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Die Welt geht nicht unter
31.12.2018 - 00:00 Uhr
Von Volker Neuwald

Baden-Baden - Ein schreckliches Jahr geht zu Ende: Gewalt und Hunger, Krankheiten und Kriege, Erdbeben und Vulkanausbrüche in der ganzen Welt. Leid, Schmerz und Trauer kennzeichnen die Gegenwart. "Uns" geht es zwar noch relativ gut, aber "den anderen" da draußen immer schlechter. Die Zukunft sieht düster aus. Prosit Neujahr?

Deutschland hat sich in eine Wüste der Weltuntergangsstimmung verwandelt. So hieß es zuletzt kurz nach Weihnachten in einer dieser (überflüssigen) Umfragen, dass nur 17 Prozent der Deutschen 2019 "bessere Zeiten" erwarten.

Fast niemand schätzt hierzulande auch nur ansatzweise richtig ein, wie die Dinge auf dem Planeten wirklich laufen (siehe "Zum Thema"). Als einsamer Rufer in dieser Wüste kämpfte der schwedische Mediziner und Autor Hans Rosling seit 1995 gegen Trugschlüsse an und warb für ein faktenbasiertes Weltbild. Es sieht so ganz anders aus als unsere vermeintlichen Gewissheiten. 2018 erschien sein Buch "Factfulness". Der deutsche Untertitel "Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist" gibt Roslings Absicht sehr gut wieder: Möglichst vielen Menschen ihre grotesk negative Sicht auf die Welt auszutreiben. "Factfulness" ist zugleich Roslings Vermächtnis - der 68-Jährige starb im Februar 2017 an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Sein Sohn und seine Schwiegertochter setzen seine Arbeit fort.

Laut Rosling sind nur sechs Prozent der Deutschen in der Lage, den Anteil der extrem Armen an der Weltbevölkerung - das sind laut UN-Definition Menschen, die von weniger als 1,25 Dollar am Tag leben müssen - korrekt zu benennen. Die meisten gehen davon aus, dass sich der Anteil "nahezu verdoppelt" oder dass er sich "nicht oder nur unwesentlich verändert" hat. Dabei sei der starke Rückgang doch "absolut revolutionär", schreibt Rosling. "Es ist ein sehr grundlegender Fakt über die Welt, den man kennen sollte."

Rosling war ein Praktiker. Als Mediziner arbeitete der Schwede oft in Afrika und kämpfte dort zum Beispiel gegen die Ebola-Epidemie. Und er war ein Visionär: Rosling hält es für möglich, den Anteil der extrem Armen in den kommenden 15 Jahren auf null zu drücken - entsprechende Anstrengungen vorausgesetzt.

Wer noch mehr Fakten sucht, sollte sich die Onlinepublikation "Our World in Data" (OWID) anschauen (die es allerdings nur auf Englisch gibt). Sie wird von dem Ökonomen Max Roser von der Universität Oxford geleitet. OWID informiert über die historische Entwicklung der Lebensverhältnisse der Menschheit unter verschiedensten Gesichtspunkten und stellt diese auch grafisch sehr ansprechend dar.

Zum Beispiel die Entwicklung der weltweiten Kindersterblichkeit: 1950 wurden laut OWID 97 Millionen Kinder geboren, 14,4 Millionen davon starben. Von 100 Neugeborenen vollendeten also 15 ihr erstes Lebensjahr nicht. 2016 gab es 141 Millionen Geburten und 4,2 Millionen Todesfälle. Von 100 Neugeborenen starben drei. Die Kindersterblichkeit ist also von 15 auf drei Prozent zurückgegangen.

Rosling sieht "keinen Widerspruch darin, wenn man Erfolge wie diese feiert und zugleich um weitere Verbesserungen kämpft. Ich bin ein Possibilist." Statistik sei eine Art Therapie: "Es ist leicht, all die schlimmen Dinge auf der Welt zur Kenntnis zu nehmen. Schwieriger ist es, das Gute zu sehen."

Der Fortschritt existiert, und er macht das Leben auf der Erde besser. Das konstatiert auch Steven Pinker, Professor für Psychologie in Harvard, in seinem ebenfalls 2018 erschienenen Buch "Aufklärung jetzt. Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt". Pinker liefert so etwas wie den funktionalen Unterbau für die Statistiken Roslings. Pinker legt überzeugend dar, wie das wissenschaftliche Denken und die Hinwendung zu einer Weltsicht, die auf Vernunft und Fakten basiert, dazu geführt haben, dass es heute so vielen Menschen so viel besser geht als ihren Vorfahren. Er hat ein "Plädoyer für die Moderne" gegen deren Kritiker geschrieben, ein wütendes, witziges, polemisches und auch selbstironisches Werk gegen Krisendiagnostiker von links und rechts, basierend auf umfassenden Forschungen aus allen möglichen Fachrichtungen. Pinker sagt genauso wie Rosling nicht: "Alles nur halb so wild." Er sagt: "Es ist besser als jemals zuvor." Und - hier geht er weiter als Rosling: "Es ist gefährlich, das nicht zu erkennen."

Große Fortschritte erzielt wurden auch bei den Menschenrechten, beim Tierschutz, beim Umweltschutz und dem Bewusstsein für Klimaveränderungen. Wer die Fakten analysiert, erkennt die zweifelsohne großen Herausforderungen in diesen Bereichen viel besser.

Der Journalist Christian Stöcker hat im "Spiegel" geschrieben: "Die zur Gewohnheit gewordene, auf Fehlinformationen fußende Angst vor Abstieg und Untergang ist ein miserabler Ratgeber, wenn es um die Gestaltung der Zukunft geht."

Deshalb: Prosit Neujahr!

Hans Rosling, Factfulness, Ullstein-Verlag, 400 Seiten, 24 Euro; Steven Pinker, Aufklärung jetzt, S. Fischer-Verlag, 736 Seiten, 26 Euro.

www.ourworldindata.org

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