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Rauschhafte Zeiten in der Münchner Schickeria
18.01.2019 - 00:00 Uhr
Von Hans-Joachim Of

Als vor wenigen Tagen der Film "Bohemian Rhapsody" in den USA als bestes Filmdrama mit dem Golden Globe ausgezeichnet wurde, rückte der charismatische Freddie Mercury, früherer Frontsänger der britischen Formation Queen, wieder weltweit in den Fokus. Hauptdarsteller Rami Malek verkörpert im preisgekrönten Epos in einmaliger Art und Weise einen grandiosen Sänger und Performer, der 1991 an Aids starb und der in den 1980er Jahren mit der bekannten Schauspielerin Barbara Valentin in München zusammenlebte. Kürzlich hat Lars Barbara Valentins Sohn Reichardt aus erster Ehe zusammen mit dem Berliner Unternehmer Rolf Lüder ein interessantes Buch mit dem Titel "Barbara - das sonderbare Leben meiner Mutter Barbara Valentin" veröffentlicht. Reichardt, der als Journalist in München arbeitet und der den Namen des Stiefvaters Dr. Ernst Reichardt - Valentins zweiten Ehemann - annahm, begibt sich im 285-seitigen Buchwerk auf die Suche nach den Spuren seiner Mutter und verwebt dabei ihr spektakuläres, schnelles und rauschhaftes Leben geschickt mit eigenen Gedanken zu einer außergewöhnlichen Familienkonstellation sowie zahlreichen Persönlichkeiten und Ereignissen der Zeitgeschichte.

Der Leser erfährt, dass das "Busenwunder von Bruchsal" und die spätere "Skandalnudel" in den 1960er und 1970er Jahren zur berühmt gewordenen Münchener Schickeria zählte, unter anderem Helmut Dietl heiratete, mit dem bekannten Regisseur Rainer Werner Fassbinder (unter anderem "Effi Briest") drehte, den Wechsel vom Boulevard ins seriöse Fach schaffte, ein facettenreiches, ungewöhnliches Leben führte.

Geboren wird Barbara Valentin als Ursula "Uschi" Ledersteger am 15. Dezember 1940 in Wien. Ihr Vater Hans Ledersteger arbeitet in der österreichischen Hauptstadt als Filmarchitekt. Die junge Barbara wächst in Bruchsal, der Heimat ihrer Mutter, der Schauspielerin Irmgard Alberti, auf. Die Großeltern haben dort ein schönes Haus mit Garten, unweit der dortigen Justizvollzugsanstalt und des bekannten Barockschlosses. Als kleines Mädchen sei die hellblonde junge Dame schlank und sportlich gewesen, wurde Badische Meisterin im Turmspringen, was für alle, die sie später kennen lernten erstaunlich gewesen sei, wie Lars Reichardt schreibt. "Ich habe meine Mutter nie Sport treiben sehen", erinnert er sich.

Sie hat schon früh einige Verehrer und mit 16 Jahren wird ihr bereits eine große Ähnlichkeit mit Jayne Mansfield (die eine Oberweite von 103 Zentimeter gehabt haben soll) nachgesagt. Doch in dieser Zeit, nach der mittleren Reife, verlässt sie die elfte Klasse am Humanistischen Schönborn-Gymnasium in Bruchsal.

Schulzeit in



Bruchsal

Die Noten sagen: Barbara ist nicht doof, doch hat sie offensichtlich keine Lust, sich anzustrengen, ihr fehle jegliches Interesse für schulische Belange, die Lehrer legten ihr den Schulabgang nahe, erzählte sie später einmal. Nach dem für ihre Eltern überraschenden Abgang der aufbegehrenden Tochter, wird Barbara zunächst für ein Jahr auf die private Waldorfschule nach Karlsruhe geschickt und ab Frühjahr 1958 besucht sie eine Kosmetikschule in Heidelberg, macht ihren Abschluss mit teils sehr guten Noten, übt ihren Beruf jedoch nie aus.

Schließlich landet sie in München bei der Mutter, die ihr dort eine kleine Wohnung mietet und mit einer Filmkarriere ihrer Tochter liebäugelt. Barbara wollte weg aus Bruchsal, der Provinz. Auch weg vom Stiefvater Dr. Erwin Valentin, einem renommierten Chirurg und Marinestabsarzt im Vorkriegsdeutschland.

Obwohl sie ihn nicht mochte, nimmt sie seinen Namen an: Valentin. Dann geht alles seinen Lauf. Über 40 Filme, drei Ehen, zahlreiche Krisen bis hin in die 1990er Jahre, als Barbara Valentins Leben zunehmend aus den Fugen gerät und sich die Krisen häufen.

Die Kinder Lars und Minki (aus der zweiten Ehe mit Ernst Reichardt) sind meist von Kindermädchen in München betreut worden. Eines davon ist die 18-jährige Carola aus Kraichtal bei Bruchsal, die sich auf eine Zeitungsanzeige hin gemeldet hat. "Eine spannende Zeit damals", erinnert sich die frühere "Hausperle" aus Baden ebenfalls in dem Buch; sie lebt noch heute mit ihrer Familie in München.

Von 1976 bis 1983 ist Barbara Valentin mit Filmregisseur Helmut Dietl verheiratet. In der Presse werden zu dieser Zeit wiederholt die Drogenprobleme von Barbara Valentin kolportiert. Ein wichtiges Kapitel schlägt sie in den 1980er Jahren auf, als sie zeitweise mit Freddie Mercury zusammenlebt und mit ihm durchs Nachtleben zieht.

Im Musikvideo zum Queen-Song "It's A Hard Life" spielt sie mit, und Mercury widmet ihr sogar den Song "Love Me Like There's No Tomorrow". Er hat dieses Lied von einem Schlager abgeleitet, den Barbara Ende der 1950er Jahre sang: "Küss mich, als gäbe es kein Morgen". Auf ein Plattencover hat Mercury, der sein erstes Solo-Album in München aufnahm, für das damals deutschlandweit bekannte "Busenwunder" (der Begriff entstand in den Wirtschaftswunderjahren) sogar eine Widmung geschrieben: "Thank You for Big Tits and Misconduct".

Nach Freddie Mercurys Tod 1991 - die Homosexualität und Aids-Erkrankung des damals 45-jährigen Künstlers wurde erst kurz zuvor öffentlich - engagiert sich Barbara Valentin vermehrt in der Aids-Hilfe. "Natürlich", so schreibt Lars Reichardt in seinem unterhaltsamen Buch, "war meine Mutter mit Freddie bei Konzerten in Rio, Montreux, auf Ibiza oder in London". Dort geht 1985 im Wembley-Stadion das weltweite Medienereignis "Live-Aid" - das auch im aktuellen Film "Bohemian Rhapsody" groß gefeiert wird - über die Bühne. Als Barbara Valentin, die zur Beerdigung nach London geflogen war, von Sohn Lars am Münchner Flughafen wieder abgeholt wird, weint sie. "Ich habe ihn geliebt!", soll sie unter Tränen gesagt haben.

Am 22. Februar 2002 stirbt Barbara Valentin im Alter von 61 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls in München.

Lars Reichardt: Barbara. Das sonderbare Leben meiner Mutter Barbara Valentin. btb. 288 Seiten, 20 Euro.

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