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Nichtstun ist das größte Risiko
06.09.2018 - 00:00 Uhr
Von Hans-Dieter Fronz

Er zählt zu den bedeutendsten Kunstwerken der abendländischen Kultur: der Isenheimer Altar Matthias Grünewalds und Niklaus von Hagenaus. Jahr für Jahr pilgern Hunderttausende von Kunstfreunden zum Unterlindenmuseum in Colmar, nur um Grünewalds Altarbilder zu sehen. Doch sehen sie dieses Meisterwerk der Spätgotik auch in seiner ursprünglichen, authentischen Gestalt?

Eingehende Untersuchungen haben eine starke allgemeine Verschmutzung sowie eine Oxidation und Trübung der Farben der elf Tafelbilder erbracht. Grund ist die große Zahl von Firnisschichten, die seit der Entstehung der Gemälde aufgetragen wurden. Beispielsweise war der Himmel des ikonischen Kreuzigungsbildes ursprünglich nicht nahezu schwarz wie heute, sondern blau: Die Leuchtkraft der Farben wird von den Firnisschichten geschluckt. Das von Grünewald verwendete Kupfergrün oder auch gelbe Farbschichten haben sich so im Laufe der Jahrhunderte ins Bräunliche verfärbt.

Weil eine Restaurierung dringend geboten erscheint, soll der kostbare Altar in den nächsten vier Jahren aufwendig und umfassend restauriert werden. Die wissenschaftlichen Untersuchungen mittels modernster Methoden wie Radiografie, 3D-Mikroskopie und Röntgenfluoreszenzanalyse sind abgeschlossen und die Arbeiten können beginnen. Während der gesamten Dauer der Restaurierung muss der Besucher immer nur auf einen der drei Teile des Altars verzichten. Über den Fortgang der Arbeiten informieren ein Bildschirm sowie eine Powerpoint-Präsentation neben dem Altar. Teile der Arbeiten werden am Standort des Altars vor den Augen der Öffentlichkeit selbst ausgeführt.

Seit dem 18. Jahrhundert ist der Isenheimer Altar mehrfach instand gesetzt und mit einem neuen Firnis versehen worden. Hauptziel der aktuellen Restaurierung ist es, die Brillanz der Farben wiederzugewinnen und dem Besucher so einen Eindruck vom ursprünglichen Aussehen des Altars zu gewähren. Schon 2011 wurde einmal mit der Restaurierung begonnen. Seinerzeit sollten lediglich die oberen Firnisschichten der Bildtafeln abgetragen werden. Eine derartige Firnisdünnung ist bei Kunstwerken dieses Alters ein gängiges Verfahren ohne wirkliche Risiken. Dennoch führte massive öffentliche Kritik zur Einstellung der Arbeiten.

Pantxika De Paepe, Direktorin des Unterlindenmuseums, räumt ein, dass das seinerzeitige Vorhaben möglicherweise nicht hinreichend an die Öffentlichkeit kommuniziert wurde. Diesen Fehler wollte man dieses Mal nicht machen. Vor einer großen Schar von Medienvertretern erläutert die Museumsleiterin gemeinsam mit Vertretern staatlicher Kulturinstitutionen, den beiden Chefrestauratoren und Thierry Cahn - Präsident der Schongauer-Gesellschaft, die den in Staatsbesitz befindlichen Altar verwaltet - das ehrgeizige Vorhaben. Zahlreiche an die Wand projizierte Schautafeln, Diagramme und Übersichten kommen zum Einsatz, um die gründliche wissenschaftliche Basierung der Unternehmung zu untermauern. "Wir wollen, dass der Altar ein Gesamtkunstwerk bleibt und dass die Einheitlichkeit zwischen den verschiedenen Bildtafeln gewährleistet bleibt", sagt Isabelle Pallot-Frossart, die aus Paris angereiste Leiterin des C2RMF, des Zentrums für Zentrum und Restaurierung der Museen Frankreichs.

Begonnen wird fürs erste mit den Skulpturen und den dekorativen Elementen des Skulpturenschreins von Niklaus Hagenau. 16 Monate sind für die Restaurierung vorgesehen. Dabei geht es um die Fixierung der Skulpturen und die Festigung der konstruktiven Teile, aber auch um die Säuberung sowie die Behebung von Fehlstellen der Farbschicht der übermalten Skulpturen. Zudem wird die Rahmenkonstruktion der Skulpturen stabilisiert und gereinigt.

Finanziell unterstützt wird das Vorhaben durch Sponsoren und private Geldgeber. Rund zehn Prozent der Gesamtkosten in Höhe von 1,2 Millionen Euro, so hofft Thierry Cahn, sollen durch Crowdfunding im Internet aufgebracht werden.

"Nichtstun wäre das größte Risiko", warnt Juliette Lévy, die Chefrestauratorin des Skulpturenschreins. Auch würden bei derartigen Arbeiten immer wieder neue Erkenntnisse für die kunstgeschichtliche Deutung von Werken gewonnen. Anthony Pontabry, Chefrestaurator der Grünewald-Bilder, pflichtet der Kollegin bei: Speziell bei den Gemälden bestünde die Hoffnung, vertiefte Einsicht in Grünewalds Maltechnik zu erlangen.

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