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Seelenschluchten von frostiger Eleganz
Seelenschluchten von frostiger Eleganz
20.11.2018 - 00:00 Uhr
Von Markus Mertens

"Wir alle haben zwei Leben. Das zweite beginnt, wenn wir realisieren, dass wir nur eines haben." Als philosophischer Leitgedanke beansprucht diese Erkenntnis nicht nur allgemeinen Weisheitscharakter für sich - sie steht auch exemplarisch für die Tiefe, die sich das 67. Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg zum Prinzip auserkoren hat.

Dass sich inmitten von mehr als 50 Filmwerken aus der ganzen Welt ein Schwerpunkt skandinavischer Filme findet, die Konventionen aufs Eleganteste missachten, verdient besondere Beachtung. Zumal die Beiträge aus dem hohen Norden mit schroffer Pointe und machtvoller Empfindsamkeit, skurrilen Wendungen und packender Kriminalästhetik von sich reden machen.

Den zweifelsohne imponierendsten Film legt dabei der Finne Paavo Westerberg vor, der mit seiner gefühlvollen Filmhommage an die Musik, "The Violin Player", einen großen Wurf landet. Die gefeierte Geigerin Karin Nordström (Matleena Kuusniemi) zeigt uns Westerberg just am Zenit ihres Erfolges, als sie eines späten Abends jäh aus ihrer heilen Welt gerissen wird. Von einem Auto über den Haufen gefahren, bleibt sie zwar am Leben, verliert aber das Gefühl in ihren Fingern - und damit die Kontrolle über alles, was ihr jemals wichtig zu sein schien. Dass ihr Mann Jaakko nicht nur den Haushalt, sondern auch die Familie beisammenhält, erscheint der gebrochenen Starsolistin bestenfalls als routinierte Selbstverständlichkeit, die einen inneren Zerfall kaum aufhalten kann. Wäre da nicht der junge Antti (Olavi Ussivirta), der Karins waidwundes Herz zu erobern sucht: Sie wäre dem Abgrund preisgegeben. Es sind Seelenschluchten von frostiger Eleganz, die sich hier in unerbittlich realistischen Bildern auftun.

Dass auch der Abglanz authentischer Emotion bisweilen Kolosse ausbrütet, führt uns Liina Triskina-Vanhatalos Melodram "Take It Or Leave It" tränenrührend vor Augen. Denn obwohl - oder vielleicht gerade weil - der 30-jährige Bauarbeiter Erik nicht bereit für ein Kind ist, liebt er es so sehr. Von seiner hoffnungslos überforderten Ex-Freundin ahnungslos in das kalte Becken der Verantwortung geworfen, akzeptiert der junge Mann sein Schicksal und nimmt sich seines Kindes an. Dass die estnische Entwicklungsgeschichte das schwere Dasein der Elternwerdung weder romantisiert noch überzieht, ist seine stille Qualität, die im nordischen Nirgendwo den beruhigenden Fokus auf eine Entwicklung legt, wie sie sich schöner kaum anlassen könnte.

In brachialer Gnadenlosigkeit führt Simo Halinens Thriller "East Of Sweden" vor Augen, wie man einen arglosen Flüchtling zum kriminellen Strohmann formt. Gerade eben ist der schwarzafrikanische Migrant aus Angola noch froh, aus einem Schlafwagen vor der Polizei entkommen zu sein, schon sitzt er mit einem kaltblütigen Verbrecher im Wagen, der nicht nur mit Drogen und Waffen hantiert, sondern auch keineswegs scheut, seinen frisch auserwählten Handlanger für die eigenen Taten hinzuhängen. Eine nur scheinbar ausweglose Situation, die Regisseur Halinen mit komplexen Zeitblenden, messerscharfen Charaktersprüngen und nebulöser Verschleierungstechnik kongenial zu einem glücklichen Ende vereint.

Den oft etwas eigenen Humor skandinavischer Denkart dabei bewusst nicht auszublenden, komplettiert ein Bild, dessen vielfältige Kontraste merklich nachhallen. Das merkt man bereits dem Kurzfilm Best-Of "Finlands Finest" an, das etwa die Stabilität einer Mauer mit einem rustikalen Schweinewurf unter Beweis stellen will ("The Moonshiners") - besonders aber der Charakterstudie "Fire Lily". In irisierend klaren Bildern präsentiert Regisseurin Maria Avdjusko die geschiedene Augenärztin Pia, die - sich selbst für unfruchtbar haltend - in finstere Depressionen hinabzustürzen droht. Es ist ein Geist, der ihr die langersehnte Schwangerschaft schenkt und damit Unmögliches vollbringt. Es sind dies epische Werke, die loslassen, oder Anfänge bauen, verzaubern, oder nachdenklich stimmen wollen - und doch eines an diesen Tagen in Mannheim und Heidelberg alle gemein haben: Sie zeichnen ein Festival aus, das den Mut aufbringt, sie zu zeigen. Und das ist keine Kleinigkeit.

Das Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg zeigt sein Wettbewerbsprogramm im Mannheimer Stadthaus und in den Kinozelten auf dem Heidelberger Messplatz noch bis 25. November.

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