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Viel Materialschlacht, wenig Form
22.10.2018 - 00:00 Uhr
Von Georg Rudiger

Der Schlosspark in Donaueschingen ist am nebligen Samstagmorgen noch nahezu menschenleer. Der Weg zur Klanginstallation im Fischhaus geht der Brigach entlang über laubbedeckte Wege. Je näher man dem Gebäude kommt, desto mehr vermischt sich das Vogelzwitschern mit Pfeiflauten, die aus kleinen, an Bäumen montierten Apparaten stammen. Carlos Gutierrez Quiroga und Tatjana Lopez Churata, die beiden bolivianischen Klangkünstler, stellen gerade eine Leiter auf, um einen kaputten Motor auf einem Baum zu reparieren. "iiiuuiii uuiiiuu" heißt die Installation, die von der indigenen Musik der Anden inspiriert ist.

Die Pfeiftöne entstehen durch Luftdruck, der von der Bewegung des Wassers in zwei Plastikflaschen erzeugt wird. Auch im Fischhaus selbst verbreiten mehrere solcher Apparate, hier mit traditionellen Keramikvasen gebaut, zwei unterschiedliche Töne - wie ein tiefes Ein- und Ausatmen.

Seit 25 Jahren gibt es bei den Donaueschinger Musiktagen diese Klanginstallationen, die Wolfgang Rihm einst als klingende Gartenzwerge verspottet hat. Sie sollen das Festival zur Stadt hin öffnen und auch neues Publikum ansprechen. In diesem Jahr überzeugen sie auch künstlerisch. Beeindruckend, wie der Schweizer Künstler Zimoun im Museum Art.Plus eine Wand aus 78 Kartons mittels kleiner Kugeln, die an unterschiedlichen langen Drähten befestigt sind, zu einem rhythmisch hochkomplexen Klangerzeuger macht. Und wer sich im Gewölbekeller der alten Hofbibliothek zur Installation "Surface of Spectral Scattering" des ägyptischen Künstlers Magdi Mostafa aufmacht, braucht erst einmal Mut, um sich unter wabernden Bässen bis zum stockdunklen Zentrum des Geschehens vorzuwagen. Kunst, die etwas mit dem Zuschauer/Zuhörer macht - sinnlich erfahrbar, formal überzeugend, begrenzt in seinen Mitteln, fokussiert, mal mit, mal ohne gesellschaftliche Botschaft.

Das Hauptprogramm des Festivals dagegen kann in diesem Jahr kaum überzeugen. Zu viel Materialschlacht, zu wenig Form, zu viel politische Botschaft, zu wenig künstlerischer Inhalt. "Man hört es den Werken an, dass wir in einer Zeit des Umbruchs leben", sagt Festivalleiter Björn Gottstein. Und verweist auf die politische, sozialkritische Dimension der Musik dieses Festivaljahrgangs.

So beschäftigt sich Isabel Mundry gleich in zwei Werken mit dem Thema Migration. Beim Konzert des SWR Symphonieorchesters (Leitung: Pascal Rophé) und SWR Vokalensembles (Leitung: Florian Helgath) am Freitagabend im Mozartsaal der Donauhallen vertont sie in "Mouhanad" die Worte eines syrischen Flüchtlings mal summend, mal chorisch sprechend.

In "Hey!" für Stimmen und Ensemble (Neue Vocalsolisten Stuttgart) nimmt Mundry den Dialog zwischen dem 18-jährigen deutsch-iranischen Schüler, der am 22. Juli 2016 in München neun Personen mit Migrationshintergrund tötete, und einem ihn filmenden, türkischen Anwohner ("Wer bist Du?" "Ich bin Deutscher" "Ein Wichser bist Du"...) ins Zentrum des musikalischen Materials. Künstlerisch leiden beide Werke unter dem Gewicht der Aktualität und der wenig differenzierten musikalischen Gestaltung. "Es sind Stücke im Modus der Angst und der Scham", erklärt die Komponistin auf der Pressekonferenz. Und verspricht, dass diese für sie wichtigen "Zombiestücke" keinen grundsätzlichen Stilwechsel bedeuten.

Auch dem zweiten großen Thema "Mensch und Maschine" fehlt die künstlerische Formung. Brigitta Muntendorfs "Ballett für Eleven" für Ensemble, Videoprojektionen und Elektronik (Warped Type), für das das Ensemble Moderne Perücken (und im Video auch Motorradhelme) trägt und ein paar Zuschauer spazieren führt, ist mit musikalischen Kriterien überhaupt nicht mehr zu fassen. Eine wilde, rätselhafte Collage von Videosequenzen, Wortfetzen und Klangeruptionen, die ein in weiten Teilen überfordertes Publikum hinterlässt.

Noch eine größere Reizüberflutung generiert Georges Aperghis mit "Thinking Things" für vier Performer, robotische Erweiterungen, Video, Licht und Elektronik (IRCAM) im großen Bartók-Saal. Die Grenzen zwischen realen und digitalen Wirklichkeiten verwischen. Sprache wird verfremdet, Kameras vervielfältigen die Perspektiven. Ein weißer Roboterkopf steuert scheinbar das Geschehen. Aber die Theatralik bleibt in sich selbst gefangen. Das einstündige Werk verfängt nicht. Und die Musik, die zum Beiwerk wird, kapituliert.

Vollends zur lauten Materialschlacht für Freaks von Freaks verkommen dann die beiden Kompositionen für das SWR Experimentalstudio von Markus Schmickler (Sky Dice/Mapping the Studio) und Florian Hecker (Synopsis As Texture), die nur mit dem Gehörschutz, der bereitliegt, zu ertragen sind. Aber auch gedämpft bleibt das digitale Rauschen, Zittern, Kreischen, Scheppern, Blubbern und Flimmern seltsam uninspiriert.

Die Kunst ist es, die Maschinen zu beseelen wie es Enno Poppe in "Rundfunk" für neun Synthesizer (Ensemble Mosaik) zumindest phasenweise gelingt - oder auch mit rein akustischen Mitteln Substanzreiches zu schaffen, wie es beim Konzert des norwegischen Cikada Ensemble (Dirigent: Christian Eggen) zu hören ist. Besonders Agata Zubels "Chamber Piano Concerto" begeistert mit feiner musikalischer Faktur, dienender Virtuosität und großem Abwechslungsreichtum - ganz ohne Maschine.

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