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"Einsicht nicht im Entferntesten ersichtlich"
Am 19. November soll ein Urteil wegen des Missbrauchs von kleinen Mädchen beim Schwimmunterricht fallen. Foto: dpa
31.10.2018 - 00:00 Uhr
Von Florian Krekel

Baden-Baden - Die Aufgabe für Rechtsanwalt Christian Süß gestern im großen Sitzungssaal des Baden-Badener Landgerichts ist keine leichte. Der Pflichtverteidiger muss ein Gutachten infrage stellen, das seinem Mandanten, dem in 198 Fällen wegen Kindesmissbrauchs angeklagten Schwimmlehrer Dimitri T., unverminderte Schuldfähigkeit, eine pädophile Neigung und nach aktuellem Stand ein hohes Rückfallrisiko bescheinigt.

Für Süß geht es darum, die drohende Sicherungsverwahrung für seinen Mandanten abzuwenden. Doch das dürfte nicht leicht werden. Denn der Gutachter, ein forensischer Psychiater der Uniklinik Tübingen, machte deutlich, dass er eine sogenannte "Gewohnheitsbildung", also die Gefahr pädophile Straftaten immer wieder zu begehen, bei Dimitri T. für wahrscheinlich hält. Der Angeklagte habe seine Taten trotz des hohen Risikos, entdeckt zu werden und trotz eines ersten Hinweises eines ehemaligen Chefs nach einer Elternbeschwerde kontinuierlich fortgesetzt.

Auch sei keinerlei Einsicht in die Vergehen bei den insgesamt drei Gesprächen zu erkennen gewesen, vielmehr habe der Angeklagte die durch Videoaufnahmen belegten Missbrauchshandlungen quasi gänzlich zurückgewiesen. Er habe bei der Ansicht des Materials geäußert: "Ja, das bin ich, das ist mein Gesicht und das ist mein Schwimmanzug, aber das ist nicht mein Penis, weil so etwas mache ich nicht", berichtet der Gutachter in deutlichen Worten und fügt an: Für einen verantwortungsvollen Umgang mit der wohl unheilbaren Störung der Pädophilie und eine Therapie, die es ermögliche, diese Neigung in den Griff zu bekommen, sei ein "Mindestmaß an Einsicht nötig", das bei dem Angeklagten "nicht im Entferntesten ersichtlich" sei. "Sollte er diese Haltung auch nach einer Verurteilung in der Haft weiter beibehalten, bestünde bei einer Entlassung ein hohes Risiko für Rückfalltaten", so der Psychiater.

Der 34-jährige Schwimmlehrer habe eine kindlich naive Denkweise nach dem Motto "ich male mir die Welt, wie sie mir gefällt"; das resultiere wohl aus einer Angst vor Ausgrenzung auch aus dem eigenen familiären Umfeld, das solche Taten ebenfalls verurteile.

Ansonsten sei mit dem Angeklagten eine normale Unterhaltung möglich gewesen, er sei durchschnittlich intelligent und habe keine schuldmindernden psychologischen Erkrankungen.

Angeklagter hat klar pädophile Präferenzen

Dennoch seien die Gespräche schwierig und wenig konstruktiv gewesen, da Dimitri T. dabei unglaubwürdige Angaben besonders hinsichtlich seiner Sexualität gemacht habe. Er schilderte sich demnach selbst als sexuell völlig desinteressiert ohne Bedürfnisse und als jemand, der nur selten Geschlechtsverkehr gehabt habe. "Das war alles sehr wenig plausibel, weswegen, die Korrektheit des Tatvorwurfs vorausgesetzt, mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer pädophilen Präferenz auszugehen ist". Dafür spreche ebenso, dass der Angeklagte die Taten auf eine "anfängliche Neugier" geschoben habe - der Gutachter wertete dies als "pädophile Bedürfnisstruktur."

Auch, dass der Angeklagte vorher nicht auffällig geworden sei, könne nicht als Entlastung herangeführt werden, da Pädophilie oft zunächst im Verborgenen schlummere und manchmal sogar nie ausbreche. Was das auslösende Moment in diesem Fall gewesen sei, vermochte der Gutachter nicht zu sagen.

Eines musste er Verteidiger Süß jedoch zugestehen. Stimme die Geschichte, wonach ein ehemaliger Chef Dimitri T. zu den Aufnahmen und Taten erpresst habe, könne nicht von einer pädophilen Störung gesprochen werden, sondern von einem Schutzinstinkt. Doch das sei nicht wahrscheinlich. Die Staatsanwaltschaft hatte die Ermittlungen gegen den beschuldigten Chef bereits vor Wochen als unbegründet eingestellt. Die Beweisaufnahme endete gestern mit dem Gutachten. Ein Urteil soll am 19. November fallen.

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