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Heiße These, hartes Gold
03.01.2019 - 00:00 Uhr
Von Dorothee Baer-Bogenschütz

Sagenhaft. Das schreckliche Ende einer großen Liebe passt, komprimiert zu schlaglichtartigen Szenen einer Ehe, auf ein Weinmischgefäß für den gehobenen Haushalt: Über einen Meter hoch, detailreich bemalt um 330 vor Christus in Italien - allen potenziellen Ehebrechern zur Warnung.

Im Zentrum des Gefäßes ist der Palast von Korinth angedeutet. Inmitten schlanker ionischer Säulen verbrennt bei lebendigem Leibe die Königstochter Kreousa. Ihr Vater will sie retten und stirbt mit ihr. Noch mehr Hitze staut sich unterhalb des Horrorszenarios. Dort platziert der Maler den Schlangenwagen von Helios, dem Sonnengott. Er wird seiner Enkelin Medea zur Flucht verhelfen, die zuvor noch rasch seine Urenkel in den Hades befördert, während ihr Gemahl Jason mit ansehen muss, wie er alles verliert, was ihm teuer war.

Medea. Mutter, Mörderin, Mythos. Personifizierte Rache und Identifikationsfigur schlechthin für alle Frauen, denen die Untreue des geliebten Mannes schon einmal den Verstand geraubt hat. Wie die Prinzessin aus Kolchis die neue Flamme Jasons mit einem giftgetränkten Gewand auslöscht und dann das Schwert packt, um ihre eigenen Söhne zu opfern, schildern eindrücklich Dichter und Bildwerke. Medea schreibt Literatur- und Kunstgeschichte; ihre Nebenbuhlerin hat kein Nachleben und einen denkbar knappen Wikipedia-Eintrag. Das Liebieghaus in Frankfurt verquickt die Mordlustige jetzt eng mit einer Hauptszene der Argonautensage.

Die Ausstellung ist selbst ein Riesenabenteuer. Sie rollt die Tragödie vor ihrer geografisch authentischen Kulisse am Kaukasus auf, nicht nur mit Hilfe von Meisterwerken der Skulptur, Vasen- und Wandmalerei, sondern arrangiert dazu jahrtausendealten georgischen Goldschmuck. Es braucht nicht viel Fantasie um sich vorzustellen, wie sich Medea und ihresgleichen mit Preziosen voller figürlicher Extravaganzen - Hirsche, Vögel, Schildkröten und variantenreiche Widderköpfe - herausputzten. Sie trugen zur Schau, was ihr Land hergab. Die antike Kulturlandschaft Kolchis in der heutigen Republik Georgien besaß reiche Goldvorkommen.

Mit Projektionen, bewegten Bildern und gut lesbarem, sichtlich auch an jüngere Interessenten adressiertem Katalog will das Liebieghaus nicht zuletzt Publikum ansprechen, das weniger mit Exegeten wie Hesiod, Herodot oder Euripides vertraut ist.

Das Museum gibt das Stück "Medeas Liebe und die Jagd nach dem Goldenen Vlies" opulent ausgestattet und klug konzipiert in Kooperation mit Georgien. Mit der legendären Tierfelltrophäe im Fokus, die erklären hilft, wie man dort einst Gold aus Bächen fischte, gelang eine eigenwillige Präsentation, die noch eine weitere Goldgräberstimmung einfängt: Die Jagd der Archäologen auf exklusive Erkenntnisse ist - wie Gold suchen.

Zwei aufgepeppte



Prachtkerle

Das Frankfurter Skulpturenmuseum ist geradezu gierig, nicht nur mit Werken aus seiner Sammlung den Erzählfaden aus eigener Kraft aufzunehmen und mit kostbaren Leihgaben aus verschiedenen Perspektiven weiterzuspinnen. Vor allem aber wird das aktuelle Lieblingsforschungsprojekt des Hauses so geschickt mit dem Medeastoff verwoben, dass diese Sonderschau in der Fachwelt über sich selbst hinauswirken kann. Sie lässt teilhaben an ikonographischen und stilistischen Fragestellungen, wie sie für die Archäologie typisch sind: Besonders spannend immer dann, wenn über Fragen zu Identität und Attributen noch nicht das letzte Wort gesprochen ist. Diesbezüglich haben die Frankfurter, stolz auf prominente Beiträge zur Polychromieforschung, nun mit zwei Bronzen einen besonders fetten Fisch an der Angel. Es geht um eine fundamentale Neuinterpretation.

Ihre auf jüngsten Überzeugungen basierende Annahme lautet, dass es sich bei dem sogenannten Faustkämpfer und Thermenherrscher, im Jahr 1885 in Rom aufgefundenen hellenistischen Quirinalsfunden und zwei von sieben erhaltenen griechischen Großbronzen, in Wahrheit um die Protagonisten jenes Boxkampfes handelt, der zu den zentralen Argonautenabenteuern zählt.

Eine heiße These. Auch, um sie zu festigen, gab man einen aufwendigen Nachguss in Auftrag. Jetzt sind die Männer zudem - um dem Original näher zu kommen - farbig gefasst, und es scheint fürwahr, als wollten sie dem Besucher gleich ihre Geschichte erzählen. Sogar lebensecht wirkende Augen wurden den nachempfundenen Skulpturen verpasst - made in Idar-Oberstein.

Nur: Die zwei athletisch gebauten und nach allen Regeln der Metallurgie aufgepeppten Prachtkerle wenden sich einander nicht zu wie auf der Lukanaischen Hydra des Amykos-Malers (um 410 v. Chr.) oder auf einem etruskischen Spiegel (um 300 v. Chr.), wo sie außerdem namentlich bezeichnet sind.

Ob jedoch zwischen dem Sitzenden und dem Stehenden vom Quirinal wirklich das behauptete Gerangel stattgefunden haben kann? Auch wirkt der Thermenherrscher so gar nicht wie ein Boxer. Zwar ist seine aufrechte Haltung triumphierender Natur, doch der lanzenartige Stab, auf den er sich stützt, macht die Idee, er habe soeben einen blutigen Boxkampf, bei dem auch ihm selbst Wunden zugefügt wurden, siegreich beendet, nicht direkt nachvollziehbar.

Das sanfte Gemüt, dem die Boxeinlage zu blutig ist, mag schwelgen in den Leihgaben des Georgischen Nationalmuseums und üppig bestückten Vitrinen, nachgerade als Juweliersauslagen, so vortrefflich inszeniert, als sei dem Liebieghaus ein antikes "Tiffany" vorgeschwebt. Buchstäblich hinreißend der antike Schläfenschmuck. Anhänger mit jeweils zwei goldenen Pferden flankierten die Wangen der vornehmen georgischen Dame. Bis 10. Februar.

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