste Hilfe ist ja ein wichtiger Baustein." Auch die stabile Seitenlage habe er super hinbekommen. "Das ist selbst bei Erwachsenen sehr selten, dass das so akkurat passiert."

Dass der Fünftklässler wusste, was viele Erwachsene nicht wissen, ist dem Kinderfernsehen und seiner Mutter zu verdanken. Als Leiterin einer Kita muss Susanne Püls regelmäßig Erste-Hilfe-Kurse machen. Als David in einer Sendung etwas über die stabile Seitenlage hörte, bat er seine Mutter, ihm zu zeigen, wie das geht. "Ich hatte nicht erwartet, dass er sich das so einprägt", sagt die 49-Jährige.

"Das ist doch das Normalste der Welt"

Dass ihr Sohn hilft, wenn andere in Not sind, findet sie "selbstverständlich". Dass David in der Schule ständig angesprochen wurde, dass die Johanniter ihm ein Geschenkpaket schickten und ihn zu einem kostenlosen Erste-Hilfe-Kurs einluden, hat sie mehr überrascht als sein Einsatz. "Das ist doch das Normalste der Welt."

Auch Helena Bamberg sagt, was sie damals gemacht hat, hätte jeder andere auch tun können. Herzdruckmassage ist Bestandteil jedes Erste-Hilfe-Kurses und in der Klasse von Florian hatten schon viele einen Führerschein. Dass nur Helena geholfen hat, liegt ihrer Einschätzung nach daran, dass sie es vorher geübt hatte: "Es fühlte sich kaum anders an als das Üben mit dem Dummy. Ich habe einfach das Programm abgespult."

Helena Bamberg würde sich wünschen, "dass mehr Menschen ein Interesse an Erster Hilfe haben und dass die Hemmschwelle sinkt". Dazu beitragen sollen der "Tag der Ersten Hilfe" am 8. September, die "Woche der Wiederbelebung" vom 17. bis 23. September oder Kampagnen wie "Ein Leben retten".

"Deutschland hat im Europavergleich Nachholbedarf", schreiben die Fachgesellschaften, die sich für "Ein Leben retten" zusammengefunden haben: "In Deutschland beginnen in nur 15 Prozent der Fälle Laien vor Eintreffen des Rettungsdienstes mit Wiederbelebungsmaßnahmen."

In den meisten europäischen Ländern liege diese Rate deutlich höher, in Schweden und Norwegen etwa bei 60 Prozent. "Dabei sind die Maßnahmen zur Wiederbelebung eines Menschen einfach. Man kann nichts falsch machen. Jeder kann es."

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