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"Wir sparen in der Infrastruktur, für gutes Programm"
22.09.2018 - 00:00 Uhr
Baden-Baden - Der SWR wird am Standort Baden-Baden kein dauerhaftes nationales Sportzentrum von ARD und ZDF wie jüngst zur Fußball-Weltmeisterschaft einrichten. SWR-Intendant Peter Boudgoust erteilt solchen Wünschen, auch von der Stadt und Kommunalpolitikern geäußert, im Interview mit BT-Redakteurin Anja Groß eine klare Absage. Auf einem guten Weg sieht er mittlerweile das SWR-Symphonieorchester, dessen Fusion vor zwei Jahren gerade auch in Baden-Baden für viele Diskussionen gesorgt hatte.

BT: Herr Boudgoust, der Bau des SWR-Medienzen-trums ist derzeit am Standort Baden-Baden durch die täglichen Sprengungen unüberhörbar. Liegen die Arbeiten im Zeitplan?

Peter Boudgoust: Sie liegen sogar so gut im Zeitplan, dass wir nur noch zwei- bis dreimal pro Woche sprengen lassen. Es hat sich herausgestellt, dass mit jeder Sprengung mehr Aushub gelöst wird - das ist eine Erleichterung für Mitarbeiter und Anwohner. Wobei man sagen muss, der Lärm bewegt sich ohnehin schon deutlich unter dem, was maximal zulässig wäre.

BT: Viele Bauherren klagen, dass die aktuelle Hochkonjunkturlage auf dem Bausektor ihr Projekt verzögert. Trifft das auch den SWR?

Boudgoust: Wir hatten Glück mit einer klugen Ausschreibung, die ja auch eng mit der Stadt abgestimmt war, und sind sehr zufrieden mit dem Baufortschritt. Wir denken, dass wir Anfang des nächsten Jahres mit dem Aushub fertig sein werden und planmäßig 2022 das neue Gebäude einweihen können. Das neue Medienzentrum ist die Verbindung von Fernsehen, Hörfunk und Online - all das, was wir in der digitalen Welt auch vereinen wollen. Die Kollegen rücken zusammen. Damit wird es viel leichter werden, gemeinsam Themen zu planen und umzusetzen. Das ist ja eigentlich der Kern des Ganzen. Finanziert wird das ganze Projekt zum Großteil aus dem, was wir westlich der Hans-Bredow-Straße verkaufen und an Sanierungs- und Finanzierungsbedarf einsparen. Das nützt am Ende auch dem Beitragszahler, weil wir deutlich weniger Raum und damit deutlich niedrigere Bewirtschaftungskosten haben werden.

BT: Das Projekt gehört zu dem Einspar- und Umbauprozess, mit dem der SWR bis 2020 rund 160 Millionen Euro an strukturellen Einsparungen und rund 600 Beschäftigungsverhältnisse abbauen will. Wie ist da der aktuelle Wasserstand?

Boudgoust: Auch da sind wir voll im Zeitplan. Das hat gut funktioniert. Es waren auch Härten, die wir den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zugemutet haben, aber es ist gelungen, die Grundidee beizubehalten: Wir sparen in der Infrastruktur, für gutes Programm. Und von den Einsparungen investieren wir einen Teil wiederum in neue, digitale, multimediale Arbeitsformen und Angebote. So ein Prozess ist nie richtig beendet, aber wir sind nach meinem Empfinden schon vorne mit dabei - auch im Vergleich zu anderen Sendern.

BT: Und im ARD-weiten Vergleich? Immerhin ist der SWR der zweitgrößte Sender.

Boudgoust: Auch dort. Wir sind in vielem Pioniere - insbesondere mit der Einrichtung von Funk als einem reinen Onlineangebot für alle zwischen 14 und 29 Jahren. Das war seinerzeit nicht unumstritten, inzwischen sind alle der Meinung, dass uns das in eine neue Zeit gebracht hat. Funk ist eine Idee des SWR, deren Erfolg uns jetzt bestätigt. Die ARD profitiert enorm, in unseren Programmen und auch davon, wie dort Ideen entstehen. Der SWR ist auch der Sender, der die ARD-Mediathek betreut. Und jetzt gibt es da nach zehn Jahren eine komplett neue Version. Wir starten damit in der Betaphase. Heißt: Wir beteiligen die Nutzerinnen und Nutzer in einem interaktiven Prozess übers Netz an der Entwicklung dieses Angebots. Und das ganz gezielt. Wir wollen gerne das Feedback, um die Plattform letztlich so gut wie nur möglich zu machen.

BT: Aber ist es nicht bedenklich, in Zeiten, in denen seriöse Berichterstattung und Qualitätsjournalismus wichtiger denn je scheinen, die Sparschraube anzusetzen?

Boudgoust: Wir sparen vor allem in der Infrastruktur, also in Produktion und Verwaltung, übrigens auch in der Intendanz. Aber wir sparen, wenn es geht, nicht im Programm. Das wäre in der Tat in diesen Zeiten verhängnisvoll, wo Qualitätsjournalismus von Zeitungen und öffentlich-rechtlichem Rundfunk nötiger ist als je zuvor, um diese Gesellschaft zusammenzuhalten, die Gefahr läuft zu zerreißen. Es ist wichtig, ein gemeinsames öffentliches Forum aufrechtzuerhalten. Da wäre es fatal, an der Qualität oder den Programminhalten zu sparen. Deswegen haben wir als ARD uns gegenüber der Politik auch verpflichtet, noch mal ein sehr ehrgeiziges Einsparprojekt aufzulegen, das sich mit Produktion und Administration beschäftigt, und wo wir einen hohen dreistelligen Millionenbetrag einsparen wollen. Klar ist für mich aber auch: Mehr geht nicht. Es geht schon jetzt an die Substanz.

BT: Durch multimediales Arbeiten verändern sich auch die Anforderungen an die Mitarbeiter stark. Das stößt sicher nicht bei allen auf Gegenliebe.

Boudgoust: Klar, das ist auch mit Ungewohntem verbunden. Deswegen ist es wichtig, alle Kolleginnen und Kollegen mitzunehmen. Wir investieren viel in Fortbildung, müssen das digitale Mindset weiterentwickeln, weil es einfach keine Alternative dazu gibt. Und uns ist eine Kultur wichtig, in der man auch Fehler machen darf. Dass auch mal etwas nicht gleich klappt, bedeutet nur: Wir lernen weiter und sind beim nächsten oder übernächsten Mal dann erfolgreicher.

Orchesterfusion

war notwendig

BT: Mit großem Getöse ging 2016 die Fusion des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg und des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart über die Bühne. Wenn Sie heute draufschauen: Würden Sie es noch einmal so machen?

Boudgoust: Mit der Verpflichtung von Teodor Currentzis wird wirklich eine neue Ära eingeläutet. Er ist einer der weltweit gefragtesten, interessantesten Dirigenten, der Musiker und Publikum fordert, aber der auch neue Schichten erschließt und Musiker wie Publikum begeistern kann. Das SWR Symphonieorchester hat mit ihm einen Chefdirigenten von Weltruhm bekommen. Ich glaube, die Fusion war notwendig, aber es war ein schmerzhafter Prozess. Ich bin mir nicht sicher, ob wir den mit noch mehr Kommunikation weniger schmerzhaft hätten ausgestalten können. Denn am Ende haben auch Strömungen mitgespielt, die gar nichts mit der fachlichen Frage zu tun hatten. Ich glaube, das war ein Prozess, der uns dort hinbringen wird, wo wir hinwollten, nämlich an die Spitze. Allein die Entwicklung, die das fusionierte Orchester nach zweifellos sehr schwierigen Anfängen genommen hat, ist außerordentlich erfreulich und wird auch in der Fachwelt entsprechend bewertet. Teodor Currentzis hat dem Ganzen noch dazu einen Schwung gegeben, der sich überall herumspricht.

BT: Der Umbau schreitet auch in einem anderen Bereich voran: Multimedial lautet das Schlagwort beim SWR, der seit kurzem auch eine multimediale Chefredaktion hat. Was steckt dahinter?

Boudgoust: Vor anderthalb Jahren gab es noch drei Chefredakteure, nach verschiedenen Sparten und Standorten geordnet. Heute haben wir mit Fritz Frey nur noch einen, seine Stellvertreterin ist Gabi Biesinger. Das heißt, es wird die ganze Aktualität in einer gemeinsamen Themenplanung angeschaut, die Verteilung der Aufgaben geschieht multimedial. Es ist nicht mehr so, dass parallel gearbeitet wird - ohne Kenntnis dessen, was im anderen Medium passiert. Das erleichtert es, klarer zu planen und im gesamten SWR - von Mainz über Baden-Baden bis Stuttgart - die Themen gleichermaßen abgestimmt umzusetzen.

BT: Baden-Baden hat sich bei der Fußball-WM als gemeinsames Sendezentrum von ARD und ZDF im Wettbewerb um den Standort eines nationalen Sendezentrums der ARD gut positioniert. Aber auch Mainz, Köln und Leipzig buhlen um den Zuschlag. Gibt es in dieser Sache schon etwas Neues?

Boudgoust: Das war ein Riesenerfolg, und die ARD hat bei den Gesamtkosten auch noch einen siebenstelligen Betrag gespart. Wir haben im Vergleich zum vorhergehenden Großereignis dieser Art nur die Hälfte der Mannschaft benötigt. Das hat den Gedanken eines gemeinsamen Sportproduktionszentrums befördert. Da laufen aber noch die Gespräche zwischen ARD und ZDF. Nicht zuletzt ist natürlich die Frage, wie man unnötige Reisen oder Übernachtungen vermeiden kann, eine ganz wichtige für die Wirtschaftlichkeit des Ganzen.

BT: Aber wie stehen die Chancen für Baden-Baden im Ringen um ein nationales Sendezentrum?

Boudgoust: Für uns war das eine ganz klare Abwägungssache zwischen dem neuen, jetzt im Bau befindlichen Medienzentrum oder einem Komplex eines nationalen Sportsendezentrums, das den Großteil der Zeit nicht genutzt wird. Wir haben uns eindeutig für die Variante entschieden, die Baden-Baden dauerhaft im SWR verankert. Bezüglich des nationalen Sendezentrums laufen die Gespräche, um eine Rundfunkanstalt zu finden, die in der Lage und bereit ist, eine komplette Gebäudestruktur auf Dauer vorzuhalten. Ich persönlich hege auch Zweifel, ob das für Sportereignisse, die nur alle zwei Jahre stattfinden, überhaupt wirtschaftlich sinnvoll ist.

BT: Könnten die erwähnten Einsparungen beispielsweise dazu führen, dass man sich am Poker um Sportrechte wieder beteiligt, um im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wieder manches übertragen zu können, was viele Zuschauer schmerzlich vermissen?

Boudgoust: Wir haben schon vor einiger Zeit erklärt, dass wir nicht jedes Preistreiben mitmachen können und werden. Wir haben einen gedeckelten Sportrechte-Etat. Wenn die Sportrechte im Fußballbereich immer teurer werden, werden wir eben auch nur noch einen Teil dieser Sportrechte erwerben können. Wir sind aber auch selbstbewusst unterwegs und haben vielen Sportarten - gerade im Wintersport - seitdem zu Attraktivität verholfen. Auch mit der Übertragung der European Championships in Glasgow und Berlin in diesem Sommer haben wir gezeigt, was möglich ist, wenn Rundfunk und Sportverbände zusammenarbeiten.

BT: Bei der jüngsten Diskussion über die Rundfunkgebühren hat sich gezeigt, dass diese auch in der Politik umstritten sind - und möglicherweise nicht bis in alle Ewigkeit Bestand haben werden. Wappnen Sie sich dafür?

Boudgoust: Ich glaube, es ist vielen Menschen und auch der Politik deutlich geworden, welch große integrative Kraft dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk zukommt. Wir erreichen pro Woche mit unserem Gesamtangebot Fernsehen, Hörfunk, Online mehr als 90 Prozent aller Deutschen - also auch die Milieus, die von sich behaupten, sie seien gar nicht mehr interessiert an Nachrichten und die teilweise auch offen mit der Demokratie hadern. Das kann nach meiner festen Überzeugung nicht auf einer anderen Grundlage erfolgen als durch die Unterstützung von allen. Die Überlegungen, das herunterzufahren, würden dazu führen, dass wir nicht mehr der Anbieter sind, der alle erreicht mit dieser großen integrativen Kraft. Wir wären damit ein Nischenanbieter. Es geht also weniger um den Rundfunk, sondern darum, wie wir diese freiheitlich-demokratische Gesellschaft aufrechterhalten können. Und da kommt dem gemeinsamen und freien Rundfunk eine enorm wichtige Bedeutung zu, gerade auch in digitalen Zeiten. Das hat ja auch das Bundesverfassungsgericht noch mal sehr eindrucksvoll ausgeführt, indem es darauf hingewiesen hat, dass die Logik der Algorithmen nicht zu einer Stärkung von Vielfalt führt. Das Resultat ist vielmehr, dass Leute mit den gleichen Interessen zusammenkommen und die Vielfalt an Information und Meinungen zu kurz kommt, die es braucht, damit eine Gesellschaft, unsere Demokratie auf Dauer existieren kann. Die ARD ist ein Garant dieser Demokratie.

BT: Mal in die Glaskugel geschaut: Wo steht der SWR in 20 Jahren?

Boudgoust: Ich hoffe sehr, dass der Prozess noch weitergeht in Richtung Multimedialität - nicht als Selbstzweck: Wir wollen dort für alle präsent sein, wo sie uns nutzen.

BT: Am 1. Mai 2017 hat Ihre dritte Amtszeit begonnen, mit 63 denken andere langsam an Ruhestand. Wie lange werden Sie den Prozess noch begleiten?

Boudgoust: Das werde ich mit mir und meiner Familie ausmachen, wenn der Tag gekommen ist. Meine Amtszeit läuft bis 2022. Unsere Aufgaben sind zu wichtig, um derzeit auch nur einen Gedanken ans Aufhören zu verschwenden.

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