https://www.badisches-tagblatt.de/UnternehmenKarriereZusteller/index.html
http://www.badisches-tagblatt.de/UnternehmenKarriereZusteller/index.html
Geheim-Operation "Nachtsprung"
04.12.2018 - 00:00 Uhr

Von Jörg Blank

Die weiße Präsidenten-Villa auf dem riesigen Gelände der früheren BND-Zentrale im Münchner Vorort Pullach wirkt verlassen. Bruno Kahl nutzt sein Büro im ersten Stock nicht mehr. Der Präsident des Bundesnachrichtendienstes ist schon im Sommer endgültig ins neue Hauptquartier im Zentrum Berlins gezogen. Bis Ende November sind 4 000 der rund 6 500 Geheimen in den hochmodernen Bau gewechselt. Der Umzug des Auslandsgeheimdienstes hat ein Jahr gedauert, jetzt ist er so gut wie abgeschlossen. Die meisten Agenten kamen aus Pullach, viele auch aus anderen Standorten. Es ist einer der größten Umzüge in der Geschichte der Bundesrepublik. Und auch wenn die Verlegung des Geheimdienstes lange bekannt war: Es dürfte einer der geheimsten im Lande sein.

Aus der Vergangenheit in die Zukunft

Für den BND bedeutet der Wechsel auch einen Weg weg von vergangenen Nazi-Zeiten und der düsteren Umgebung des Kalten Krieges mit klaren Bedrohungsszenarien zwischen Ost und West. Die Arbeit in Pullach war jahrzehntelang so abgeschirmt, dass viele Außenstehende der Legende glaubten, hinter den Mauern liege eine Irrenanstalt. Selbst ihren Kindern durften die Spione nicht verraten, für wen sie arbeiten.

Gut 70 Jahre hatte der BND-Präsident in Pullach residiert. Das alte Chefbüro liegt im Schlafzimmer jener Villa, die der Hitler-Vertraute und NSDAP-Leiter Martin Bormann (1900-1945) für sich und seine Familie gebaut hatte. Deren Musikzimmer diente lange als BND-Besprechungsraum. An der mit Holz vertäfelten Wand hängt ein Porträt Friedrichs des Großen - der Preußenkönig war ein Vorbild Hitlers. Mit israelischen Geheimdienstlern soll hier schon verhandelt worden sein, auch afghanische Taliban seien bereits da gewesen, heißt es. Bestätigt werden solche Details nicht.

"Es darf nichts flöten gehen"

Ein paar hundert Meter entfernt von der Präsidentenvilla tragen zehn Packer einer Speditionsfirma an diesem Freitagmorgen Kisten und Container aus den Bürogebäuden. Es ist noch dunkel, als der BND-Umzugsmanager die Sicherheitsphilosophie erklärt: "Es darf nix flöten gehen."

Der Referatsleiter ist für den Gesamtumzug zuständig. Er wirkt wie der Projektmanager eines normalen Großunternehmens. Mit einer Besonderheit: Er ist Spezialist fürs Geheime. "Wir haben unseren Job gut gemacht, wenn keiner ihn mitkriegt. Ein Umzug, der langweilig ist, ist der beste", sagt der Mann, der seinen Namen lieber nicht in den Medien lesen will. Nichts darf den Transport der Akten und Spezialapparate gefährden. Auch der Arbeits- und Analysebetrieb darf nicht unterbrochen werden. Motto: Krisen schlafen nicht.

Geheimrunden zu den Krisen der Welt

Im November 2018 sind viele der 93 Gebäude auf dem abgeriegelten 68-Hektar-Areal an der Heilmannstraße in Pullach schon geräumt. Im 265 Quadratmeter großen Präsidenten-Bungalow, einem einstöckigen 70er-Jahre-Bau, in dem die Präsidenten wohnen konnten, zeigen nur noch ein paar Computermonitore auf dem Besprechungstisch, dass hier wohl bis vor kurzem in kleinster Runde über die Krisen der Welt beraten wurde. Die Betten sind abgezogen, die Küche ist ausgeräumt.

Ursprünglich war das BND-Gelände als "Siedlung Sonnenwinkel" für die Mitarbeiter der Nazi-Partei NSDAP und deren Familien gebaut worden. Abgeschottet von der Außenwelt arbeiteten hier seit 1956 Tausende BND-Agenten hinter hohen Mauern mit messerscharfem Stacheldraht. Auch nach dem Umzug werden noch rund 1000 BND-ler in Pullach Dienst tun. Die Abteilung Technische Aufklärung, kurz "TA", etwa bleibt. Sie ist zuständig für elektronische Überwachung von Telekommunikation, Datenanalyse und Softwareentwicklung - ein wichtiger Teil der Spionage. Die Abteilung analysiert auch Cyber-Bedrohungen und deren Abwehr. Alle auswertenden Abteilungen in Berlin werden weiter mit den in Pullach gewonnenen Informationen arbeiten.

Abteilung "GU" zieht um

An diesem Tag wechseln Akten und Ausrüstung einer mittleren dreistelligen Zahl von Frauen und Männern der Abteilung "GU" - "Gesamtlage und Unterstützung" - nach Berlin. Im Agentenalltag steuern und koordinieren sie die Produktion des Dienstes. Es geht um geheime Analysen, auf deren Grundlage Regierung und Abgeordnete Entscheidungen treffen. Im Lagezentrum behalten die Mitarbeiter das Weltgeschehen rund u m die Uhr an 365 Tagen im Jahr im Auge.

James Bond lässt grüßen

Was in Kisten verpackt oder in speziell verplombten Containern verstaut in die Laster gestapelt wird, lässt der Fantasie von James-Bond-Fans breiten Raum. Schlummern in den unscheinbaren Kartons Geheimprotokolle belauschter Telefonate von Wladimir Putin? Oder sind womöglich Hinweise auf Cyberattacken und Bombenanschläge zu finden?

Die Transportaktion ist so geheim, dass für Fotos spezielle Kartons verwendet werden und der Schriftzug auf dem Lkw abgeklebt werden muss. Firmen-Logos dürfen nicht erkennbar sein - geschweige denn die Etiketten mit Laufnummer und Barcode.

Wie sensibel viele Akten und Geräte wirklich sind, zeigt das aufwendige Prozedere, mit dem der BND versucht, die Sicherheit zu gewährleisten. Mindestens vier Mal wird jedes Umzugsstück am Ende gescannt worden sein. Alle Einzelteile bekommen ein Etikett mit dem unverwechselbaren, computerlesbaren Strichcode. Die Verantwortlichen in der Umzugsleitstelle atmen erst auf, wenn am Ende im eigens programmierten Waren-Verfolgungs-System nach jedem Scanvorgang hinter den langen Zahlenreihen auf ihren Rechnern alles grün leuchtet. Dann ist klar: Es ist nix flöten gegangen.

Sie sind auch ein wenig stolz darauf beim BND, dass ihr Umzug nicht trivial ist. Zwar gehe es in der Masse um Büroarbeitsplätze, sagt ein Verantwortlicher. Hinzu kämen die großen Kartenlager des für alle Welt zuständigen Geo-Dienstes und die Bibliothek mit Zehntausenden Geheimakten. Ganz zu schweigen von den Spezialausrüstungen der Labors und Werkstätten. "Schnucki-Spezialzeug" nennt einer das lässig. Er meint zum Beispiel besondere IT-Ausrüstungen und spezielle Kameras. "Alles, was "Q" so braucht" eben, sagte der Mann. Bond lässt grüßen.

An den Wochenenden nach Berlin

"Nachtsprung" sagen sie beim BND dazu, wenn die Lastwagen zwischen Freitag und Sonntag die rund 600 Kilometer von Pullach nach Berlin rollen. Nicht von der Polizei, sondern von BND-eigenem Sicherheitspersonal werden die Laster begleitet - das ist unauffälliger. Sogar ein Werkstattwagen fährt mit, falls es eine Panne gibt. Pro Wochenende wechselten so im Oktober und November jeweils etwa 400 Arbeitsplätze von Bayern nach Berlin. "Wenn etwas passiert, passiert es so nur für einen Bruchteil der Akten und Geräte", erläutert der Umzugsmanager. Passiert sei bislang nichts, versichert er.

Von Pannen und Pech am Bau

Mehr als 15 Jahre ist die Entscheidung für den Umzug her, vor gut zwölf Jahren folgte der erste Spatenstich für den Neubau. In den Jahren darauf gab es Pfusch, verschwundene Baupläne und Probleme mit der Lüftung. Unbekannte sorgten 2015 im schwer gesicherten Bau für einen Millionenschaden, als sie Wasserhähne abmontierten und einen Teil des Gebäudes unter Wasser setzten. Die halbe Republik lachte - auch wenn die Spione noch gar nicht Hausherren waren, sondern die Bauverwaltung des Bundes. Der bis 2013 geplante Wechsel verzögerte sich mehrfach.

Seit fast genau zwei Jahren ist der Hochbau der Zentrale nun fertig. Es folgte ein Jahr Abnahme und Sicherheitschecks. Im November 2017 startete der Einzug. Bei 1,086 Milliarden Euro liegen die Baukosten, plus knapp fünf Millionen für den Ortswechsel. Dazu kommen gut 206 Millionen Euro für die Ausstattung mit Möbeln, die technische Ausrüstung und Dinge wie das Trennungsgeld für Mitarbeiter.

Rein ins neue Zuhause

Um 3 Uhr früh kommt der Umzugs-Lkw an diesem Samstag wie geplant in Berlin-Mitte an. Gegen 7 Uhr beginnt das Entladen - die Prozedur entspricht der in Pullach: Scannen beim Ausladen, Transport in die Büros. 200 Haupt- und Nebenflure gibt es im Gebäude, nicht gerade übersichtlich ist das. Sowieso ist es ein Neubau der Superlative: größter Behördenneubau in der Geschichte der Bundesrepublik, die Grundfläche des Gebäudes entspricht der Größe von etwa 36 Fußballfeldern.

Erst am Montagmorgen, wenn für die meisten Mitarbeiter der Dienst beginnt, wird sich zeigen, ob alle Kartons ihr Ziel erreicht haben. Wenn nach den letzten Scans die Computerlisten grün leuchten, können die Leute in der Umzugsleitstelle aufatmen: Nix flöten gegangen.

Biometrie und Bürgerdienst

Damit sich die Berliner Neulinge in ihrer Riesen-Zentrale nicht verlaufen, werden sie von den Umzugsplanern an die Hand genommen. Schon in Pullach konnten sich die Mitarbeiter in Musterbüros mit der Zukunft vertraut machen. Meist zu zweit sind Auswerter und Agenten auf 17 Quadratmetern einquartiert. Für jeden gibt es zwei Computer und zwei Telefone: ein System für die geheime interne Kommunikation, abgeschottet vom Internet. Top secret eben. Und ein zweites System für die Kommunikation mit der Außenwelt. Weil auch in die neue Zentrale private Mobiltelefone nicht mitgenommen werden dürfen, gibt es vor den Eingangsschleusen Bereiche mit Tausenden kleinen Schließfächern. Das Fach mit der Nummer 007 ist da besonders begehrt...

Der Blick des Chefs

Für Bruno Kahl ist der Eingewöhnungsprozess längst vorüber. Als Hauptvorteil des Umzugs nennt er die größere Nähe zu den Abnehmern der BND-Analysen in Regierung und Parlament. "Das hat das Verhältnis zur Politik schon verbessert." Seit man sich fast täglich sehen könne, "werden wir auch viel besser verstanden in dem, was wir leisten können und werden wir viel mehr nachgefragt".

BeiträgeBeitrag schreiben 



Das könnte Sie auch interessieren

Heilbronn
Unfall mit Narrenkessel: 33-Jähriger vor Gericht

03.12.2018
33-Jähriger bestreitet Tat
Heilbronn (lsw) - Im "Hexenkessel"-Prozess um die schwere Verbrühung einer jungen Frau bei einem Fastnachtsumzug in Eppingen hat der Angeklagte die Vorwürfe zurückgewiesen. Es sitze der Falsche auf der Anklagebank, so der Anwalt des 33-Jährigen (Archivfoto: dpa). »-Mehr
Loffenau
Weihnachtsbaum mit Format für Berlin

03.12.2018
Baum mit Format für Berlin
Loffenau (vgk) - Beim Weihnachtsmarkt fiel ein besonders schmucker Weihnachtsbaum ins Auge. Bürgermeister Markus Burger orakelte: "Wenn ich ein Bild davon nach Berlin schicke, kommt womöglich die Anfrage, ob der Weihnachtsbaum 2019 nicht aus Loffenau kommen kann" (Foto: vgk). »-Mehr
Bühl
Der Blick geht nach unten

03.12.2018
Der Blick geht nach unten
Bühl (red) - Der Blick geht ganz klar nach unten. Nach einer am Ende deftigen 0:3-Niederlage der Volleyball Bisons Bühl beim Tabellennachbarn Netzhoppers Königs Wusterhausen erübrigen sich im Bühler Lager derzeit alle Ambitionen auf einen Platz in der oberen Tabellenhälfte (Foto: toto). »-Mehr
Straßburg
´Gelbwesten´ im Elsass bereiten sich auf wochenlange Proteste vor

01.12.2018
Wochenlange Proteste
Straßburg (lsw) - Ein Teilnehmer nennt es das "Hauptquartier": In einem Protestcamp nahe Straßburg wollen "Gelbwesten" wenn nötig noch Wochen in der Kälte ausharren, um Steuersenkungen durchzusetzen. Am Samstag sind wieder Proteste geplant (Archivfoto: fuv). »-Mehr
Berlin
Punktekonto kräftig aufhübschen

01.12.2018
Bisons wollen kräftig punkten
Berlin (red) - Die Volleyball Bisons Bühl wollen am Wochenende in der Bundesliga kräftig punkten. Die Mannschaft von Trainer Ruben Wolochin reist zu einem Doppelspieltag zunächst nach Berlin gegen den heimischen VCO, am Sonntag ist man in Wusterhausen zu Gast (Foto: toto). »-Mehr
https://www.freizeitmessen-freiburg.de/
Umfrage

In Norwegen hat das erste Unterwasserrestaurant Europas eröffnet. Dort kann man für 230 Euro ein Menü mit Blick auf die Unterwasserwelt genießen. Wäre Ihnen das einen Besuch wert?

Ja..
Nein.
Weiß nicht.

www.los-rastatt.de
Wetter in Mittelbaden


© Badisches-Tagblatt.de    Impressum | AGB | Nutzungsbedingungen | Datenschutz   
1