https://www.top-zusteller.de/
https://www.top-zusteller.de/
Der perfekte Moment - zelebriert, nicht verpennt
Der perfekte Moment - zelebriert, nicht verpennt
17.12.2018 - 00:00 Uhr
Von Udo Barth

"Guten Tag, liebes Glück" - dieser Titel könnte für die vielen Fans von Max Raabe stehen, der am Samstagabend mit dem Palast Orchester ein begeisterndes Konzert im Festspielhaus servierte. Es ist diese besondere Mischung aus neuen Liedern, die er gemeinsam mit der ehemaligen Ideal-Frontfrau Annette Humpe schrieb, und den zeitlosen Operettenhits und Couplets der 1920er und 1930er Jahre, die solch einen Abend zu einem Glücksfall werden lassen.

Eines wird aber auch deutlich: Bei aller Kunst der heutigen Songs sind es dann doch die Komponisten der Vorkriegszeit, die gehaltvollere Schlager ablieferten. Robert Stolz etwa, von dem Raabe "Du bist meine Greta Garbo" und im Verlauf des Abends zwei weitere Lieder singt, war ein umfassend ausgebildeter Komponist und Kapellmeister, der über sechzig Operetten geschrieben hat. Und dessen Büste in der Lichtentaler Allee steht, da er einer Anekdote zufolge genau hier die Melodie des Lieds "Vor meinem Vaterhaus steht eine Linde" gefunden hatte.

Bei Raabe, dem Charmeur mit witzigem und satirischem Hang zum Conférencier, ist Haltung einfach alles. Nach jedem Lied verbeugt er sich so grazil und mit soviel diskreter Eleganz, als wäre er Oberkellner im Grand Hotel. Stimmlich ist Raabe immer noch ein Garant für samtenen Bariton, seine Ausflüge ins Falsett geraten tadellos. "Im Grunde genommen," so meint er verschmitzt, "dreht sich alles darum, wie man sich findet und wie man sich wieder los wird."

Dass er bei den Multiinstrumentalisten des Palast Orchesters daran natürlich nicht denkt, ist klar: Immer wieder sorgen sie mit solistischen Höhenflügen für Souveränität des Sounds. Dieses Mal sogar mit Dame, denn bei Cecilia Crisafulli handelt es sich um eine fantastische Geigerin. Schade nur, dass sie "nicht in meinem Adressbuch" steht, einem Song, den Raabe mit listigem Bedauern intoniert.

Die Bühne ähnelt einem Ballsaal der Zeit von Babylon Berlin, dafür sorgen die ausgefeilte Beleuchtung und die Anklänge an Charleston oder Tango. Angesichts der derzeitigen Debatte um Frauenfeindliches könnte man(n) leicht auf den Gedanken kommen, dass ein Lied wie "Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt" ins Visier von Moralaposteln geraten könnte. Das leicht Frivole in "Du bist viel zu schön für einen Mann allein" wird aber so verschmitzt serviert, dass die Begleitung der Kinder und Jugendlichen im Publikum nicht deren Ohren zuhalten muss. Da amüsieren Zeilen wie "Ich schätze deinen Mann, ich glaub, dass du das weißt, doch schätz' ich ihn noch mehr, wenn er mal verreist."

Tiefsinnig wird Raabe, wenn er über das Zeitempfinden sinniert. "Ja auch wir Berliner haben einen Flughafen", nur sollte der Senat nicht alle sechs Jahre daran erinnert werden. In dezenten Dosen gibt sich der Spezialist für musikalische Streicheleinheiten auch mal politisch. Zum Beispiel, als er die Geschichte der biblischen Delila erzählt, die einst dem starken Samson alle Kraft raubte, indem sie ihm das Haar abschnitt. Raabe fragt hintersinnig: "Kann es sein, dass sich der mächtigste Mann eines Landes nur durch die Ungewöhnlichkeit seiner Frisur im Amt hält?"

Sein trockener Humor erzeugt oft kollektives Lachen, das Vermitteln dieses Gemeinsamkeitsgefühls ist ein Markenzeichen Raabes, der seine Zuhörer wie mit einem Spinnennetz einfängt. "Der perfekte Moment wird heut verpennt": Zum Glück hat man es nicht getan, aber die Projektion von niedlichen Kätzchen und Welpen im Bühnenhintergrund - na ja! Nach der Pause sind die Musiker in weiße Jacketts gekleidet, bei Raabe sitzt der Frack wie angegossen. Darauf haben viele gewartet, auch auf das Schwein, das nie anruft. Beim Palast Orchester wurd daraus dank Einlagen von Balalaika oder chinesischen Gongs eine Schweinerei um die ganze Welt. "Besinnliches zum Advent" kündigt Raabe auch an. Aber Vorsicht - so rasant hat der Tannenbaum noch nie gejazzt. Auf den frenetischen Beifall folgen beliebte Zugaben, darunter auch der unvermeidliche Kaktus, welcher sticht u nd sticht.

BeiträgeBeitrag schreiben 



Das könnte Sie auch interessieren

Baden-Baden
Daniele Gatti sagt die Dirigate bei Osterfestspielen ab

14.12.2018
Zubin Mehta dirigiert "Otello"
Baden-Baden (red) - Daniele Gatti hat die Dirigate bei den Osterfestspielen Baden-Baden 2019 Gründen abgesagt. Die Oper "Otello" wird nun von Zubin Mehta dirigiert, der sich bereiterklärt hat, einzuspringen. Mehta trat bereits 2014 und 2017 im Festspielhaus auf (Foto: pr). »-Mehr
Baden-Baden
Haftstrafe gegen Gambier

13.12.2018
Haftstrafe gegen Gambier
Baden-Baden (red) - Der Prozess gegen einen Gambier, der unter anderem eine 22-Jährige sexuell belästigt und einen Pfleger angegriffen hatte, begann mit massiven Störungen des Angeklagten. Das hinderte die Richterin des Amtsgerichts jedoch nicht daran, ihn zu verurteilen (Symbolfoto: dpa). »-Mehr
Baden-Baden
Kurhaus-Garage: Land als Pächter

11.12.2018
Kurhaus-Garage: Land wird Pächter
Baden-Baden (hol) - Die Kurhaus-Garage (Foto: Ernst) bekommt zum Jahreswechsel einen neuen Betreiber. Ab Januar ist für das Parkhaus mit seinen 408 Stellplätzen im Zentrum der Kurstadt nicht mehr die Stadt, sondern die landeseigene Parkraumgesellschaft (PBW) zuständig. »-Mehr
Baden-Baden
Traditionsprojekt geht bald über Staatsgrenze hinaus

08.12.2018
Schulprojekt des Festspielhauses
Baden-Baden - Die Zahlen sprechen bei dem Projekt "Kolumbus - Klassik entdecken" für sich: In 17 Jahren hat das von der Grenke AG finanzierte Programm mehr als 45 000 Schülern den Besuch des Festspielhauses Baden-Baden ermöglicht. Nun soll das Projekt ausgeweitet werden . »-Mehr
Baden-Baden
31-Jähriger vor Gericht: Frau in Tiefgarage genötigt

07.12.2018
Frau in Tiefgarage genötigt
Baden-Baden (red) - Ein jetzt 31-jähriger gambischer Asylbewerber muss sich am Mittwoch vor dem Amtsgericht Baden-Baden wege n versuchter sexueller Nötigung und anderer Straftaten verantworten. Er sitzt aktuell in Untersuchungshaft, wie die Staatsanwaltschaft mitteilt (Foto: hli). »-Mehr
Umfrage

17 Milliarden Lämpchen erstrahlen laut einer aktuellen Umfrage in der Advents- und Weihnachtszeit in deutschen Haushalten. Schmücken auch Sie ihr Heim mit Lichterketten?

Ja, ein wenig.
Ja, üppig.
Nein.

Wetter in Mittelbaden


© Badisches-Tagblatt.de    Impressum | AGB | Nutzungsbedingungen | Datenschutz   
1