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Vitaminstoß für Goldberg-Variationen
Vitaminstoß für Goldberg-Variationen
10.12.2018 - 00:00 Uhr
Von Udo Barth

Da steht sie wieder, die "International Touring Organ", die digitale Orgel des Cameron Carpenter, und erregt schon wie vor vier Jahren vor dem Konzert die Aufmerksamkeit von Smartphone-Besitzern. Das Beeindruckende sind aber die futuristischen, in Magenta strahlenden Lautsprecher, die über die ganze Bühne des Festspielhauses verteilt sind, vom Hightech-Cockpit des Organisten aus gesteuert.

Carpenter verbeugt sich kurz und schwingt sich behände auf den Sitz seiner von ihm konzipierten Orgel. Der amerikanische Paganini der Orgelwelt taucht im ersten Programmteil in das Bachsche Universum der Goldberg-Variationen ein. Carpenter sitzt natürlich mit dem Rücken zum Publikum, die "Königin der Instrumente" ist so konstruiert, dass man mühelos dem Tanz von Carpenters Beinen samt den sich daran anschließenden spitzen Schuhen über die Pedale folgen kann.

Dass es sich hier um ein digitalisiertes Wunderwerk mit fünf Manualen handelt, merkt man zu Beginn der Aria, ein etwas metallisch wirkender Klang ist nicht zu verleugnen. Jedoch wird schon bei der ersten Variation das unerhörte Klangspektrum deutlich. Jede Variation erhält ihr eigenes Profil, subtilste Nuancen zieht Carpenter aus den Registern. Es röhrt, näselt, perlt, trompetet, blubbert, säuselt, und die atemberaubende Fingerfertigkeit des Organisten erzeugt Staunen.

Zudem belegt Carpenter eindrücklich, dass Bachs Musik immer wieder neue Zugänge zu dessen Musikkosmos gewährt. Die Goldberg-Variationen mit all ihren nur erdenklichen Affektwechseln erklingen in einer Farbenpracht, die derart noch nie gehört wurde - ein Vitaminstoß für diesen umfangreichen Zyklus. Manche der kunstvoll verzierten zehn Dreiergruppen strahlen eine erhabene Ruhe aus, die an Orgelmusik im sakralen Raum erinnert - oder an ein Glockenspiel, fast schon in weihnachtlicher Vorfreude. Eine schier überbordende Fülle von Tonspektren ist zu goutieren.

Oft wird Carpenter, der Revolutionär der Orgel, ja als Punk bezeichnet. Aber Vorsicht - dies ist kein Popkonzert. Diese Bach-Komposition erfordert 65 Minuten äußerste Konzentration des Zuhörers. Damit verlangt Carpenter den Besuchern einiges ab. Die Aria kehrt am Ende wieder in überirdisch zartem Piano zurück, das hat etwas Schmerzliches und Tröstliches zugleich.

Dass es sich bei der "Orgel to go" um ein gewaltiges, imposantes, symphonisches Instrument mit amerikanischem Klangbild handelt, wird im zweiten Programmteil superdeutlich. Carpenter zelebriert ein Eigenarrangement der zweiten Sinfonie seines Landmanns Howard Hanson, im Orchestergewand 1930 als Auftragswerk von Serge Koussevitzky in Boston uraufgeführt. Zutiefst spätromantisch ist das dreisätzige Werk, und es erlaubt, dass gerade dieses Instrument seine mächtige Dynamik entfalten darf.

Hexenmeister



der Orgelkunst

Schwelgerische Melodien sind zu vernehmen, Carpenter kann sich aber auch so richtig im satten Klangrausch austoben. Er ist unbestritten ein Hexenmeister der Orgelkunst, der Mystisches und Bombastisches aus den spacigen Lautsprechern ertönen lässt. Dass sich da ziemlich unheimliche Wesen im All tummeln, weiß der Science-Fiction-Fan. Denn im Kultfilm "Alien" aus dem Jahr 1979 wurde das effektvolle Seitenthema des Kopfsatzes der Sinfonie zum Gruselfaktor. Commander Carpenter verlässt stürmisch gefeiert das Cockpit des Raumgleiters. Und landet hoffentlich bald wieder einmal in den irdischen Gefilden des Festspielhauses.

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