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Wandlungen eines Unpolitischen
Wandlungen eines Unpolitischen
13.12.2018 - 00:00 Uhr
Von Silke Uertz

Vier wuchtige Überseekoffer in der Größe von Kommoden - hölzerne Zeugen einer ganz besonderen Auswanderung: die von Thomas Mann (1875-1955). Aus seinem Schweizer Exil heraus wagte der große Schriftsteller mit seiner Familie 1938 den Sprung über den Atlantik und lebte 14 Jahre lang im Land der Freiheit. Diese Zeit beleuchtet die Ausstellung "Thomas Mann in Amerika", die den Wandel des künstlerischen Selbstverständnisses hin zu mehr politischem Engagement dokumentiert. Die Schau ist in Kooperation mit dem Thomas-Mann-Archiv der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich entstanden und bis zum 30. Juni 2019 im Literaturmuseum der Moderne in Marbach zu sehen.

Mit ihren rund 100 Exponaten folgt die Ausstellung chronologisch der Zeit des Exils in sechs Vitrinen, wovon sich drei Manns Politisierung und drei den in Amerika entstandenen Werken widmen, erläutert Mitkuratorin Ellen Strittmatter. Den roten Faden bilden Tagebücher aus der amerikanischen Zeit, die durch zwei weitere Ebenen aus Manu- und Typoskripten zu den Werken wie auch durch Exponate aus dem "Materialkosmos", etwa Briefe oder Zeitungsausschnitte, ergänzt werden, so die Museumsleiterin. Flankiert wird diese Präsentation von Film- und Höraufnahmen von Mann und Familienmitgliedern wie seiner Frau Katia und ihren Kindern Erika und Klaus.

Mit ihnen übersiedelte der 1929 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete Autor nach drei vorherigen Amerikareisen wie so viele andere Autoren aus Furcht vor dem NS-Regime in die USA, wo ihn bereits 1934 die New York Herald Tribune als "The Most Eminent Living Man of Letters" bezeichnete. Unterstützung fand er in der Mäzenin Agnes E. Meyer, der Mitbesitzerin und Mitherausgeberin der "Washington Post".

Durch sie bekam er Anstellungen in Princeton und an der Library of Congress. 1942 bezog er eine Villa im kalifornischen Pacific Palisades nahe Los Angeles, die er "Seven Palms" nannte und deren Foto er als Postkarte verschickte, wie Mitkurator Marc Wurich sagte. Das Anwesen lag in Nachbarschaft zur Villa Lion Feuchtwangers, und wie das heutzutage Villa Aurora genannte Haus wird seit 2018 auch Manns ehemaliges Domizil als Zentrum des künstlerischen und intellektuellen Austauschs genutzt.

Bedeutende Werke



entstehen in den USA

Auch Mann tauschte sich inmitten der vielen Exilanten unter der kalifornischen Sonne rege aus, etwa mit Literaten wie Feuchtwanger, seinem Bruder Heinrich Mann, Alfred Döblin und gelegentlich sogar mit dem ihm in gegenseitiger Abneigung verbundenen Bertolt Brecht sowie mit dem Philosophen Theodor W. Adorno. So erwies sich diese Zeit im "Weimar am Pazifik" für Mann als fruchtbar, entstanden doch dort Werke wie "Doktor Faustus", "Der Erwählte" sowie "Joseph, der Ernährer", der letzte Band der Roman-Tetralogie "Joseph und seine Brüder".

Außerdem verfasste Mann in Pacific Palisades die berühmten BBC-Radioansprachen unter dem Titel "Deutsche Hörer!", in denen er die Lage Deutschlands im Nationalsozialismus erörterte und deren erstes Typoskript in Marbach ausgestellt ist. 1952 kehrte Mann, der 1944 US-amerikanischer Staatsbürger geworden war, nach Europa, genauer in die Schweiz, zurück. Er war tief enttäuscht von der sich durch den beginnenden Kalten Krieg geänderten Politik seiner amerikanischen Wahlheimat, die sich in der McCarthy-Ära in einem Klima der Angst vor kommunistischen Umtrieben äußerte, derer auch Mann verdächtigt wurde.

Eine teilweise geschwärzte Akte des FBI belegt die Beobachtung Manns durch den US-Inlandsgeheimdienst "spätestens seit seiner dritten Amerikareise", so Wurich. Und die US-Illustrierte "Life" vom 4. April 1949 verdächtigt Mann neben 49 weiteren Intellektuellen wie Einstein als mutmaßliche Kommunisten. Aus dem Land der Freiheit war eines der Unfreiheit geworden - und aus dem Unpolitischen ein Politischer. Bereits am 8. April 1945, einen Monat vor der deutschen Kapitulation, plädierte Mann in einem Brief an Hermann Hesse für die "Politisierung des Geistes": "Ich glaube, nichts Lebendes kommt heute um das Politische herum."

Zur Ausstellung ist das "Marbacher Magazin 163/164: Thomas Mann in Amerika" erschienen, 244 Seiten, 20 Euro.

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