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Rust never sleeps: Die Indie-Szene feiert durch
19.11.2018 - 00:00 Uhr
Von Joachim Eiermann

"Wie im alten Rom!" Ein Endvierziger mit Pferdeschwanz lässt im warmen, dampfenden Außenpool den Blick genüsslich nach oben schweifen zur Hotelfassade, die dem Kolosseum nachempfunden ist. Der Trip in den badischen Süden beginnt gut, schon bevor der erste Ton erklingt. Der Europa-Park ist Austragungsort des neuen Festivals "Rolling Stone Park". Doch ganz so neu ist dieses nicht. Seit zehn Jahren bereits gibt es den erfolgreichen "Rolling Stone Weekender" in einem Ferienpark an der Ostsee mit fast identischem Aufgebot an Rockbands und Singer-Songwritern, fernab des Mainstream. Devise: Klasse statt Masse.

Allein mit Gitarre



oder große Show

Das Publikum ist deutlich älter als das der Sommerfestivals. Hier trifft sich die Elterngeneration, die den Nachwuchs, der vielleicht schon bald zu "Rock am Ring" pilgern wird, für zwei Nächte bei Oma und Opa oder Freunden geparkt hat.

An den Ortsnamen Rust mag sich mancher Musiker aus dem Ausland erst noch gewöhnen müssen, steht er doch im Englischen für Rost. Allenfalls ein wenig Flugrost angesetzt hat in über 25 Jahren die New Yorker Alternative-Band Nada Surf, die in Rust vor allem dann ihre Stärken zeigt, wenn sie das Tempo anzieht. Matthew Caws, der Sänger und Gitarrist, sinniert, dass er sich in einer Art Zeitmaschine wähne, da auf der Hauptbühne der "Arena" nur alte Bekannte stünden, "but it is good!". Ihm folgt im weißen Anzug Father John Misty, der mit einem Album über die Trumpisierung seines Heimatlandes von sich reden gemacht hat und auf der Bühne starke Präsenz zeigt. Musikalisch dringen immer wieder die späten Beatles durch. Auf den drei anderen Bühnen haben die Fans die Qual der Wahl, da die Acts meist gleichzeitig starten. Darunter der Kalifornier Cass McCombs und Band, der solistisch mit weiten Ausflügen in die Gefilde des Psychedelic- und Jazz-Rocks überrascht. Wer von Saal zu Saal "zappt", landet auch beim blutjungen dänischen Frauentrio Velvet Volume, das im Zelt des wahrlich traumhaften Traumpalastes, dem kleinsten Spielort, den Punk abgehen lässt.

Zulangen, das kann auch Anna Calvi. Ekstatisch, magisch, fast dämonisch rockt sie den "Ballsaal Berlin" mitsamt seinen schweren Kronleuchtern. Überwiegend in rotes Licht getaucht, betört die Engländerin mit voller dunkler Stimme, streichelt oder malträtiert zuweilen ohrenbetäubend ihr Gitarrenbrett und erweist sich dabei im Vergleich mit gestandenen männlichen Kollegen dieser Branche als durchweg ebenbürtig. Mit klatschnassen Haaren geht sie laut umjubelt von der Bühne und bleibt nur eine Zugabe schuldig. Für nicht Wenige ist dies der stärkste Auftritt des ersten Abends. Auch wenn da in der "Arena" noch Kettcar an den Start gehen: die Hamburger, die mit ihren deutschen Songs auch politisch das Feld abstecken gegen Homophobie, Ausländerfeindlichkeit und die ganzen "Vollidioten". Marcus Wiebusch, Sänger und Gitarrist, macht unter kräftigem Beifall klar: "Humanismus ist nicht verhandelbar!"

Nach "Darlingside", einem feinsinnigen wie forschen Folkquartett aus Boston mit Fiddle, Mandoline, Cello, Gitarren und prächtigem Harmoniegesang, das man sich auch beim Bühler Bluegrass-Festival vorstellen könnte, ist die große Bühne nebenan für The Flaming Lips angerichtet. Die Richard-Strauss-Fanfare "Also sprach Zarathustra" gibt den Startschuss für zwei Konfettikanonen, die Unmengen Papier ausspucken. Willkommen in einer Bombast-Show wie zu besten Zeit des Glamourrocks!

Wie einst David Bowie trägt auch Sänger Wayne Coyne eine stilisierte schwarze Augenbinde, ist der Hansdampf-in-allen Gassen. Er reitet auf einem bunt blinkenden Einhorn durch die Menge und schlüpft als Major Tom in einen mannsgroßen Gummiball, um Bowies "Space Odditiy" zu zelebrieren. Die Musik wird jedoch fast zur Nebensache, wenn die Crew unentwegt sitzballgroße Luftballons in die Menge schleudert, die fortan auf Händen tanzen. Die Materialschlacht der Progrocker aus Oklahoma ist im wahrsten Sinne des Wortes zwar ziemlich ballaballa, aber auch ein Riesenspaß.

Gute Stimmung auch bei der Agentur FKP Scorpio und dem Magazin Rolling Stone. Angesichts von zweimal 2 000 Besuchern und einem reibungslosen Auftakt zeigen sich die Festivalmacher sehr zufrieden, wenngleich die Kapazität für das Doppelte an Besuchern reichen würde. In spätestens zwei Jahren will man, wie an der Ostsee, auch im EuropaPark ausverkauft sein und den Event (nächster Termin: 8. und 9. November 2019) im Dreiländereck mit Frankreich und der Schweiz etabliert haben.

Am zweiten Festivaltag rät der Komiker und Autor Oliver Polak bei einer Lesung den Zuhörern, sich unbedingt das Motopsycho-Konzert reinzuziehen. Er, ein Riesenfan, ist den Norwegern bis Trondheim nachgereist. Das Schwermetalltrio (Gitarre, Bass, Schlagzeug) besticht durch einen schillernden Heavymetal, der auch leise Töne kennt, die sich in jazzartigen Improvisationen und schnellen Läufen über Minuten hinweg verdichten, um sich dann wie ein Gewitter zu entladen, bevor das nächste Tief seine Sogwirkung entwickelt. Was für ein Kontrast zur 26-jährigen kanadischen Singer-Songwriterin Cat Clyde, die allein mit einer Gitarre und ihrer markanten Stimme in den Bann zieht, oder Laura Gibson aus New York, die mit filigranen, zerbrechlichen Bandsongs fasziniert. Nebenan treten Colin Meloy und The Decemberist aus Portland mit einem zuweilen elektronisch bis folkloristisch angehauchten Indie-Pop in die "Arena" und lassen einen Plastikwal über den Köpfen kreisen.

Es gibt viel zu entdecken in den anderen Sälen, so auch den sonnigen Indie-Pop der Intergalactic Lovers aus Belgien oder die Deutsch-Rockband "Die höchste Eisenbahn", die einen Song von "Element of Crime" zu einem Zeitpunkt covert, währenddessen ein paar Schritte weiter das Original auf der Bühne steht. Der Romancier, Sänger und Musiker Sven Regener und seine Band sorgen mit ihren kunstvoll inszenierten Chansons über Alltagsbetrachtungen von Berlin bis "Delmenhorst" für einen würdigen, melancholischen Abschluss des Festivals und satteln noch vier Zugaben drauf.

Wer jetzt noch immer nach Musik dürstet, geht zur After-Show-Party. Wie sang doch Neil Young schon vor etlichen Jahren: "Rust never sleeps".

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