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"Selber denken ist spannend"
'Selber denken ist spannend'
25.01.2019 - 06:24 Uhr
Rastatt - Beim SPD-Festakt zu 100 Jahre Frauenwahlrecht war die Künstlerin Katja Ebstein eine der Rednerinnen auf dem Podium in Rastatt. BT-Redakteur Dieter Klink nutzte die Gelegenheit, die 73-jährige Sängerin am Rande der Veranstaltung zu interviewen.

BT: Frau Ebstein, reden wir zunächst über Ihren Geburtsort Gilow (Girlachsdorf) in Niederschlesien, heute Polen.

Katja Ebstein: Den kenne ich leider nicht mehr. Ich war zwei oder drei Monate alt, als ich mit meinen Eltern den Ort verließ. Dann war ich erst in Thüringen und dann in Berlin.

BT: Ihre Eltern mussten 1945 fliehen. Waren Sie seitdem nicht mehr dort?

Ebstein: Nein, aber meine Schwester war dort. Der Ort war ganz klein, bestand aus drei Häusern. Aber das Haus, in dem wir gewohnt haben, steht noch. Ein ganz unscheinbares Haus, in dem ganz viele Menschen gewohnt haben.

BT: Würden Sie das Haus und den Ort mal gerne sehen?

Ebstein: Ja, das werde ich mal machen. Das ist ja nicht weit hinter Görlitz.

BT: Was empfinden Sie, wenn Sie an Polen denken?

Ebstein: Ich bin eindeutig ostisch veranlagt.

BT: Das heißt: Sie verfolgen die Ereignisse dort?

Ebstein: Das ist eine Katastrophe. Dieser Rest von di esen Brüdern (PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski, Bruder von Lech Kaczynski, der bei einem Flugzeugabsturz 2010 in Smolensk ums Leben kam, Anmerkung der Redaktion) behandelt den ganzen Staat wie seine eigene Firma. Wie Trump! Das ist dieselbe Allüre.

"Das war mein



eigener Parteitag"

BT: Sie waren als Sängerin viel in der DDR unterwegs. Wie kam es dazu?

Ebstein: Mein Mann, Klaus Überall, hatte eine eigene TV-Produktionsfirma. Er hat hier in Baden-Baden-Sandweier sein eigenes Studio gebaut, hat parallel für ARD und ZDF als Regisseur gearbeitet.

BT: Er hatte die Idee für die DDR-Reisen?

Ebstein: Er hat die Fernsehreihe "Deutschland à la carte" gemacht, mit wechselnden Akteuren, Opernsängern, Schauspielern, die durch deutsche Regionen geradelt sind. Irgendwann war alles abgegrast. Der Intendant des Hessischen Rundfunks, Hartwig Kelm, überlegte dann: ,Die Reihe ist so erfolgreich, die setzen wir fort! Wo gehen wir hin? Vielleicht nach Österreich? Ins Elsass? Nee, in die DDR!" Die war damals hermetisch abgeriegelt. Ich sollte der rote Faden für die Sendungen sein. Wir sind durch die DDR geradelt und durften überall hin, sogar dahin, wo die Russen waren. Uns ist immer ein DDR-Beamter mit dem Motorrad vorausgefahren und hat uns gelotst. Wir waren mit einem Riesen-Strom-Aggregat unterwegs, denn die Stromschwankungen waren eminent. Es sah aus wie Zirkus.

BT: Haben Sie sich damals gefragt, ob die DDR Sie benutzt?

Ebstein: Ich habe sie ja auch benutzt! Das war mein eigener Parteitag. Man hat mir gesagt: Geh' durch diese Mauer und zeig' denen, dass sie nicht isoliert sind. Dafür bin ich von der Springer-Presse regelmäßig angegriffen worden. Die "Bild"-Zeitung schrieb: "Sie singt mit Honecker im Duett." So ein Quatsch.

BT: Wie sind Sie bei den Menschen angekommen?

Ebstein: Wunderbar. Die Offiziellen haben immer Programm-Prüfungen gemacht. Heinrich Heine war sakrosankt, den haben sie anders interpretiert als wir. Aber die Ballade "Die schlesischen Weber" habe ich trotzdem aufgeführt, das war mir egal.

BT: Sie mussten das Programm vorher einreichen.

Ebstein: Sie haben es geprüft. Da saß immer einer im Programm und hat sich Notizen gemacht. Ich habe gesagt: Wenn ich nicht eins zu eins das machen darf wie drüben, komme ich nicht.

BT: Und das haben die DDR-Verantwortlichen akzeptiert?

Ebstein: Nur im Fernsehen nicht. Sie haben Mitschnitte gemacht, haben das Programm zerpflückt, geschnitten. Dann gab es 1987 die 750-Jahr-Feier in Berlin. Dafür waren Udo Lindenberg, Nana Mouskouri und ich jeweils drei Tage lang im Neuen Friedrichstadtpalast in Ost-Berlin. Das Programm dauerte dreieinhalb Stunden, nur von Nachrichten unterbrochen. Das DDR-Fernsehen hat alles gesendet. Jetzt wollten sie zeigen, dass sie nichts mehr rausschneiden.

BT: Dieses Jahr feiern wir 30 Jahre Mauerfall. Was denken Sie darüber?

Ebstein: Das ist für mich das Ereignis des Jahrhunderts und zwar des letzten und diesen Jahrhunderts. Und das Ereignis der Deutschen. Wer hat denn so eine historische Begebenheit schon mal leibhaftig erlebt! Das ist nicht zu beschreiben. Ich habe es immer geahnt, aber man wusste ja nicht, ob es friedlich abgeht. Ich bin so stolz auf die, die immer in der Nikolaikirche waren.

BT: Sie werden von einer breiten Öffentlichkeit hauptsächlich mit Schlager verbunden. Ärgert Sie das?

Ebstein: Ich werde ja nicht darauf reduziert. Es gibt genug Publikum, das mich anders kennt. Ich bin ja in der Zwischenzeit 30 Jahre mit Literatur unterwegs. Ich habe nie in so einer Kiste gesessen. Schon auf dem ersten Album, "Ebstein - die Stimme" waren so viele verschiedene Nummern drauf. Die Kategorisierung hat mich nie interessiert.

BT: Wie sehen Sie die Schlagerwelt? Ein Teil von Ihnen?

Ebstein: Das war mir zu eng. Es war mir textlich zu wenig, denn ich nähre mich gerne von Texten. Ich will Geschichten erzählen, Stellung beziehen.

Interview

BT: Ist Ihnen Ihre Schlagerzeit peinlich?

Ebstein: Peinlich? Wieso denn? Das hat doch meinen Bekanntheitsgrad ausgemacht. Das ist doch überhaupt kein Problem. Ich habe nur nach vier Jahren gedacht: Das wird mir zu langweilig. Dann habe ich das Heinrich-Heine-Projekt begonnen. Ab 1975 war ich dann parallel unterwegs. Durch die Schlager konnte ich mir das andere leisten.

BT: Verfolgen Sie den Eurovision Song Contest (ESC) heute noch?

Ebstein: Ich finde das so nüchtern, so emotionslos. Und vorfabriziert. Die Light-Show ist inzwischen wichtiger als der Protagonist. Es war ursprünglich ein Komponistenwettbewerb, das ist verloren gegangen. Heute ist es ein weltweiter Jugendtreff. Sie feiern ab, als ob sie Unterdrückungsmechanismen abwerfen wollen. Ungehemmt. Es sei ihnen gegönnt.

BT: Sie haben sich politisch immer links verortet ...

Ebstein: Wenn links heißt, für Unterdrückte und Unterbemittelte einzutreten, war ich das immer.

BT: Was würden Sie der SPD heute raten?

Ebstein: Sie müssen raus aus der Koalition. Aber wenn sie rausgehen, gelten sie wieder als vaterlandslose Gesellen. Es ist eine Zwickmühle. Die müssen es jetzt durchstehen und dann 2021 raus. Ich bin aber auch ziemlich grün. Wenn sie jetzt den Habeck auch noch verwursten!

BT: Sie sagten mal, mit Ihren Programmen wollen Sie zum Mitdenken inspirieren.

Ebstein: Unbedingt! Selber denken ist so was von spannend. Du kannst spazieren gehen im Kopf. Spinner soll man sein. Machen Sie sich eine Spinnecke. Türe zu. Einmal am Tag eine halbe Stunde spinnen. Nur mit deinem Kopf spazieren gehen, dann entdeckst du Potenziale, die du gar nicht kennt.

BT: Ist das Ihr Rezept, gegen Gleichgültigkeit anzukämpfen?

Ebstein: Gleichgültigkeit ist das Schlimmste. Wenn jemand sagt: "Was soll ich denn schon machen?" Dann sage ich: Wenn Sie nichts machen, können Sie den Löffel abgeben. Dann ist man lebend tot. Es gibt so viel zu tun. Wenn man Kraft hat, muss man sich äußern.

BT: Sie sind mal für verfolgte Christen aufgetreten. Warum?

Ebstein: Damals hat Inge (Sängerin Inge Brück, Anmerkung der Redaktion) mitgemacht. Sie war für das Evangelium unterwegs. Sie war katholisch, ich evangelisch. Das hat mir Spaß gemacht. Ich bin jesuanisch, genauso wie Rudi Dutschke. In dem Bereich haben wir uns getroffen. Bei der ersten Begegnung dachte ich: Was sitzt der da mit der Kladde! Das Kommunistische Manifest ist so ein dickes Buch! Er hat mir den Marxismus erklärt, er war glühender Kommunist. Ich sage immer: Jesus war der erste Kommunist, der einzige, der je gelebt hat. Das habe ich auch in der katholischen Kirche gesagt. Da haben sie erst mal die Ohren eingekappt. Aber es stimmt doch!

"Rainer Langhans



war unbedeutend"

BT: Sie sprechen Rudi Dutschke an. Wie sehen Sie die 68er-Zeit heute?

Ebstein: Sie hat viele Veränderungen gebracht. Egal wer heute dagegen anstinkt. Die Kommune I war nur das äußere Merkmal. Uschi Obermaier war unpolitisch, aber eben hübsch und ein schönes Fressen für Fotografen. Rainer Langhans war auch unbedeutend, aber ein guter Darsteller. Fritz Teufel hatte mehr, der wollte in die Gesellschaft reinpiken. In der Kommune war ich nicht. Ich war nur mit Rudi und Benno Ohnesorg unterwegs.

BT: Was gibt Ihnen Hoffnung, wenn Sie an die Zukunft denken?

Ebstein: Jugendliche machen mir Mut. Zum Beispiel die Schüler, die für die Umwelt auf die Straße gehen.

BT: Der Schulstreik freitags für den Klimaschutz.

Ebstein: Wer wagt es zu sagen: Die müssen stattdessen in die Schule gehen! Das ist lächerlich. Die sollen froh sein, dass sie den Hintern hochkriegen. Ich habe Hoffnung, sonst kann ich nicht auf die Bühne gehen. Bei mir geht keiner ohne Hoffnung nach Hause.

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