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"Lange Linien" statt Ferkel-Kastration
'Lange Linien' statt Ferkel-Kastration
10.11.2018 - 00:00 Uhr
Von Bettina Grachtrup

Stuttgart - Es ist eine dieser Frage in der wöchentlichen Regierungs-Pressekonferenz, mit der Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) offenkundig wenig anfangen kann oder will. Wie er denn zur betäubungslosen Kastration von Ferkeln stehe, wollte eine Journalistin vor einigen Wochen vom Regierungschef wissen. "Ich sag' dazu nichts. Ich hab' mich damit jetzt einfach nicht beschäftigt", antwortet der Regierungschef. Er müsse sich erst sachkundig machen.

Vielleicht ist Kretschmann da wirklich nicht auf dem aktuellen Stand der Dinge. Vielleicht weiß er aber auch, dass das Thema im ländlichen Baden-Württemberg von großer Bedeutung ist, zwischen seinen Grünen und den mitregierenden CDU durchaus kontrovers diskutiert wird und ihm eine Antwort Ärger einbringen könnte. Jedenfalls ist das Thema in der Fragerunde der Journalisten erst einmal erledigt.

Interessiert sich der Regierungschef nicht für das Klein-Klein der Landespolitik? Die Opposition aus AfD, FDP und SPD wirft Kretschmann seit langem vor, arrogant und abgehoben zu regieren. Nach siebeneinhalb grünen Regierungsjahren können sich aber auch einige politische Beobachter des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass Kretschmann sich zunehmend seinen "langen Linien" widmet.

Gerne spricht der 70-Jährige ausführlich über die Weltlage und den gesellschaftlichen Zusammenhalt angesichts des Zulaufs für Rechtspopulisten auch in Deutschland. So ist es auch beim Landesparteitag der Grünen Anfang Oktober in Konstanz: Die landespolitische Kleinarbeit überlässt der Regierungschef seinen Fachministern und den Vertretern der Grünen-Landtagsfraktion.

Eine gelungene Arbeitsteilung? "Ein Ministerpräsident muss sich nicht mit Details beschäftigen", sagen die, die darin kein Problem sehen. Bislang schadet ihm das nicht, auch wenn Kretschmann etwa das Wohnungsproblem im Land lange nicht auf dem Radar hatte.

Die nach 2011 herrschende Anfangseuphorie über den ersten grünen Regierungschef ist zwar vorbei. Aber die Umfragewerte für Kretschmann und seine Grünen in Baden-Württemberg sind gut. Kretschmanns grün-schwarze Koalition regiert solide, er selbst sitzt fest im Sattel. Wenn es aus eigenen Reihen Kritik an ihm gibt, dann wird sie intern geäußert und dringt selten nach außen. Öffentlich geht ihn allenfalls die Grüne Jugend an.

Kretschmann selbst sagt, seine Beschäftigung mit Details der Regierungsarbeit habe eher zugenommen. "Meine Arbeit findet zum großen Teil hinter den Kulissen statt, weil ich für Lösungen sorgen muss, wenn es Konflikte gibt", erklärt er im Interview mit den Zeitungen "Mannheimer Morgen" und "Heilbronner Stimme".

"Für eine neue Idee

des Konservativen"

Kretschmann als jemand, der in unruhigen Zeiten Orientierung gibt - diese Rolle inszeniert sein Stab nahezu perfekt. Und das nicht ohne strategische Hintergedanken. Kürzlich hat Kretschmann ein Buch veröffentlicht: "Worauf wir uns verlassen wollen - Für eine neue Idee des Konservativen." Es passt zur "langen Linie", seine Grünen langfristig in der politischen Mitte zu verankern und mit einem modernen Konservatismus für Wähler interessant zu machen, die ihr politisches Zuhause eigentlich in der Union sehen. Sein eigener Erfolg und kürzlich auch der Wahlerfolg der Grünen bei der Landtagswahl in Bayern und Hessen geben ihm recht.

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