http://www.ausbildungsmesse-baden-baden.de/
Machtverlust per Handschlag
Machtverlust per Handschlag
10.11.2018 - 00:00 Uhr
Von Volker Neuwald

Berlin - Wäre er doch nur nicht so nervös gewesen, so emotional unausgeglichen, so innerlich zerrissen. Der "Bade-Max" hätte am 9. November 1918 ins Rad der Geschichte greifen und das schwer in Aufruhr geratene Deutschland befrieden können. Stattdessen übergab er seine Macht per Handschlag an einen Sozialdemokraten und flüchtete in die Heimat. Selten hatte eine überstürzte Abreise aus Berlin größere Folgen für die Geschichte.

Prinz Max von Baden (1867-1929), von Oktober bis November 1918 für fünf Wochen letzter Kanzler des Kaiserreichs, ist vor allem durch eine unerhörte Tat in Erinnerung geblieben: Er verkündete am späten Vormittag des 9. November eigenmächtig die Abdankung des im belgischen Spa weilenden Kaisers Wilhelm II. Der Monarch hatte diese Demission (noch) nicht beabsichtigt und auch kein entsprechendes Dokument unterschrieben. Aber der Kanzler wollte und konnte nicht länger warten. Die Erklärung war ein Affront gegen den Hohenzollern. Es war ein Staatsstreich des Vetters aus dem Großherzogtum, den Wilhelm geringschätzig als "Bade-Max" titulierte. Dieser Federstrich setzte eine Kettenreaktion in Gang, die außer Kontrolle geriet.

Große Pläne,

kläglich gescheitert

Von Kontrolle konnte in der ersten Novemberwoche 1918 in Deutschland allerdings keine Rede mehr sein. Der lange gärende Unmut im Volk gegen den Krieg mit all seinen schrecklichen Folgen für die Soldaten an der Front und die hungernde Zivilbevölkerung zuhause schaukelte sich zur Revolution auf. Sie ging von den meuternden Matrosen in Kiel aus und wurde ins ganze Land getragen. Vor diesem Hintergrund blieb dem Reichskanzler gar nichts anderes übrig, als dem immensen Druck von allen Seiten nachzugeben und zu hoffen, dass mit der Abdankung Wilhelms etwas Druck aus dem Kessel genommen werden konnte.

Er hatte große Pläne, der 51-jährige Adelige aus dem fernen Baden, als er sich Anfang Oktober 1918 selbst für die Kanzlerschaft ins Spiel brachte und in die nervöse Reichshauptstadt wechselte. Als liberaler Politiker geschätzt, bildete er mit den Sozialdemokraten eine parlamentarische Regierung. Max von Baden verfügte das Ende des U-Boot-Kriegs und entließ Erich Ludendorff aus der Heeresleitung. Mit Gustav Bauer und Philipp Scheidemann gehörten erstmals überhaupt SPD-Vertreter einer Reichsregierung an. Die Fäden in der Hand hielt jedoch Friedrich Ebert, Vorsitzender der SPD, der damals stärksten Partei im Reichstag. Ebert tat alles, um die Ordnung aufrechtzuerhalten - und er wollte die Monarchie retten.

Der SPD-Vorsitzende verfolgte den Plan, Max von Baden zum Reichsverweser zu ernennen und als Staatsoberhaupt den leeren Thron hüten zu lassen. Damit sollte die Zeit überbrückt werden, bis eine Nationalversammlung einen neuen Souverän gewählt hätte. Ebert dachte an Wilhelm von Preußen - Enkel des Kaisers und Sohn des ebenfalls zur Abdankung gezwungenen Kronprinzen Friedrich Wilhelm. Der Junge war damals aber erst zwölf. Aus heutiger Sicht ein verwegener Plan. Ob er angesichts der dynamischen Entwicklungen jener Tage Erfolg gehabt hätte, ist schwer zu sagen. Doch die Abschaffung der Monarchie war definitiv nicht die Mehrheitsmeinung in Deutschland. Ein repräsentierender Monarch hätte zumindest etwas Kontinuität signalisiert, um die Militärs bei der Stange zu halten.

Kaiser grollt noch

viele Jahre lang

Doch das ist alles Spekulation - denn der Badener lehnte ab. Damit zerbrach die alte Ordnung unwiderruflich und schnell. Philipp Scheidemann rief am 9. November um 14 Uhr vom Balkon des Reichstags gegen den Willen Eberts die Deutsche Republik aus, zwei Stunden später folgte Karl Liebknecht mit der Proklamation der freien sozialistischen Republik Deutschland.

Warum schmiss Max hin? Es dauerte bis in Gegenwart, bis Historiker anhand der Quellen nachvollziehbare Erklärungen rekonstruieren konnten. Stellvertretend sei Lothar Machtan genannt, der zwei bahnbrechende Bücher über den Karlsruher Thronfolger geschrieben hat. Max von Baden war homosexuell. In Karlsruhe wussten das viele, selbst im einfachen Volk. Die Konventionen von damals ließen es nicht zu, diese Neigung öffentlich auszuleben. Zeit seines Lebens musste sich Max verbiegen. Er heiratete im Jahr 1900 Maria-Luise von Hannover-Cumberland, die ihm zwei Kinder gebar. Und doch entflammte er immer wieder auf reichlich naive Weise für Männer. Wilhelm II. und seine Frau Auguste Victoria wussten dies natürlich. Die Kaiserin drohte Ende Oktober im Angesicht des Untergangs, Maxens Homophilie öffentlich zu machen, sollte dieser ihren Mann zur Abdankung zwingen wollen. Das saß: Der Reichskanzler erlitt einen Nervenzusammenbruch und konnte Anfang November mehrere Tage seine Amtsgeschäfte nicht wahrnehmen, als eine Führung notwendiger denn je war. Kurz vor dem 9. November soll der vor Wut schäumende Monarch aus dem Großen Hauptquartier in Spa dem Vetter mit "totaler Vernichtung" gedroht haben. In der Tat gab es Pläne Wilhelms, mit dem Militär nach Berlin zu ziehen. Allerdings folgte ihm niemand mehr. Deshalb flüchtete Wilhelm ins holländische Exil.

Für Max von Baden wurde der Druck zu groß. Er gab die Macht am 9. November an Ebert ab und kehrte nach Baden zurück. Gesundheitlich angeschlagen, hinterließ er in den Folgejahren als Gründer des Internats Schloss Salem ein Vermächtnis. Er starb 1929.

Der Ex-Kaiser grollte noch viele Jahre im holländischen Doorn. Er starb im Juni 1941 - als die Nazis in Deutschland auf dem Höhepunkt ihrer Macht standen, halb Europa unterjocht hatten und wenige Tage später die Sowjetunion überfielen.

BeiträgeBeitrag schreiben 



Das könnte Sie auch interessieren

Berlin
Nahles hat die Groko-Faxen dicke

29.10.2018
Nahles hat die Groko-Faxen dicke
Berlin (red) - Die Hessen-Wahl sorgt in Berlin für heftige Rektionen bei den Parteien, die die Groko tragen. SPD-Chefin Andrea Nahles (dpa-Foto) sagt: "Der Zustand der Regierung ist nicht akzeptabel." Ihre Partei werde am Montag einen klaren Fahrplan vorlegen, wie es weitergehen soll. »-Mehr
Ort des Geschehens
Größere Google Karte
Umfrage

17 Milliarden Lämpchen erstrahlen laut einer aktuellen Umfrage in der Advents- und Weihnachtszeit in deutschen Haushalten. Schmücken auch Sie ihr Heim mit Lichterketten?

Ja, ein wenig.
Ja, üppig.
Nein.

Wetter in Mittelbaden


© Badisches-Tagblatt.de    Impressum | AGB | Nutzungsbedingungen | Datenschutz   
1