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Hoffen auf ein Kalikokrebs-Netzwerk
08.12.2018 - 00:00 Uhr
Karlsruhe - Bisher war der eingeschleppte nordamerikanische Kalikokrebs, der den Lebensraum einheimischer Tierarten bedroht, ein regionales Problem im Landkreis Rastatt. Mittlerweile gibt es Vorkommen bis nach Hessen und sogar in Düsseldorf, berichtet Dr. Andreas Martens von der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Er leitet seit zwei Jahren ein Forschungsprojekt und veranstaltet am Wochenende die erste Fachtagung zum Thema Kalikokrebs in der Fächerstadt. Die Resonanz ist mit 180 Teilnehmern enorm. Martens hofft, dass es nun gelingt, ein Netzwerk aufzubauen, wie er im Interview mit BT-Redakteurin Anja Groß betont - zum Austausch über effektive Gegenmaßnahmen.

BT: Herr Dr. Martens, der Kalikokrebs breitet sich am Oberrhein rasant aus - können Sie kurz skizzieren, wie das Vorkommen sich aktuell darstellt?

Dr. Andreas Martens: Das aktuelle Vorkommen in Baden-Württemberg umfasst die Kreise Rastatt und Karlsruhe sowie die Städte Baden-Baden und Karlsruhe, es reicht im Süden aber bis nach Kehl. Auf französischer Seite gibt es mittlerweile 25 Vorkommen im Elsass, hauptsächlich in der Umgebung von Lauterbourg. Die Pfalz ist durchgängig besiedelt bis Speyer. Dieses Jahr gab es erste Funde in Hessen, rheinabwärts bis nach Wiesbaden. Zudem gibt es ein punktuelles Vorkommen in Düsseldorf. Damit hat sich die Art schon ziemlich ausgebreitet. Wenn sie die Niederlande erreicht, wird das eine neue Dimension annehmen, weil Kalikokrebse durch ihren Röhrenbau eine Gefahr für die holländischen Deiche darstellen.

BT: Warum ist der Kalikokrebs bedrohlich?

Martens: Die Tierart, die eigentlich in Nordamerika beheimatet ist, ist in der Lage, über Land zu gehen und sich in Gewässern stark zu vermehren, die eigentlich unseren Amphibien und Libellen vorbehalten sind. Die Vorkommen von Laub- und Springfröschen oder Kammmolchen stehen regional kurz vor dem Aussterben, wenn es uns nicht gelingt, zumindest einzelne Gewässer vor dieser Krebseinwanderung zu schützen.

BT: Gibt es denn erfolgreiche Gegenmaßnahmen?

Martens: Das ist genau der Grund für diese Tagung. Wir haben - gefördert von der Stiftung Naturschutzfonds Baden-Württemberg - ein zwei Jahre dauerndes Projekt, und dazu gehört, dass wir unsere Ergebnisse der Öffentlichkeit vorstellen. Die sind vielversprechend: Wir haben es nach etlichen Fehlschlägen in einigen Gewässern geschafft, den Kalikokrebs vollständig oder nahezu vollständig zu vertreiben.

Interview

BT: Und wie haben Sie das erreicht?

Martens: Dazu nutzen wir drei verschiedene Ansätze und kombinieren sie miteinander. Erstens verändern wir den Lebensraum. Die Art vermehrt sich sehr erfolgreich in lehmigem Untergrund. Dort baut sie Gänge und versteckt sich darin. Wir bringen in solche Gewässer eine Schicht Kies ein, denn darin kann man nicht gut graben, weil Kies immer in sich zusammenfällt. Zweitens verhindern wir die Wiedereinwanderung, indem wir eine Baumstammbarriere um das Gewässer herum aufbauen. Diese werden von Amphibien überwunden, aber vom Flusskrebs nicht - das haben wir zwei Jahre lang getestet. Als dritte Maßnahme versuchen wir, alle Krebse aus den Gewässern herauszufischen. Dabei kommt es darauf an, das letzte noch Eier tragende Weibchen zu fangen. Das gelingt uns am besten mit Hilfe von Elf-Loch-Kalksandsteinen, die die Tiere als Ersatzwohnröhren nutzen - besonders die Eier tragenden Weibchen halten sich gerne in den Lochsteinen auf. Wir leeren die Steine regelmäßig aus. Damit fängt man noch die allerletzten Krebse, wenn alle anderen Methoden schon nicht mehr funktionieren.

BT: Wird das Forschungsprojekt fortgesetzt?

Martens: Wir haben einen Folgeantrag gestellt. Ich bin zuversichtlich, aber eine endgültige Entscheidung bekommen wir erst im Frühjahr 2019.

BT: Was muss aus Ihrer Sicht als Nächstes folgen?

Martens: Wir müssen zum einen informieren, damit alle Betroffenen rechtzeitig handeln. Die Art darf auf keinen Fall durch den Menschen weiterverbreitet werden. Wir haben etliche Stellen gefunden, wo Kalikokrebse von Menschen ausgesetzt worden sein müssen - das gilt zum Beispiel für ein Vorkommen bei Gaggenau. So etwas kann man nur durch Aufklärung verhindern. Zudem müssen wir versuchen, die weitere Ausbreitung einzuschränken. Dazu müssen wir herausfinden, welches die Verbindungsachsen und Ausbreitungsrouten sind.

BT: Der Kalikokrebs war lange Zeit ein Thema vor allem für Naturschützer. Infolge der Inva sion kippen aber zunehmend Gewässer um, das betrifft auch Angler. Kooperieren Sie mit denen?

Martens: Ja, diese fantastische Erfahrung mache ich gerade: Angler und Naturschützer arbeiten an vielen Orten inzwischen eng zusammen, im gemeinsamen Ziel, die zerstörerische Wirkung des Kalikokrebses einzudämmen.

Kulinarische Nutzung wird diskutiert

BT: Drei Zentner Kalikokrebse hat ein Fischer dieses Jahr laut einem BT-Bericht aus einem Altrheinarm gefischt. Kann man die Krebse eigentlich essen?

Martens: Ja, aber die Art ist eigentlich für die kulinarische Nutzung zu klein. Zu unserer Tagung kommen auch junge Start-up-Unternehmer, die sich mit der Verwertung von Neobiota beschäftigen und die in Berlin schon angefangen haben, diese Arten im Feinschmeckerbereich zu vermarkten. Das ist eines der Themen, die wir durchaus diskutieren. Wir werden auf der Tagung auch kleine Snacks mit Kalikokrebsen anbieten, um zu zeigen, was man aus denen so machen kann...

BT: Abfischen wäre also auch eine Möglichkeit, die Krebsart loszuwerden?

Martens: Jain. Es gibt immer wieder die Hoffnung, dass das ein Geschäftszweig sein könnte und deshalb halten Menschen dann Kalikokrebse. Doch wenn die ausbrechen, haben wir wieder neue Probleme. Das hat also auch Schattenseiten.

BT: Man hat in Speiballen von Störchen Kalikokrebse gefunden, insofern scheint es doch nicht so zu sein, dass sie bei uns keine natürlichen Fressfeinde haben. Aber ist das ausreichend?

Martens: Es ist eindeutig nicht ausreichend, um die Amphibien zu schützen, weil die Störche nicht alle Krebse finden. Andererseits sind die Kalikokrebse eine nicht zu unterschätzende Nahrungsquelle für die Störche im Landkreis Rastatt.

BT: Es wird immer wieder kritisiert, dass der Kalikokrebs nicht auf der EU-Liste der invasiven Arten auftaucht. Warum wäre das wichtig?

Martens: Zum einen, um schneller Maßnahmen umsetzen zu können oder Priorität bei Fördergeldern zu haben. Und es wäre wichtig für die Wahrnehmung, welche Gefahr vom Kalikokrebs tatsächlich ausgeht. Ich hoffe, dass die Tagung und das damit verbundene große Interesse aus Hessen und Nordrhein-Westfalen dazu beitragen wird, dass die Art endlich auf die Liste kommt. Einer der ersten Redner wird Dr. Stefan Nehring vom Bundesamt für Naturschutz in Bonn sein. Ich verspreche mir sehr viel davon, dass er sich selber einen Einblick verschafft.

BT: Funktioniert der Informationsaustausch auch grenzüberschreitend?

Martens: Ja. Wir sind unmittelbar involviert beim Projekt "Schildkröten ohne Grenzen" zwischen Rheinland-Pfalz und Frankreich zur Wiederansiedlung der europäischen Sumpfschildkröte. Dort, im Bereich der Mündung der Lauter in den Rhein, sind mittlerweile fast alle Gewässer vom Kalikokrebs dicht besiedelt. Somit ist fraglich, ob dieses bedeutende Schutzprojekt überhaupt weiterlaufen kann. Denn die Schildkröten finden in den Gewässern keine Deckung mehr, weil die Krebse alle Pflanzen vernichtet haben. Das Wasser ist dort nur noch eine trübe Brühe.

BT: Die Forschung zum Thema Kalikokrebs würde man nicht zwingend an einer Pädagogischen Hochschule verorten. Wie sind Sie dazu gekommen?

Martens: Die PH hat seit einigen Jahren neben den Studiengängen, die in die Schulen führen, auch andere bildungsnahe Master- und Bachelorstudiengänge. So gibt es seit fünf Jahren beispielsweise den Masterstudiengang "Biodiversität und Umweltbildung". Ich bin einer der Gründer und Studiengangsleiter davon. Komplexe Naturschutzfragen der Öffentlichkeit zu vermitteln, wie jetzt, davon profitieren die Studierenden in diesem Master, aber auch die zukünftigen Lehrer. Ich selbst forsche an Libellen und an Neobiota im Süßwasser. Seit ich 2002 nach Karlsruhe kam, habe ich mich intensiv mit Tieren im Rhein beschäftigt und viele neue Arten entdeckt. Ich habe lange genug als Wissenschaftler nur Daten gesammelt und zugeschaut, beim Kalikokrebs sah ich mich dann in der Verantwortung, etwas gegen seine schädlichen Auswirkungen auf die Biodiversität zu unternehmen.

Aussterben heimischer Arten verhindern

BT: Wagen Sie mal einen Blick in die Zukunft: Wird die Ausrottung des Kalikokrebses gelingen?

Martens: Ich denke nein. Das ist auch nicht unser vorrangiges Ziel, es geht uns besonders darum, das regionale Aussterben unserer heimischen Arten zu verhindern.

BT: Gibt es Wünsche an die Politik?

Martens: Der Kalikokrebs als Flusskrebs fällt unter das Fischereirecht, ist aber ein besonderes Problem im Arten- und Naturschutz. Damit ist in Baden-Württemberg nicht das Umweltministerium mit dem Thema Naturschutz zuständig, sondern eigentlich das Ministerium für Ländlichen Raum. Es gab lange Zeit offene Zuständigkeitsfragen - ich habe inzwischen die Erfahrung, dass beim Kalikokrebs alle an einem Strang ziehen.

Die Politik hat inzwischen durchaus für das Thema Interesse. Nicht nur als Reaktion auf das große öffentliche Interesse. Viele Vertreter aus Kommunen und aus dem Landtag haben sich inzwischen selbst einen Eindruck verschafft und setzen sich persönlich bei der Thematik ein. Jetzt ist es an der Zeit, sich des Themas deutschland- und EU-weit anzunehmen.

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