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"Gelbwesten" im Elsass bleiben standhaft
'Gelbwesten' im Elsass bleiben standhaft
07.12.2018 - 00:00 Uhr
Von Janina Fortenbacher

Roppenheim - Unweit des deutsch-französischen Grenzübergangs am Kreisel vis-à-vis des "Style Outlets" in Roppenheim ragt eine zerrissene französische Flagge gen Himmel. Sie ist notdürftig an einem schmalen Holzmasten angebracht. Das Bild gleicht der aktuellen Situation im Land: Frankreich ist ebenfalls zerrissen. Präsident Emmanuel Macron steht auf wackeligen Beinen. Massendemonstrationen halten das Land seit November in Atem. Auch in Roppenheim sorgen die "Gilets jaunes" für Aufsehen. Während die Regierung einknickt, bleiben die "Gelbwesten" standhaft. Macrons Rückzieher kommt für die meisten zu spät.

Sieben Leute haben sich gestern Morgen in Roppenheim versammelt - alle tragen sie Warnwesten, die längst zum Symbol der Massenbewegung in Frankreich geworden sind. Eingedeckt mit Lebensmitteln verharren sie hier oft mehrere Stunden. "Wir haben kein Vertrauen mehr in unseren Präsidenten", sagt einer der Demonstranten, während er den heranfahrenden Autos zuwinkt und kräftig mit der elsässischen Fahne schwenkt. Neben ihm stehen weitere Franzosen, die mit wilden Armbewegungen auf sich aufmerksam machen. Immer wieder signalisieren ihnen Autofahrer mit erhobenem Daumen ihre Zustimmung. Lkw-Fahrer drücken kräftig auf die Hupe und nicken den Protestlern anerkennend zu. Manche fahren sogar zweimal um den Kreisel und halten ihre gelben Westen aus dem Fenster.

"Wir streiken Tag und Nacht, es ist immer jemand da. Wir wechseln uns ab", erklärt ein 60-jähriger Mit-Organisator, der unerkannt bleiben möchte. Am Samstag sei er in Paris gewesen. Dass die Proteste in Schlägereien mündeten, findet er nicht gut. Blaue Flecken an seinem Bein erinnern an die "kriegsähnlichen Szenen", die sich dort abspielten. Am Morgen sei es noch friedlich gewesen, erst gegen Mittag seien die Proteste in Krawalle übergegangen, meint er. Die Polizei habe den Überblick verloren und sei deshalb gegen jeden hart vorgegangen.

Er selbst distanziere sich von jeglicher Gewalt. Auch in Roppenheim soll die Demonstration weiter friedlich verlaufen. Ziel der "Gelbwesten" aus dem Elsass sei weder ein blutiger Kampf noch ein Verkehrschaos. "Wir blockieren die Straße nicht. Wir gehen nur auf die Leute zu und machen sie auf die Probleme aufmerksam", erklärt der 60-Jährige.

"Mindestlohn reicht nicht zum Leben aus"

Unter der Woche sei es relativ ruhig in Roppenheim. 30 bis 40 Leute würden sich insgesamt pro Tag beteiligen. Am Wochenende steige die Zahl der Demonstranten oft auf 100 bis 200 Leute pro Tag. Dann schließen sich auch die Berufstätigen an. Manche schlafen sogar hier, so der Mit-Organisator. "Sie übernachten in ihren Autos oder in Wohnwägen." Um der Kälte zu trotzen, legt er schnell etwas Brennholz nach. Seine Hände wärmt er an einem Becher mit heißem Kaffee. Der Tisch unter dem kleinen Pavillon am Straßenrand gleicht einer Bäckerei: Croissants, Brötchen, Kekse und Lebkuchen stapeln sich dort. Immer wieder halten Autofahrer an und versorgen die "Gelbwesten" mit Lebensmitteln. "Ich unterstütze euch", sagt eine Frau, die eine Packung mit Gebäck aus dem Fenster reicht. Negative Anmerkungen gibt es nur selten. Selbst ausländische Fahrer aus Spanien oder Polen zeigen Solidarität mit den "Gelbwesten".

Aus Deutschland seien die Reaktionen unterschiedlich: "Viele stimmen uns zu. Einige wissen aber gar nicht, was wir hier überhaupt machen. Die klären wir dann auf", sagt eine 29-Jährige. Auch sie möchte nicht namentlich genannt werden.

Dass die Regierung nun zurückrudert und etwa die geplante Steuererhöhung auf Diesel und Benzin für sechs Monate aussetzt, stellt die Protestler nicht zufrieden. "Weder der Mindestlohn noch die Altersrente reicht zum Leben aus", meint ein weiterer Demonstrant mit scharfem Unterton. Und das, obwohl es den im Elsass lebenden Franzosen vergleichsweise noch gut gehe. "Die meisten von uns arbeiten in Deutschland. Im Norden Frankreichs und im Inneren des Landes sieht es deutlich schlechter aus", betont er. Ein Rentner merkt an, dass er seit zwei Jahren rund 50 Euro weniger im Monat habe. "Aber die Regierung lebt wie Gott in Frankreich. Das gleicht einer Monarchie", macht er seinem Ärger Luft.

Es brodele schon seit Jahren in Frankreich, sind sich die "Gelbwesten" einig. Bereits unter Nicolas Sarkozy habe sich die Unzufriedenheit in der Bevölkerung immer mehr angestaut. "Die Steuererhöhung auf Benzin und Diesel war nur ein Tropfen auf dem heißen Stein", sagt einer der jüngeren Anwesenden. Mit diesem Schritt habe die Regierung das Fass zum Überlaufen gebracht. Das jetzt wieder geradezubiegen, dürfte für Macron nicht einfach werden. Zu groß ist die Wut in weiten Teilen der Bevölkerung: "Macron müsste vor das Volk treten und persönlich mit uns reden. Aber das tut er nicht", berichtet ein 75-jähriger Beinheimer. Dass der Präsident bis dato schweigt und stattdessen Premierminister Edouard Philippe ins Rampenlicht rückt, verärgere ihn am meisten, sagt er. Wie lange die Proteste noch anhalten, wisse keiner. "Wir verhungern und verdursten nicht. Wenn es sein muss, bleiben wir bis Weihnachten oder länger", meint der Mit-Organisator.

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