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Von Nahtod-Erfahrungen und Gewaltszenen
Von Nahtod-Erfahrungen und Gewaltszenen
26.01.2019 - 00:00 Uhr
Von Janina Fortenbacher

Karlsruhe - 2006 wird die indonesische Insel Java von einem verheerenden Erdbeben erschüttert. Tausende Menschen sterben. Noch mehr werden verletzt oder sind obdachlos. In diesen schweren Stunden ist Sasmita Rosari vor Ort. Die Psychologie-Studentin unterstützt die Hinterbliebenen, hilft in Krankenhäusern und kümmert sich um traumatisierte Kinder. Heute, rund 13 Jahre später, lebt die 34-Jährige in Leonberg und promoviert an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. In ihrer Doktorarbeit beschäftig sie sich abermals mit seelischen Verletzungen - dieses Mal bei Flüchtlingskindern.

"Ich bin selbst Migrantin und weiß deshalb aus eigener Erfahrung, wie es ist, seine vertraute Heimat hinter sich zu lassen", sagt Rosari. Die 34-Jährige lebt seit 2010 in Deutschland. Aufgewachsen ist sie auf der indonesischen Insel Sumatra. Nach ihrem Psychologiestudium auf Java hat sie sich dazu entschlossen, ihren Master in Aachen zu machen.

"Einsamkeit, Angst vor neuen Kulturen und Vorurteilen sind mir nicht fremd. Ich habe das alles erlebt und kann die Gefühle vieler Geflüchteter nachvollziehen", betont sie. Wenn zu diesen Sorgen auch noch Erinnerungen an lebensbedrohliche Situationen hinzukommen, könne dies sehr belastend sein und negative Folgen haben, weiß die Psychologin. In ihrer Dissertation erforscht und diskutiert Rosari die Selbstkonzeptentwicklung und Lebenssituation geflüchteter Kinder, die wegen des Krieges Todesängste erfahren mussten. "Solche Erlebnisse können Spuren hinterlassen", sagt sie. Ihr Ziel ist es, den Betroffenen dabei zu helfen, das Erlebte zu verarbeiten und so langfristige Erkrankungen zu verhindern.

Immer ein offenes



Ohr für Probleme

Um das zu erreichen, sei vor allem eines wichtig: "Zuhören und Reden", erklärt Rosari, die sich ehrenamtlich in der Geflüchtetenhilfe engagiert. Schon in der Schule wurde ihr bewusst, dass darin ihre Stärke liegt: "Ich konnte mich schon immer gut in andere hineinversetzen", meint sie. Eine gute Freundin habe sie einmal mit einem "Mülleimer" verglichen, erinnert sich Rosari mit einem Lächeln. "Das hört sich zwar wie eine Beleidigung an, ist aber ein Kompliment." Bei Problemen oder Sorgen habe sie für alle ein offenes Ohr. Der Wunsch, anderen zu helfen, sei bei ihr schon immer stark ausgeprägt gewesen. Deshalb stieg mit den Jahren auch ihr Interesse an der Psychologie.

Nach ihrem Bachelor-Abschluss hat Rosari festgestellt: "Ich will mehr". Sie wollte erfahren, wie die Wissenschaftler aus Deutschland, die sie aus der Fachliteratur kannte, denken. Deshalb kam Rosari für ein Master-Studium nach Deutschland. Die Sprache lernte sie in einem Intensivkurs. Schnell habe sie gemerkt, dass sie mit anderen Menschen in Kontakt treten muss. "Natürlich habe ich mich anfangs alleine gefühlt. Aber dann habe ich etwas dagegen getan", sagt Rosari. Sie wurde in einer Kirchengemeinde aktiv und organisierte ein Sommerfest.

Mittlerweile lebt sie in Leonberg. Mechthild Kiegelmann, Professorin für Sozialpsychologie und Sozialpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe, betreut sie bei ihrer Dissertation. Auch in Leonberg ist Rosari keine Unbekannte: Durch ihre Mitarbeit im Projekt "Meet - einander" der evangelisch-methodistischen Kirche begleitet sie den Integrationsprozess von geflüchteten Familien. In ihren Gesprächen mit den Flüchtlingen betont sie, wie wichtig es sei, sich in der Gemeinde einzubringen. "Nur so können Vorurteile aus dem Weg geräumt werden", ist Rosari überzeugt. Viele hätten Angst vor Kontakten, weil sie die Sprache noch nicht richtig beherrschen. "Denen sage ich: Schaut mich an, ich kann auch nicht perfekt Deutsch."

Für ihr interkulturelles Engagement und ihre herausragenden akademischen Leistungen hat Rosari Anfang des Jahres den Preis des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD) erhalten. Die Auszeichnung für ausländische Studierende an deutschen Hochschulen ist mit 1 000 Euro dotiert. "Der Preis ist eine große Ehre für mich", meint die Doktorandin. "Ich hoffe, ich kann damit anderen Migranten Mut machen."

Kinder tragen Ängste lange mit sich herum

Für ihre Dissertation arbeitet sie nicht nur mit Flüchtlingskindern aus Leonberg. Über Hilfsorganisationen nimmt sie auch Kontakt zu anderen Geflüchteten auf. "Immer wieder lerne ich Kinder kennen, die traurig sind oder grundlos weinen. Meist ist ihnen nicht bewusst, dass sie Hilfe brauchen", erzählt Rosari.

Manchmal sei es nur ein Geräusch und der kleine Salih (Name von der Redaktion geändert) beginnt zu zittern. Der Junge kam mit einem Flüchtlingsboot nach Deutschland. Wochenlang habe er mitten auf dem Meer ums Überleben gekämpft und sei dabei fast ertrunken, schildert Rosari. Zwar ist er jetzt in Sicherheit, aber das Gefühl von Todesangst trage er weiter mit sich herum. "Salih ist nur ein Beispiel von vielen", sagt Rosari.

Ein Problem sei auch, dass viele Eltern nicht wollt en, dass eine Fremde mit ihren Kindern spricht. Rosari kann diese Sorgen nachvollziehen: "Sie wollen ihre Kinder schützen. Ich versuche deshalb, zuerst mit den Eltern eine Vertrauensbasis aufzubauen", erklärt sie. Anschließend trifft sie sich mit den Kindern. Die Geschichten seien von Nahtod-Erfahrungen über Gewalt und Verluste bis zu Diskriminierungen völlig unterschiedlich. Eine spezielle Therapie-Anleitung gebe es deshalb nicht: "Wir reden hier nicht von Maschinen. In der Psychologie geht es um Menschen - und jeder Mensch ist anders", sagt Rosari.

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