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Fremde Muttermilch, die Neugeborenen helfen kann
31.01.2019 - 00:00 Uhr
Von Janina Fortenbacher

Karlsruhe - Sie gilt als kostbares Gut und gesündeste Nahrung für Neugeborene: die Muttermilch. Es gibt allerdings immer wieder Frauen, die aus verschiedenen Gründen nicht stillen können. In solchen Fällen können sogenannte Muttermilchbanken helfen. Das sind spezielle Einrichtungen, bei denen Frauen Milch an andere Frühchen spenden können.

Derzeit existieren nach Angaben der "European Milk Bank Association" (EMBA) nur rund 20 Muttermilchbanken in ganz Deutschland. Dort wird gespendete und auf Keime kontrollierte Muttermilch vorrätig gelagert. Spenderinnen sind Frauen, die über den Bedarf ihres eigenen Kindes hinaus Milch bilden und diese für die Ernährung von anderen Säuglingen zur Verfügung stellen. Besonders im Osten Deutschlands haben die Stationen eine lange Tradition. Im Uniklinikum Freiburg besteht seit 2017 die bisher einzige derartige Einrichtung in Baden-Württemberg. Auch in Karlsruhe denkt man jetzt über einen solchen Entwurf nach.

Laut der Nationalen Stillkommission am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sind Milchbanken von großer Bedeutung. Die Muttermilch könne Krankheitsrisiken wie Darmerkrankungen und Nahrungsmittelunverträglichkeiten minimieren und habe einen positiven Einfluss auf die Entwicklung der Babys. Dies könne insbesondere bei Frühgeborenen und kranken Neugeborenen von Vorteil sein. Da viele Mütter von Frühchen aber nicht stillen können, steige für ihre Babys die Bedeutung an "Frauenmilch" (so nennen Fachleute die von fremden Frauen gespendete Muttermilch).

B edarf oft größer



als das Angebot

"Viele Stoffe, die in der Muttermilch enthalten sind, lassen sich industriell nicht herstellen", erklärt Dr. Corinna Gebauer von der Universitätskinderklinik Leipzig. Sie ist Leiterin der dortigen Milchbank und deutsche Delegierte der EMBA. Sie äußert den Wunsch, dass es mehr Muttermilchbanken in Deutschland geben müsse, denn die Nachfrage sei groß.

Dieser Meinung ist auch die Grünen-Fraktion im Karlsruher Gemeinderat. In einer aktuellen Anfrage wollen die Grünen wissen, ob im Städtischen Klinikum Karlsruhe eine solche Spendenbank geplant ist. "Muttermilch enthält zahlreiche Nährstoffe, die für die Entwicklung von Babys wichtig sind", betont die Grünen-Stadträtin Verena Anlauf. Sie ist Mitglied im Aufsichtsrat des Städtischen Klinikums Karlsruhe und sieht dort einen besonders hohen Bedarf an Muttermilch: "Das Klinikum ist auf Risikoschwangerschaften, Risikogeburten und sehr kleine Frühgeborene spezialisiert", sagt sie. Allerdings habe die Sache auch einen Haken: Die Banken seien mit hohen Kosten verbunden, meint Anlauf. Derzeit würden die Einrichtungen von Kliniken, Trägern und über Spendengelder finanziert.

Hohes Risiko bei



privatem Milchhandel

Anlauf glaubt, durch mehr zentrale Anlaufstellen könne auch der private Onlinehandel in sogenannten Muttermilchbörsen oder über soziale Netzwerke verringert werden. Die Grünen-Stadträtin warnt ausdrücklich vor dem Austausch der Milch über das Internet: "Das ist mit vielen Risiken verbunden", sagt sie. Auch die Nationale Stillkommission schlägt Alarm: Sie lehnt die Abgabe der Nahrung über private Muttermilchbörsen ab. Aus Sicht der Kommission müssten bei Muttermilchspenden ähnliche Hygienevorschriften beachtet werden wie beim Blutspenden. Es könne nämlich nicht ausgeschlossen werden, dass Spenderinnen übertragbare Krankheiten wie Aids oder Hepatitis haben oder Medikamente einnehmen, deren Wirkstoffe in die Milch übergehen.

Bei Muttermilchbanken, die in der Regel an Kliniken angeschlossen sind, wird die Säuglingsnahrung streng kontrolliert und mikrobiologisch untersucht, um diese Gefahren auszuschließen: "Frauenmilchbanken arbeiten nach festgelegten Arbeitsrichtlinien mit hochgradigen hygienischen Anforderungen", erklärt Gebauer. "Für Spenderinnen gelten außerdem bestimmte Ausschlusskriterien", sagt sie. Wer raucht, Drogen oder Medikamente einnimmt oder chronische Krankheiten hat, dürfe nicht spenden. In Leipzig beispielsweise findet deshalb vor jeder Milchspende ein persönliches Gespräch statt. Mit einer Blutuntersuchung werden schließlich übertragbare Krankheiten ausgeschlossen.

Doch auch eine hygienisch einwandfreie Frauenmilch ist für die Ernährung eines fremden Kindes nicht immer geeignet, da sich die Zusammensetzung der Milch im Laufe der Stillzeit ändert. "Frühgeborene haben einen höheren Energie- und Proteinbedarf als ältere Säuglinge", sagt Gebauer. In solchen Fällen muss die gespendete Milch mit bestimmten Nährstoffen angereichert werden.

Viele Mütter beschäftigt im Zusammenhang mit dem Stillen aber noch ein anderes Thema: die PFC-Belastung. Laut Umweltbundesamt (UBA) sind PFOS und PFOA in der Muttermilch ebenso wie im Blut nachweisbar. Eine Gefahr für die Säuglinge sei das aber nicht: Die Konzentration in der Muttermilch sei etwa 100-fach geringer als im Blut. Meist lag die Konzentration sogar unter der Nachweisgrenze, so das UBA. Untersuchungen hätten ergeben, dass die PFC-Aufnahme der Säuglinge über die Muttermilch unter dem TDI-Wert von 0,1 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht liege.

PFC-Belastung in



der Säuglingsnahrung

Der TDI-Wert beschreibt die "duldbare tägliche Aufnahme" (Tolerable Daily Intake), also die Menge, die ein Säugling täglich ohne Risiko aufnehmen kann. Demnach rät das UBA allen Müttern, den Empfehlungen der Nationalen Stillkommission zu folgen: Danach ist Stillen während der ersten vier bis sechs Lebensmonate ausdrücklich empfohlen.

Auch Gebauer ist der Meinung, dass die Vorteile des Stillens nicht unnötig aufgegeben werden sollten. Industriell hergestellte Milch will sie aber trotzdem nicht schlechtreden: "Die Herstellung ist sicher und auf die Bedürfnisse von Babys abgestimmt", sagt sie. In einigen Fällen sei industrielle Spezialnahrung sogar überlebenswichtig, etwa wenn ein Baby an Stoffwechselerkrankungen oder Kuhmilcheiweißunverträglichkeiten leidet. "Wenn man die Wahl hat, ist Muttermilch aber immer am besten", fügt sie hinzu.

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