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Kraftakt um Ibsens Frauenrollen
08.10.2018 - 00:00 Uhr
Von Ute Bauermeister

Wohin schauen? Viele Schicksale spielen sich gleichzeitig ab. Die Bühne ist ein verschachteltes Puppenhaus auf mehreren Ebenen. Simultan erlebt der Zuschauer drei Dramen von Ibsen, serviert als immenses Spektakel, bei dem es an nichts fehlt: großartige Darsteller, musikalische Einlagen, die ans Herz gehen, Schlägerei, Heuchelei, Morddrohungen, eine planschende Meerjungfrau, Seidensocken und Federball. Langweilig wird es keine Sekunde während der drei Stunden und 15 Minuten dauernden Aufführung von "Nora, Hedda und ihre Schwestern", einer Symbiose aus drei Dramen von Ibsen, die Ulrike Syha komprimiert und miteinander verwoben hat.

Regisseurin Anna Bergmann feiert ihren Einstieg als neue Schauspieldirektorin des Badischen Staatstheaters mit einem Paukenschlag. Sie nutzt Videos, Musik, Kostüme (Sibylle Wallum) und ein spannend-durchdachtes Bühnenbild (Katharina Faltner) um ein Power-Paket zu bieten, bei dem man sich ein bisschen so fühlt, als würde man gleichzeitig die amerikanische Fernsehserie "The Affair" schauen, wäre dabei auf Tinder zugange und dazu noch Part einer Reality-Show.

Auch sexueller Missbrauch kommt zur Sprache, vorwiegend geht es jedoch um die Selbstverwirklichung dreier starker Frauen. Anerkennung heißt das Zauberwort, das am Ende in roter Schrift auf den Wänden steht. Nora, Hedda und Ellida versuchen gegen Heuchelei, Betrug und Lüge anzukämpfen. Die meisten Personen sind permanent gleichzeitig in diesem Haus: unten bei Nora im Wohnzimmer scheint zu Beginn noch alles in Ordnung. Bea Brocks rockt sich schier um den Verstand, um ihren Mann davon abzubringen, den verhängnisvollen Brief aus dem Kasten zu holen. Sie steckt in einem Tüllrock und hat dasselbe Kleid wie ihre Puppe an, die wiederum mit einer integrierten Kamera Nahaufnahmen von Noras Gesicht auf eine andere Zimmerwand projiziert. Damit werden die Verstrickungen noch deutlicher, gepaart mit dem mulmigen Gefühl der Überwachung bieten sie Detailansichten der Mimik dieser Frauen.

Hedda agiert auf der zweiten Etage in einer Art verglastem Gewächshaus-Atelier, wo sie sich ihrer Kunst widmet. Sina Kiessling verleiht dieser Hedda eine bewundernswert arrogante Härte. Die dritte ist Ellida, "die Frau am Meer", die einer alten Seemanns-Liebe nachtrauert und mit dem falschen Mann verheiratet ist. Vor dem Puppenhaus steht ein kleines Becken, gefüllt mit Wasser, das von den meisten Darstellern bespielt wird, mal stecken sie den Kopf rein, waten darin, fallen hinein, absolvieren ihr Wasserballett darin, einmal wird sogar hinein gepinkelt. Es ist ein zentraler Ort, der ebenfalls gefilmt als schwarzes, geheimes Becken auf die Wand in Heddas Wohnung projiziert, zum Kunstwerk mutiert. Anna Gesa-Raija Lappe verleiht der Frau am Meer eine fast schon gespenstische Aura aus zeitloser Distanz, sie scheint nicht mehr von dieser Welt, tief verbunden mit dem anderen Element, dem Wasser, spricht sie auch mal norwegisch und singt ihre Ode (jede Frau hat ihr eigenes trauriges Lied) mit anrührender Intensität.

Am Ende erkämpft auch sie sich ihre Unabhängigkeit von Dr. Wangel, den Timo Tank mit abgehetzter Würde gibt. André Wagner darf in einer Doppelrolle so richtig aufdrehen, in silbernen Shorts turnen oder widerlich Gesichter abschlecken. Lisa Schlegel kann ebenfalls in zwei Rollen glänzen.

Meik van Severen mimt exzentrisch und mit toller Singstimme den durchgeknallten Künstler als Transvestit. Jannek Petri darf als Heddas Ehemann sein Bäuchlein zeigen, Malte Sundermann gibt den in Normen verhafteten Gatten von Nora und Ute Baggeröhr hat starke Auftritte in zwei Rollen. Diese Truppe bringt am Ende das Puppenhaus zum Bersten in einer Show, die von grotesk bis lächerlich alle Register emotionaler Körperlichkeit zieht, vielschichtig und traurig, freudig und hoffnungsvoll, wie das echte Leben, ein Kraftakt, der sich lohnt!

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