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Ein Einstieg ohne Aufwärmrunde
27.10.2018 - 00:00 Uhr
Von Dieter Giese

Stuttgart - "Nein, Welpenschutz gibt es bei uns nicht." Jonas Weber muss schmunzeln auf die Frage nach der "Einarbeitungszeit" im Stuttgarter Landtag. Am 1. September hat der Sozialdemokrat aus Rastatt offiziell sein Amt als Landtagsabgeordneter und somit die Nachfolge von Ernst Kopp angetreten, der aus gesundheitlichen Gründen sein Mandat niederlegen musste.

Nein, viel Rücksichten kann die Fraktion angesichts der Quantität nicht nehmen: Bei nur noch 19 Abgeordneten ist jeder gefordert. Aber das sei ja nicht nur schlecht, meint Weber am Rande der Plenarsitzung am Mittwoch.

Weber hat den Platz von Ernst Kopp eingenommen - und das im Wortsinn: Dessen Sitzplatz wurde einfach umgewidmet. Was zur Folge hat, dass der Altersdurchschnitt erheblich gesenkt worden sei, wie der ehemalige Justizminister Abgeordnetenkollege Rainer Stickelberger (67) augenzwinkernd anmerkt - nicht nur in der Parlamentsreihe, wo Weber neben dem Mosbacher Kollegen Georg Nelius (69) und Gerhard Kleinböck (66) aus Ladenburg Platz genommen hat. Denn mit 36 Jahren ist Jonas Weber zwar nicht der jüngste SPD-Abgeordnete im baden-württembergischen Parlament - diese Ehre gebührt dem wenige Monate jüngeren Sascha Binder aus Geislingen -, aber immerhin der zweitjüngste.

Dass Weber nicht nur Zweitkandidat im Wahlkreis war, sondern auch Mitarbeiter seines Vorgängers, macht ihm die Eingewöhnung etwas einfacher. Die überschaubare SPD-Fraktion kennt er natürlich, die Abläufe im Parlament sind ihm vertraut. Und dem langjährigen SPD-Kreisvorsitzenden, ehemaligen Juso-Kreisvorsitzenden, Rastatter Gemeinderat und Kreisrat ist die Gremienarbeit alles andere als fremd. Dass er bei den Wählern als Mitglied der "Politikerkaste" wahrgenommen werden könnte, ficht ihn nicht sonderlich an. "Diese Frage bekomme ich im Wahlkreis eigentlich gar nicht gestellt, meistens muss ich sie gegenüber der Presse beantworten." Tatsächlich habe er selbst mit der Übernahme des Mandats von Ernst Kopp nicht wirklich gerechnet. Natürlich fühle er sich jetzt gerade mit Blick auf den Wahlkreis gefordert: Die nächste Landtagswahl steht bereits in zweieinhalb Jahren an. Kopp hatte 13295 Stimmen für die Partei geholt. "Das ist jetzt meine Zielmarke", sagt er in seinem Abgeordnetenbüro, das er ebenfalls übernommen hat - und das Schwarz-Weiß-Fotos mit Rastatter Motiven zieren, die auch schon das Büro von Vorvorgänger Gunther Kaufmann geschmückt haben. "Ein bisschen Farbe will ich noch reinbringen", versichert Weber. Aber vorerst bleibt für innenarchitektonische Veränderungen wenig Zeit. Als Neuling will Weber in Stuttgart Präsenz zeigen und im Wahlkreis nicht nachlassen.

Die Plenumssitzung endet gegen 13 Uhr, danach stehen dann die Termine an, die nicht im Fokus stehen, aber nicht weniger wichtig sind und eine Menge Sitzleder und Konzentration von Abgeordneten jeder Couleur verlangen: Treffen mit Interessengruppen, Besuchergruppen aus dem Wahlkreis und Ausschusssitzungen. Weber hat - wie sein Vorgänger - Sitz und Stimme im Landwirtschaftsausschuss und im Ständigen Ausschuss, der als Zwischenparlament fungiert - nach Ablauf der Wahlperiode oder nach einer vorzeitigen Landtagsauflösung. Ansonsten fungiert der Ständige Ausschuss als Fachausschuss für Verfassungs- und Rechtsfragen sowie für Datenschutz und Medienpolitik. Letzteres war das Thema für Webers "Jungfernrede" im Landtag.

Zur Entspannung gibt es an Plenumstagen innerfraktionelle Kaffee-Gespräche - bei der SPD natürlich über Personalpolitik: Um den Landesvorstand gibt es eine Kampfkandidatur zweier Bundespolitiker: Lars Castellucci will Leni Breymaier ablösen; und Fraktionskollege Sascha Binder will Generalsekretär werden. Und wo steht Jonas Weber? In dieser speziellen Angelegenheit eher aufseiten der Herausforderer. Ansonsten "segle ich nicht hart auf einer Linie". Er sei gut vernetzt - und offen für Gespräche mit (fast) allen in der SPD.

Für eine richtige Mittagspause bleibt dem Abgeordneten am Mittwoch keine Zeit. Vor der Sitzung des Landwirtschaftsausschusses hat sich die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) angemeldet, die SPD-Fraktionschef Andreas Stoch und den Ausschussmitgliedern der SPD ihre Sicht der Dinge nahebringen will. Wer meint, dass Politiker sich durchs Reden auszeichnen, kann in solchen Fällen erleben, dass sie auch gute Zuhörer sein müssen: "Druckbetankung" nennen das die Langgedienten - mit Augenzwinkern, aber durchaus nicht despektierlich. Jonas Weber hört zu - und macht sich danach auf den Weg in den Ausschuss. "Jetzt muss man das verarbeiten, einordnen, abspeichern - und die Argumente im richtigen Moment wieder hervorholen."

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