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"Cabaret" versetzt in Swinglaune
15.10.2018 - 00:00 Uhr
Von Gisela Brüning

"Das Lachen wird euch bald vergehen, denn wenn ihr nicht aufpasst, wird es bald nichts mehr zu lachen geben", möchte man die aufgekratzten Zuschauer warnen, die nach der ersten Hälfte der Vorstellung beschwingt in die Pause drängen. Das Musical "Cabaret", das im Theater Baden-Baden seine umjubelte Premiere gefeiert hat, schien dem Verlangen der Menschen nach unbeschwerter Heiterkeit ganz und gar zu entsprechen. Das verrät der immer wieder aufflammende Szenenapplaus des Premierenpublikums. Zu diesem Zeitpunkt lassen die Handlung und die Protagonisten auch kaum einen Grund zur Besorgnis aufkeimen, es sei denn, man sah die Alarmzeichen.

Die Inszenierung hält in Atem dank eines kongenialen Zusammenwirkens des in Baden-Baden bereits sehr positiv aufgefallenen Regisseurs Ingmar Otto mit seinem Team: Sven Niemeyer, der gefeierte Musicalchoreograf, Tänzer, und Dozent, lässt die "Puppen" mit unnachahmlicher Raffinesse und Verve tanzen. Matthias Strahm, verantwortlich für die fantasievollen Kostüme der 1920er bis 30er Jahre, weckt nostalgische Reminiszenzen. Ausstatter Steven Koop sorgt für die stimmige Atmosphäre des "Kit-Kat-Clubs", der schon bessere Zeiten erlebt hat. Ihn umgibt eine braune Arena, der man nur über multifunktionale Steigeisen entrinnen kann. Darüber hinaus illustriert die Szenerie die unruhige Zeit sozialer Verwerfungen, des Verlusts und der Fluchten mit verschrammten Vulkanfiber-Koffern, die nicht nur letzte Habseligkeiten bergen, sondern als Ersatz für fehlende Möblierung dienen.

Die Musik, das tragende Element eines Musicals, dringt aus dem Orchestergraben, von wo aus Hans-Georg Wilhelm, der musikalische Leiter des Theaters, und eine Band die Handlung mit den swingenden, jazzenden und hypnotischen Klängen der "Goldenen Zwanziger" in Schwung halten.

Der erste Teil von "Cabaret" verläuft höchst amüsant. Aus der Schockstarre der Nachkriegs- und Inflationszeit erwachend gilt es für Conférencier Max, den "Kit-Kat-Club" wieder zum Laufen zu bringen. Wer am Theater Baden-Baden wäre besser geeignet als Berth Wesselmann, um die neuen Gäste mit einem einladenden "Herzlich willkommen, bienvenu"? zu begrüßen. Nicht nur dabei ist er bestens besetzt: Als zipfelbemützter Deutscher Michel nimmt er es gleich mit zwei wohlbeleibten Beischläferinnen auf. Oder er klebt sich provozierend einen Hitlerbart unter die Nase, um einen verkleideten Affen im Song "Miesnick" als hässlichen Juden zu parodieren. 30 Songtitel erklären nach Moritaten-Art das Schicksal handelnder Personen. Das ist bisweilen auch ermüdend. Aber es sind etliche Titel darunter, die einen mitreißen, wie "Money, Money, Money" oder "Life is a Cabaret".

Ohne Kulissenwechsel spielt sich das ganze Stück auf offener Bühne ab. Hier arbeiten die vier Kit-Kat-Girls unter dem Kuratel von Conférencier Max. Josephine Bönsch, Maja Müller, Leonie Jacobs, (alternativ) Lucy Schindele und Chiara Regenold singen und warten mit tänzerischen Glanzleistungen auf, die quicklebendig, frivol und erotisierend eine treffende Stellenbeschreibung abgeben.

Der Star aber, den Max aus England rekrutiert haben will, kommt mit Sally Bowles großem Auftritt. Sonja Dengler gibt dieser chaotisch neurotischen, aber liebenswerten Künstlerin mit erstaunlicher Stimmgewalt und tänzerischem Können Dominanz. Ihr Charme wirft den erfolglos schreibenden Clifford Bradshaw aus der Bahn, der, sympathisch verkörpert von Patrick Wudtke, noch rechtzeitig die drohende Gefahr erkennt. Die anderen lassen sich vom blonden Pimpf in Lederhosen heimattümelnd in völkische Gesänge einlullen, und der jüdische Obsthändler Herr Schultz, (liebenswürdig von Oliver Jacobs dargestellt) glaubt die Deutschen zu verstehen, aber die im Gegenzug haben das offensichtlich nicht im Sinn. Auch nicht der glatzköpfige fiese Geldschieber und stramme Nazi Ernst Ludwig (Holger Stolz brilliert in der Rolle), der das späte Lebensglück der Zimmervermieterin Fräulein Schneider zerstört.

Fast wäre sie mit Herrn Schultz die Ehe eingegangen, aber als Gewerbetreibende arrangiert sie sich mit den anbahnenden Verhältnissen. Catharina Kottmeier ist mit Leib und Seele diese Frau, die trotz einer glänzenden Vergangenheit die bedrückende Gegenwart fatalistisch erträgt. Die Bombe platzt an ihrer Verlobungsfeier. Und danach geht es um eine Zeit, die niemals mehr "Herzlich willkommen" sein darf.

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