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"Erlösung muss heute anders gedacht werden"
24.12.2018 - 00:00 Uhr
er Freiburger Fundamentaltheologe Magnus Streit fordert, dass die Kirchen näher ran müssen an die Lebenswirklichkeit der Menschen. Sie müssten sich zudem von einem Teil ihrer Lehren verabschieden - auch weil die Kirchen nur noch eine Option von vielen auf dem Glaubensmarkt sind. Im Interview mit BT-Redakteur Dieter Klink erläutert Striet, wie er sich die Zukunft des Christentums vorstellt.

BT: Herr Professor Striet, an Weihnachten sind die Kirchen voll, aber das Jahr über befinden sich die Kirchen tief in einer Dauerkrise. Was müssen sie ändern, um für die Menschen wieder relevant zu werden?

Magnus Striet: Sie müssen viel stärker an die Lebenswirklichkeit der Menschen heranrücken. Auf der Lehrebene wird noch sehr viel traditionelles Christentum angeboten, das wenig zu tun hat mit den Lebensrealitäten der Menschen. Unsere Lebenswelt ist eine sehr andere als diejenige vergangener Generationen. Und sie müssen aufhören, Sicherheit in Glaubensangelegenheiten zu suggerieren. Auch wenn dies angesichts einer von vielen Menschen als beängstigend erfahrenen Pluralität verführerisch ist.

BT: Können Sie dies konkretisieren?

Striet: Immerzu vor Entscheidungen gestellt zu werden, permanent zu sehen, dass andere Menschen anders leben, verunsichert. Die Kirchen sollten diese Erfahrungen aktiv bearbeiten, aber dabei nicht unterschlagen, dass das Christentum nur noch eine Option auf dem religiösen Angebotsfeld ist. Das heißt nicht, dass man in der eigenen Entschiedenheit zurückweicht, wenn man Gründe für diese hat. Um so wichtiger ist es, diese zu kennen.

Interview

BT: Das heißt also kein Zurückweichen als Christ, aber andere Glaubensansichten miteinbeziehen?

Striet: Man kann entschieden Christ sein. Aber man muss die Möglichkeit, sich selbst täuschen zu können, mitdenken. Menschen haben heute im religiösen Selbstverständnis nicht mehr die Gewissheit, die vergangene Generationen hatten.

BT: Gibt es Positionen, von denen sich das Christentum komplett verabschieden muss?

Striet: Wie viel Zeit haben wir?

BT: Warum, sind es so viele?

Striet (lacht): Auf jeden Fall muss sich das Christentum von der klassischen Erlösungslehre verabschieden. Die Vorstellung, dass die Menschheit durch einen Menschen sündig geworden sei und Jesus diese Sünde am Kreuz gesühnt hat, ist eine Vorstellung, die immer noch ganz tief mit dem Christentum verbunden wird. Aber diese religiöse Vorstellungswelt ist nicht mehr zu halten. Erlösung muss heute anders gedacht werden.

BT: Wie kann es das? Die Lehre von der gesühnten Schuld durch Jesus am Kreuz steckt tief in Lehre, in den Schriften und im Brauchtum des Christentums.

Striet: Ja, und dennoch muss man neu darüber nachdenken, was dieser Jesus aus Nazareth eigentlich gewollt hat. Der Kern der Weihnachtbotschaft besteht darin, dass Gott als Mensch erfahrbar werden lassen wollte, dass er unbedingt für den Menschen da sein will und wird. Gott geht in die Geschichte ein, um zu zeigen, wie er für die Menschen sein will: Herzlich, die Ambivalenzen des Lebens achtend, nicht verurteilend und zu einer Gerechtigkeitspraxis auffordernd.

BT: Ist das dann noch als Erlösung zu beschreiben?

Striet: Ja. Der Mensch ist das einzige Tier, das um seinen kommenden Tod weiß. Daran glauben zu können, dass Gott den Tod zu töten, ihn zu überwinden vermag, kann die Angst vor ihm eindämmen. Es gibt Dimensionen menschlicher Erlösungsbedürftigkeit, die jenseits von Schuld und Sünde zu beschreiben sind. Aber selbstverständlich gibt es auch dies. Faktisch ist ein jeder Mensch verstrickt in Situationen, die nicht mehr lösbar sind. Wenn man das Leben im Bewusstsein führt, dass da noch einer ist, der die Narben heilen und so alles vollenden wird, entkrampft sich das Leben.

BT: Man stößt in der katholischen Kirche immer wieder auf die Reizthemen Sexualität, Zölibat, Frauenämter. Glauben Sie, wenn man diese Themen abräumen würde, wäre der Glaube stärker oder man könnte sich wieder auf die wesentlichen Themen konzentrieren?

Striet: Letzteres. Wenn man diese Reizthemen konstruktiv angehen würde, könnte man sich auf die wesentlichen Fragen konzentrieren. Das Problem in der katholischen Kirche ist ja, dass man immer wieder auf diese Fragen stößt, dass man zur eigentlichen Frage, der Gottesfrage, gar nicht durchdringt.

BT: Womit könnte die katholische Kirche anfangen: Was wäre ein erster Schritt?

Striet: Das kann weltkirchlich betrachtet sehr unterschiedlich sein, bezogen auf die hiesige Situation ist die Antwort eindeutig: Sie müsste ein entkrampftes, konstruktives Verhältnis zu den pluralen Lebensformen entwickeln. Das ist die Grundvoraussetzung dafür, um als Gesprächspartnerin wieder ernstgenommen zu werden. Und zudem wissen wir ja, dass längst auch in der Kirche gelebt wird, was zugleich nicht sein darf. Das ist gelebte katholische Schizophrenie. Damit könnte man aufräumen. Darüber muss man auch gar nicht mehr theologisch nachdenken, die Konzepte liegen alle längst vor. Und mit der immer wieder beschworenen "Anpassung an den Zeitgeist" hätte eine solche Neuorientierung auch nichts zu tun. Ich würde solche Aufräumarbeit vernunftgeleitete Selbstaufklärung nennen.

"Bischöfe brauchen eindeutig mehr Mut"

BT: Kann das eine nationale Bischofskonferenz anstoßen ohne den Blick auf Rom?

Striet: Das ist schwierig, zumal Papst Franziskus alles andere als eindeutige Signale aussendet. Aber am Ende bleibt es dabei: Bischöfe sind freie Menschen. Sie können freimütig das vertreten, was sie mit guten Gründen denken. Bischöfe brauchen eindeutig mehr Mut, als sie ihn bisher gezeigt haben. Wenn sie zunächst einmal, was ich nicht beurteilen kann, umzudenken vermögen. Aber es gibt Bischöfe, die hier inzwischen klare Signale aussenden.

BT: Nicht eindeutige Signale von Franziskus, welche meinen Sie?

Striet: Er ermutigt einerseits die Ortskirchen dazu, aktiver zu werden, mehr selbstständig zu entscheiden. Aber lässt er dies wirklich zu? Dann dachte man kurzzeitig, er würde die Haltung der katholischen Kirche zur Homosexualität überdenken wollen, sagt jetzt aber, Homosexualität sei eine Modeerscheinung. Damit steht er quer zu den Erkenntnissen der Sexualwissenschaften. Gleichgeschlechtlich zu lieben ist schlicht eine Variante partnerschaftlicher Verbindungen. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

BT: Bei Franziskus hat man anfangs sehr gelobt, dass er die Barmherzigkeit so stark betont.

Striet: Die Rede von der Barmherzigkeit kann positiv sein. Homosexuell orientierte Menschen aber wollen anerkannt werden in ihrer Lebensform des Lebens. Sie wollen weder Mitleid noch Barmherzigkeit, weil sie beides nicht brauchen. Barmherzigkeit pflegt man gegenüber Menschen, die am Boden liegen, die keine eigene Kraft mehr haben. Solche Menschen gibt es aus unterschiedlichen Gründen genug. Aber Menschen, die anders leben als die Mehrheit, ja - die glücklich sind, brauchen weiß Gott keine Barmherzigkeit. Barmherzigkeit ist schlicht die falsche Kategorie.

BT: Gibt es etwas, das Ihnen Mut macht?

Striet: Ja. Mir macht Mut, dass das Schweigen in der Kirche aufgehört hat. Dass immer mehr aktive katholische Christinnen und Christen offensiv vertreten, was sie denken. Sie haben auch gute Gründe dafür. Das Christentum hat eine Zukunft. Aber die Zukunft wird eine andere sein, wie das, was lange Zeit als Christentum gelebt wurde. Und wir dürfen auf keinen Fall die Vitalität des Christentums nur daran bemessen, wie stark der sonntägliche Kirchenbesuch ist. Es gibt auch ein Christentum außerhalb der verfassten Kirchen.

BT: Sie wollen die Gottesfrage neu stellen: Wie äußert sich diese heute?

Striet: Angesichts der ganzen Brüchigkeit der menschlichen Existenz, von Gewalterfahrungen etc. wird diese immer wieder aufgeworfen. Im Kulturbereich ist dies gut zu beobachten. Ich nenne nur zwei Romane, die als Beleg dienen können: Daniel Kehlmanns Roman "Tyll" und Robert Menasses Roman "Die Hauptstadt", Bücher aus den letzten beiden Jahren. Der Verkaufserfolg ist enorm. Aber warum? Sie funktionieren auch deshalb, weil Menschen hier ihr Ringen mit der Gottesfrage spiegeln können. Die religiöse Sehnsucht ist nicht abgestorben. Menschen artikulieren sie bis heute, aber in anderen Kontexten als denen der Kirchen. Nehmen Sie die gesamte Popkultur der Gegenwart, immer wieder artikuliert sich hier die Gottesfrage, oder aber auch die Harry-Potter-Bände: Die sind voll mit christlichen Religionssegmenten.

BT: Herr Striet, Sie stehen mit Ihren Positionen stark in der Kritik. Wie gehen Sie selbst mit Anfeindungen um? Mit Katholiken, die Ihnen vorwerfen, Irrlehren zu vertreten?

Striet: Es tut manchmal weh, aber das muss ich ertragen. Ich probiere es zu ignorieren. Aber es kann schon sehr verletzend sein.

"Absolute Glaubensgewissheiten"

BT: Was sagt solche scharf formulierte, verletzende Kritik aber über die Positionen im Christentum aus?

Striet: Es gibt inzwischen einen Fundamentalismus im Christentum. Und der speist sich aus der Verunsicherung: Was gilt eigentlich? Wenn Menschen verunsichert sind, neigen sie dazu, sich zu verhärten. Religionen bieten in ihrer herkömmlichen Form ein probates Mittel gegen solche Verunsicherungserfahrungen, weil hier gesagt wird, was Wahrheit ist und was gelten soll. Ich kann das Phänomen verstehen, setze aber hinzu: Es ist verheerend für eine freie, plurale Gesellschaft. Wer mit absoluten Glaubensgewissheiten unterwegs ist, wird gesprächsunfähig. Und diese Milieus gibt es nicht nur im Islam, sondern auch im Christentum.

BT: Das heißt, es gibt auch aus christlicher Sicht nicht die eine Wahrheit.

Striet: Am Ende wird es eine Wahrheit geben. Aber bis dahin ist auch das Christentum eine Option. Wer aber den Satz riskiert: "Wir wissen es nicht, es ist eine Glaubensoption", zieht sich schnell den Ärger derjenigen zu, die sagen: "Wir lassen uns nicht in unserem Glauben verunsichern."

BT: Heute herrscht doch allgemein die Tendenz, eine einzige Wahrheit für absolut zu erklären. Das Offene, das Unsichere, das Plurale hat in Zeiten von Trump, Orban und Putin einen schweren Stand. Ist das nicht eine Gegenentwicklung zu Ihrem Ansatz eines offenen Christentums?

Striet: Ja, und das bedrückt mich sehr. Zu beobachten ist, wie sich diese Politikerfiguren, die nationale Eigeninteressen bedienen, gleichzeitig klare Religionsoptionen ziehen, die die eigene, dann selbstverständlich gute christliche Religion, von anderen und dann schlechten Religionen abgrenzen. Wie sich diese Personen auf den Juden aus Nazareth beziehen wollen, der doch gerade keine Grenzen kannte, müssen sie selber entscheiden. Und auch wenn die Bibel nicht das letzte Wort hat, schließlich ist sie auch von Menschen geschrieben: In ihr zu lesen würde helfen. Hier kann man nämlich studieren, wie menschliches Handeln harsch im Namen Gottes verurteilt wird, das andere demütigt oder ausgrenzt. Es sind die Anderen, die Bedürftigen, die immer wieder ins Zentrum gerückt werden. Der erste Gottesdienst besteht hier darin, sich an ihre Seite zu stellen.

BT: Wie definieren Sie sich selbst als Christ? Wie kann man heute Christ sein?

Striet: Christsein kann man riskieren. Und es gibt gute Gründe dafür, das Risiko einzugehen. Christsein bedeutet für mich, mich in einer Tradition zu verankern, die einen Gott beschwört, der noch eine Zukunft für den Menschen hat, und der das Zerbrochene heilen und den Opfern der Geschichte Gerechtigkeit schaffen wird. Ob das eintrifft, weiß ich nicht, aber es ist meine Art, mein Christsein zu leben in dieser großen, humanen Tradition.

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