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"Ich bin kein freischaffender Wanderprediger"
'Ich bin kein freischaffender Wanderprediger'
19.01.2019 - 07:53 Uhr
Von Dieter Klink

Freiburg - Der Missbrauchsskandal hat die katholische Kirche und das Erzbistum erschüttert. Als eine Studie im September Details für alle Bistümer aufgelistet hat, versprach Freiburgs Erzbischof Stephan Burger konsequente Aufklärung. Er entschuldigte sich bei den Opfern, wollte dafür Sorge tragen, dass sexueller Missbrauch durch Kleriker künftig nicht mehr geschieht. Er hat eine Kommission "Macht und Missbrauch" eingesetzt, die seitdem alle zwei Wochen tagt und Konsequenzen berät. Das Thema lässt ihn auch 2019 nicht los.



Burger hat sich in der Zwischenzeit mit Missbrauchsopfern getroffen, auch mit seinem Amtsvorgänger Robert Zollitsch führte er ein vertrauliches Gespräch. Das hat eine Vorgeschichte: Burger hatte Zollitsch in einem SWR-Interview zuvor wegen dessen Umgang mit den Missbrauchsfällen öffentlich kritisiert.

Im Gespräch merkt man Burger an, wie sehr ihn das Thema umtreibt, wie sehr er die Glaubwürdigkeit der Kirche in Gefahr sieht. "Den Opfern wurde damals ein Verbrechen zugefügt, das kann durch keine Zahlung der Welt gutgemacht werden. Wir wollen trotzdem ein Zeichen setzen und orientieren uns bei den Entschädigungszahlungen an den Empfehlungen des Bundesministeriums für Familie. Gerade vor Weihnachten haben wir an acht Betroffene aus Oberharmersbach je 10 000 Euro ausgezahlt." Ein Missbrauchsfall von mehreren in Oberharmersbach (Ortenaukreis) - Zollitsch war damals Personalreferent der Erzdiözese und hatte damit Verantwortung für die eingesetzten Geistlichen - ging besonders durch die Öffentlichkeit: Raphael Hildebrandt, der nach eigenen Angaben als Ministrant jahrelang vom Pfarrer sexuell missbraucht wurde. Der heute 47-Jährige traf sich mit Burger zu einem Gespräch. Zu den bereits gezahlten 20 000 Euro kamen weitere 10 000 Euro Entschädigung hinzu. "Im Fall Oberharmersbach haben wir eine Aufstockung auf 30 000 Euro aufgrund der Schwere des Falls angeboten. Leider reduzieren manche der Betroffenen unsere Gespräche über den Missbrauch nun darauf, dass dies nicht ausreichend sei." Burger wünscht sich objektive Kriterien für die Höhe der Entschädigungszahlungen. "Um Kriterien zu finden, sind wir allein als Diözese überfordert. Dafür will ich einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs erreichen. Ich muss für alle Missbrauchsopfer dasselbe Raster anlegen. Auch in der Bischofskonferenz müssen wir darüber Einigkeit erzielen."

Damit keine Kritik aufkommt, nimmt er für die Zahlungen einen eigenen Etat: "Wir bezahlen die Entschädigungen nicht aus Kirchensteuermitteln, sondern aus einem eigenen Topf, dem Erzbischöflichen Stuhl." Im Zeitraum von 1946 bis 2015 seien aus diesem Topf 1,3 Millionen Euro an Missbrauchsopfer für Entschädigungen und Therapiekosten ausbezahlt worden. Von 2016 bis 2018 wurden dafür 118 000 Euro bezahlt.

Kurz vor Weihnachten hat das Erzbistum der Staatsanwaltschaft alle 190 Personalakten von Priestern und Diakonen gegeben, in denen die Kirche Hinweise auf sexuellen Missbrauch gefunden hat. Burger dazu: "Ich arbeite mit der Staatsanwaltschaft zusammen und deshalb erhält sie die erforderlichen und benötigten Akten. Ich will aus den Vorgängen lernen, damit wir möglichst ausschließen können, dass in Zukunft Missbrauch geschieht."

Das vertrauliche Gespräch mit Zollitsch über die Situation und den Umgang mit dem Thema Missbrauch hat inzwischen stattgefunden. Es wurde Stillschweigen vereinbart. Nur so viel: "Ich wünsche mir, dass wir im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle weiter mit ihm in Kontakt bleiben. "

"Alles Positive tritt nun in den Hintergrund"

Es fällt ihm nicht leicht, seinen Vorgänger direkt zu kritisieren. Auch, weil der Umgang mit den Missbrauchsfällen vieles andere verdunkle. "Erzbischof Zollitsch hat viel in die Diözese und in die Bischofskonferenz hineingewirkt. Alles Positive, das er geleistet hat, tritt nun in der Diskussion um Verantwortlichkeiten im Umgang mit Missbrauch leider in den Hintergrund. Dass das von einigen als Engführung kritisiert wird, ist nachvollziehbar."

Was Burger in dem Zusammenhang noch umtreibt: "Viele Priester sehen sich unter Generalverdacht gestellt. Auf unsere Erzdiözese bezogen sind 4,6 Prozent beschuldigte Kleriker 4,6 Prozent zu viel. Viele Priester leiden darunter, dass die katholische Kirche mit dem Missbrauch gleichgesetzt wird. Es heißt dann ,Denen kann man nicht mehr trauen'."

Über den Missbrauchsskandal hinaus beschäftigt die Erzdiözese, wie sich die Kirche weiter entwickelt, wenn die Zahl der Gläubigen immer geringer wird. "Kirchenentwicklung 2030" lautet der Prozess, der nun angestoßen und in den Gremien beraten wird. Burger weiß um die Dramatik der Situation: "Wir wollen Kirche in der Fläche erhalten. Wenn aber in manchen Pfarrgemeinden keiner mehr da ist, der die Kirche auf- oder zuschließt, dann muss ich das zur Kenntnis nehmen."

Braucht es neue Strukturen? Neue Ämter? Burger sucht nicht den Konflikt mit Rom. "Es geht nicht ohne Priester. Das Amt des Priesters ist für die katholische Kirche konstitutiv. Somit muss ich die Möglichkeiten nutzen, die das Kirchenrecht eröffnet. Um es im Bild auszudrücken: Die Anwendung des Kirchenrechts könnte man auch vergleichen mit dem Spiel zwischen Mutter und Schraube. Da gibt es gewisse Spielräume. Insofern versuche ich, kreativ zu sein und den Spielraum zwischen Mutter und Schraube zu nutzen, ohne den rechtlichen Rahmen infrage zu stellen."

Ihn beschäftigt, wie das Christentum weiterleben kann. Sollte man alles abschütteln, was belastet? Radikal das Evangelium predigen? Burger weiß um Verantwortung und Tradition. "Wir tragen eine geschichtliche Hypothek mit uns herum. Viele Gebäude, das Freiburger Münster, Verpflichtungen, unser Erbe. In unserer Erzdiözese sind in den verschiedenen kirchlichen Einrichtungen und Verbänden etwa 25 000 Mitarbeitende tätig. Hier steht die Kirche in Verantwortung. Insofern kann ich nicht als freischaffender Wanderprediger in der Diözese von Nord nach Süd ziehen und alle Verpflichtungen hintenan stellen." Er glaubt nicht, dass mit einer kleineren Gläubigenzahl die Kirche zwangsläufig verschwindet. Aber: "Ich kann die Existenz der Kirche nicht allein von der Anzahl ihrer Gläubigen her definieren. Die christliche Botschaft ist an alle gerichtet. Ich kann sie niemandem aufzwingen. Die christliche Botschaft ist für viele Menschen in dieser Zeit nur eine Variante. Als Kirche wünsche ich mir nicht die kleine Herde. Dennoch muss ich auf die jetzige Realität eingehen und dementsprechend die kirchlichen Strukturen ändern."

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