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Franzosen sind so, Deutsche sind anders
18.12.2018 - 00:00 Uhr
Von Georg Patzer

Weißenburg - Das ist doch klar: Franzosen sind immer unpünktlich. Bestes Beispiel: die Seminarleiterin, die über das Thema "interkulturelle Fettnäpfchen" reden sollte. Zehn Minuten kam sie zu spät. Typisch!?

Tatsächlich haben "die Franzosen" einen anderen Zeitbegriff. Werden sie für acht Uhr eingeladen, ist es unhöflich, um Punkt acht zu kommen. Es kann mal passieren, und um den "zu früh Kommenden" die Zeit zu vertreiben, haben die Franzosen den Aperitif erfunden: Da kann man trinken und reden, bis die anderen Gäste kommen. Für Deutsche ist es dagegen unhöflich, später zu kommen: Denn damit missachtet man den, der pünktlich erscheint. Die Seminarleiterin Caroline Mary-Franssen ist übrigens entschuldigt: Der Verkehr von Mannheim war noch schlimmer, als sie erwartet hatte. Nicht nur um Fettnäpfchen ging es in der Pamina-Volkshochschule im französischen Weißenburg, sondern allgemeiner um interkulturelle Kommunikation. Das fängt bei den gängigen Vorurteilen an, und schnell kam dann die Frage auf: "Gibt es überhaupt so etwas wie einen Nationalcharakter?" Oder sind die Vorstellungen nicht vor allem ein Klischee, das von persönlichen Erfahrungen bestätigt wird?

Eine Teilnehmerin in der sprachlich gemischten Gruppe weist darauf hin, dass man dann ja oft auch nur das sieht, was einen bestätigt: "Siehst du, ich hab's ja gleich gewusst, die Franzosen sind ..." Unser Filter blendet anderes gern aus.

Ein weiteres Beispiel für die Unterschiede, den Caroline Mary-Franssen, Französin mit einem deutschen Mann, erzählt: In Deutschland werden Blumen, die man verschenkt, ausgepackt. In Frankreich wird die Verpackung dran gelassen, denn es ist wichtig, zu zeigen, wo man die Blumen gekauft hat. Oder die Kaffeepause. Mary-Franssen berichtet von einem Meeting, in dem der deutsche Teamchef Müller mit seinen französischen Mitarbeitern etwas bespricht. Man einigt sich um 10 Uhr auf etwas, das Team möchte jetzt eine Kaffeepause machen. Aber Herr Müller sagt: "Die Kaffeepause ist auf Viertel nach 10 angesetzt."

Ein anderes Missverständnis: Herr Müller sagt, dass er in 14 Tagen "un concept" haben möchte, ein Konzept. 14 Tage später trifft sich das Team, Herr Müller fragt nach dem Konzept, die Franzosen fangen an zu diskutieren und sich die Köpfe heißzureden: "Un concept" ist im Französischen nicht etwas schriftlich Ausgearbeitetes, sondern eine Idee. Was Herr Müller erwartet hat, heißt eher "un plan", ein Plan oder eine Präsentation. Das Wort ist gleich, aber die Bedeutung ist anders.

In einem anderen Beispiel verlangt eine deutsche Lehrerin, dass die Hausarbeiten am 11. November abgegeben werden - ein Unding für Franzosen, denn das ist der Tag des Waffenstillstands 1918, für die Franzosen ein sehr emotionaler Tag.

Mit vielen solchen Beispielen macht Mary-Franssen klar, wie es einem im Ausland gehen kann. Zum Ablegen von Vorurteilen hat sie etwas Kommunikationstheorie, aber vor allem kleine Spiele mitgebracht, in denen sich die Seminarteilnehmer ausprobieren und selbst erfahren können: Was sind versteckte Botschaften? Was kommt bei mir an, und was sagt der andere wirklich? Was sagen Mimik und Gestik? Wie fühlt es sich an, wenn man plötzlich zu keiner Gruppe mehr gehört, sondern allein steht? Wie unterschiedlich ist das persönliche Zeitempfinden, wenn man mit geschlossenen Augen sagen soll, wann eine Minute um ist?

Es ist ein sehr erhellendes Seminar, mit vielen Aha-Momenten für alle Teilnehmer, die eigentlich ohne spezielle Erwartungen gekommen sind, sich einfach nur für die französische Kultur interessieren. Dass interkulturell auch heißt, dass sich beide Parteien bemühen müssen. Und dass die Erkenntnisse auch in die Familie, in eine Beziehung mitgenommen werden können - da gilt nämlich dasselbe: Vorurteile, Missverständnisse, Offenheit und Bemühen.

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