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Aufgehübschtes aus der Tanzgeschichte
Aufgehübschtes aus der Tanzgeschichte
29.12.2018 - 00:00 Uhr
Von Christiane Lenhardt

Das Mariinsky-Ballett ist traditionsbewusst, beherrscht die großen Petipa-Klassiker bravourös wie das Meisterwerk "Schwanensee" und revitalisiert auch gerne fast verblichene Perlen der Tanzgeschichte. Die Gala zum Abschluss der Ballett-Tage im Festspielhaus Baden-Baden hat mehrere Jahrhunderte Tanzgeschichte umfasst und dabei so manches aus der Versenkung geholt, was einst als innovativ galt.

"Le Carnaval" von Michail Fokine ist so ein frühes Erfolgsbeispiel, in dem der legendäre Waslaw Nijinsky noch den Harlekin tanzte. Der einstige Begründer des modernen Balletts verortet in seiner 1910 noch in St. Petersburg uraufgeführten Ballettpantomime die Commedia dell Arte im Biedermeier - Komponist Robert Schumann hatte das Personal seiner Klaviersuite "Carnaval" gleich mitgeliefert: seine einstige Verlobte Ernestine kommt vor, Gattin Clara und sein zwischen den beiden Frauen schwankendes Selbst in zwei Rollen. Doch das ist für die leichtfüßige Harlekinade des Mariinsky-Balletts im Festspielhaus, bei der eine ausgelassene Biedermeiergesellschaft in gerüschten Kostümen durch den Vorraum eines Ballsaals rauscht, nicht von Belang. Vor allem kommt hier Harlekin durch tänzerische Höchstleistungen auf Touren - und auch das flatternde Flügelpaar am Rücken der zarten Papillon, wenn sie ihre Pirouetten dreht. Colombines Grazie und die Fröhlichkeit des beschwingten Corps de Ballets stehen dann allerdings eher im Kontrast zu der ziemlich altmodisch anmutenden Pantomimeneinlage des alten Gecks Pantalone und des verschmähten Pierrots.

Ganz zwiespältig gerät der Trend zur Rückbesinnung bei einem ganz neuen Mariinsky-Ballett, das die Zeit des tanzverrückten Sonnenkönigs beschwört - der allerdings eher gemessenen Schrittes wandelte. Den Einakter "Le Divertissement du Roi" zur Musik des Barockkomponisten Jean-Philippe Rameau von 2015 hat sich der junge Choreograf Maxim Petrov überlegt. Ein hagerer Zeremonienmeister mit langem Stab kündigt bei ihm eine lose Folge von Divertissements in affektiertem Französisch an - mon Dieu. Dabei werden die allegorischen Figuren samt berauschtem Louis-quatorze aus den theatralischen Bildern des Barockzeitalters in neoklassischen Ballettfantasien ziemlich albern aufs Korn genommen. Und die barocken Balletterfinder als Protagonisten eines Narrenstücks wiedergeboren.

Zum Glück ist die Gala dann mit viel Strassgefunkel und den effektvollen "Diamonds" von George Balanchine aus dem Jahr 1967 zu Ende gegangen. Hier hat das Mariinsky-Ballett seine meisterhafte klassische Kunst noch einmal gezeigt - mit großem Corps de ballet in Weiß und glitzernden "Diamonds" am Dekolleté, einem Solopaar (der zauberhaften Viktoria Tereshkina und dem dynamischen Xander Parish), das im Pas de deux wie gewohnt strahlt.

Ein klassisches Finale für ein Weihnachtsgastspiel, bei dem sich das Mariinsky-Ballett als vielseitige Compagnie mit Zukunft präsentieren wollte - und doch vor allem den hohen Rang, den es als Traditionsballett international einnimmt, unterstrich. Anders als beim Prokofjew-Abend beschworen, geht die Innovation im Ballett schon lange nicht mehr von St. Petersburg aus. Die beiden mitgebrachten Programme mit Neuschöpfungen junger Choreografen haben gezeigt, dass der Nachwuchs eher in der Neoklassik verharrt und an der Weiterentwicklung noch experimentiert. Gemessen daran, was der Choreografen-Nachwuchs anderer internationaler Spitzenensembles wie des Stuttgarter Balletts (von Spuck bis Goecke) seit Jahren zeigt, oder das Nederlands Dans Theater erst jüngst mit der angesagten kanadischen Choreografin Crystal Pite und ihrem pointierten Tanzdrama am Konferenztisch im Festspielhaus vorführte. Spucks Grand-Ballet-Spaß mit fliegendem Handtäschchen etwa oder Forsythes schwindelerregendes Schubert-Ballett, was das Mariinsky selbst vor Jahren in Baden-Baden mit Bravour vorführte, wären vielleicht eine geeignetere Inspirationsquelle als der gute alte Sonnenkönig.

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