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Wortgefechte zum Friedensfest
Wortgefechte zum Friedensfest
14.12.2018 - 00:00 Uhr
Von Nike Luber

Weihnachten, das Fest der Liebe. Es wird meist im Kreis der Familie gefeiert. Das kann zu Stress und Verwerfungen führen. Der französische Theaterautor Gilles Dyrek exerziert in dem Stück "Weihnachten auf dem Balkon" genussvoll durch, was alles schief gehen kann. Im Karlsruher Kammertheater amüsiert sich das Publikum darüber prächtig, werden doch die Pointen punktgenau serviert. Das Tempo ist hoch, denn die sechs Darsteller spielen jeweils zwei sehr unterschiedliche Charaktere um die aus den Fugen geratenden Weihnachtsfeiern von zwei Familien darzustellen, die Balkon an Balkon wohnen.

Man sieht auch nur die beiden Balkone, kann ein bisschen Wohnung dahinter erahnen, das reicht als Bühnenbild (Ausstattung Alexander Martynow) völlig aus. Dahinter wechseln die Darsteller Kostüm und Rolle in fliegender Eile, was zu zusätzlichen komischen Momenten führt. Die ständig an- und abgeklebten Bärte wollen nicht mehr halten, die Perücke sitzt schief, und das blendend aufgelegte Ensemble fügt die Witzchen darüber ins Geschehen ein.

Selbiges ist ohnehin schon absurd, und der komödienerfahrene Regisseur Dominik Paetzholdt sorgt mit sicherer Hand dafür, dass sich lang bestehende Abneigungen, alltäglicher Beziehungsstress, kleine Lügen und ein Frettchen so richtig schön entfalten. Das Frettchen ist nicht echt, aber sehr lustig. Es gehört zur Ausstattung von Sebastian, den Markus Schöttl als heftig pubertierenden Goth zeichnet. Er bringt die provokante Attitüde des scheidungsgeschädigten Jungen sehr schön zum Ausdruck. Oma Henriette im pinkfarbenen Chanelkostümchen muss da natürlich einschreiten, vernichtende Kommentare und unerwünschte Erziehungsratschläge verteilend. Michaela Hanser spielt die alte Dame mitreißend temperamentvoll, herrlich ihre verbalen Duelle mit Schwiegertochter Eliane.

Die wird von Susanne Pätzold wunderbar böse gespielt als Frau, die sich in ihrer Rolle als gestresstes Opfer richtig wohlfühlt. Und dabei ständig ihren Mann (Tayfun Baydar) mobbt, der sich unbeirrt um Ausgleich bemüht. Dazwischen die witzigen Kurzauftritte des kleinen Sohnes, der von einem erwachsenen Schauspieler dargestellt wird.

Patrik Nitschke sprang am Premierenabend für den erkrankten Mario Radosin ein und brillierte als kleiner Benjamin ebenso wie als perfekter Spießer Hubert. Der umkreist besorgt seine hochschwangere und hypersensible Gattin Ann-Katrin (Michaela Hanser), fällt aber ständig in Ohnmacht, als sie das Kind am Weihnachtsabend in der Küche zur Welt bringt. Wie gut, dass Tayfun Baydar als zupackender Helfer Christoph da ist. Auf dem einen Balkon ist er der von seiner Familie unterdrückte Patrik, auf dem anderen ein Latino, der Christoph heißt und Fleischer ist. Was lange niemand glaubt, weil Marie (S. Pätzold) ihn ihrer Familie als Medizinstudenten vorstellt. Die wiederum sind überrascht, weil es bereits der dritte Freund von Marie ist, der Christoph heißt. Da sprüht der Wortwitz, ein Beziehungsdrama beginnt, als Christoph beleidigt ist und der alkoholabhängige Opa seinen Auftritt als Weihnachtsmann haben will. Jörg Bruckschen gibt in dieser Rolle dem Affen Zucker. Seine Darstellung erinnert ein bisschen an Loriots Figur Opa Hoppenstedt. Ungeniert besteht Opa auf seinem Bart zum Weihnachtskostüm, auf seinem Auftritt, notfalls auch bei der Familie nebenan.

Ho,,ho, ho! Das Zwerchfell wird in "Weihnachten auf dem Balkon" schwer strapaziert, wenn alle in ihren Doppelrollen von einem Balkon zum anderen hechten. Oder versuchen, in aberwitzigen Verrenkungen vom Balkon aus zu entkommen. Das Kammertheater hat ein witziges Weihnachtsstück im Angebot. Bis 27. Dezember kann man die herrlich überdrehten Figuren, den Wortwitz und die abstrusen Verwicklungen genießen.

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