http://www.ausbildungsmesse-baden-baden.de/
Wenn die Waage das Leben regiert
Wenn die Waage das Leben regiert
01.02.2019 - 00:00 Uhr
Von Janina Fortenbacher

Baden-Baden - Von Anorexia nervosa, umgangssprachlich "Magersucht", über die "Ess-Brech-Sucht" Bulimia nervosa bis hin zu Binge-Eating-Disorder ("Esssucht") - eine Essstörung kann viele Gesichter haben. Ruth Müller, Ernährungsberaterin bei der AOK Mittlerer Oberrhein, beobachtet, dass immer mehr Menschen an einer solchen Verhaltensstörung leiden. Hinzu komme, dass die Ausprägungen immer extremer würden.

Müller ließ sich 2007 zur Fachberaterin für Essstörungen ausbilden. Seitdem unterstützt sie Betroffene dabei, schrittweise wieder ein gesundes Essverhalten zu erlernen. "Zu Beginn waren es nur zwei bis vier Leute, mittlerweile berate ich dreimal so viele Menschen", sagt sie. Die Nachfrage sei enorm.

Laut einer aktuellen Studie der AOK Mittlerer Oberrhein stieg in der Region zwischen 2013 und 2017 die Zahl der Behandlungsfälle von Essstörungen im Allgemeinen um neun Prozent. Die Steigerungsrate bei Magersucht betrug im gleichen Zeitraum sogar 15 Prozent. Für das Jahr 2017 bedeutet das konkret: 803 Versicherte waren wegen Essstörungen in ambulanter oder stationärer Behandlung, davon litten 172 an Magersucht. Landesweit zählte die AOK über 13 000 an einer Essstörung erkrankte Versicherte, darunter 3 000 Anorexia-Patienten. Es komme aber auch immer wieder zu Mischformen der einzelnen Essstörungen, merkt Müller an. Dabei wird eine Sucht mit einer anderen kompensiert. Dies sei vor allem bei der Magersucht zu beobachten: "Die Anorexia vermischt sich häufig mit der Bulimi oder geht in eine Sportsucht über", erklärt Müller. Die Mehrzahl der Betroffenen sehe zwar ein, dass gegessen werden muss, sie könnten es aber nicht ertragen, zuzunehmen. Die Folge sei dann, den Magen mit dem Gegessenen wieder zu entleeren oder die Kilos durch extremen Sport unten zu halten.

Wie genau sich eine Essstörung entwickelt, sei von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Während die einen über eine Diät in die Magersucht abrutschen, stecke bei anderen ein bestimmtes Erlebnis oder ein Trauma dahinter, so die Fachberaterin: "Nicht hinter jeder Störung verbirgt sich der Wunsch nach einer perfekten Figur." Viele Menschen, die an Big-Eating-Disorder leiden, hätten im Essen ihre Zuflucht gefunden. Die Nahrung sei eine Konditionierung, um das Erlebte zu verarbeiten. Eine Essstörung sei deshalb nie die eigentliche Krankheit, betont Müller, sondern immer ein Symptom für tiefer verborgene Probleme. "Bei vielen jungen Patienten steckt eine Überforderung als Kind hinter der Störung", schildert Müller. Aber auch Missbrauch und Mobbing könnten Gründe sein.

Eine Studie des Robert-Koch-Instituts zeigt: Bei etwa einem Fünftel aller Elf- bis 17-Jährigen in Deutschland besteht der Verdacht auf eine Essstörung. Eltern sollten aufmerksam werden, wenn sich das Verhalten ihres Kindes in Bezug auf Gewicht und Ernährung stark verändert. Anzeichen könnten sein, dass sich das Kind nicht mehr vor anderen auf die Waage traut, nach dem Essen häufig die Toilette aufsucht oder nur noch Produkte isst, die es angeblich für gesund hält. "Manchmal können sich hinter Ernährungs-Trends wie etwa dem Verzicht auf Kohlenhydrate auch Essstörungen verstecken", fügt Müller hinzu. Wichtig sei, sofort zu reagieren und professionelle Hilfe zu suchen. "Viele denken, das regelt sich von selbst. Leider ist das nicht so. Aus einem Suchtverhalten kommt man nicht so einfach heraus", warnt die Expertin. Die AOK bietet deshalb neben der normalen Ernährungsberatung, etwa für Diabetiker oder Allergiker, seit rund 20 Jahren auch Unterstützung bei Essstörungen an. Die Einzelberatungen finden in den Gesundheitszentren in Karlsruhe, Rastatt, Baden-Baden, Bruchsal, und Bretten statt.

Neben den körperlichen Folgen leiden Erkrankte auch unter der psychischen Belastung: "Viele Betroffene mauern sich ein und meiden soziale Kontakte", sagt Müller. Während sich Esssüchtige etwa vor körperlicher Anstrengung scheuen, müssen Bulemiker ständig Angst vor Brechattacken haben. Eine Magersüchtige verbiete sich meist ohnehin, mit Bekannten Essen zu gehen, meint die Fachberaterin.

Betroffen sind laut Müller vor allem Mädchen und junge Frauen. Doch die Alterspanne weite sich immer mehr aus: "Derzeit betreue ich fast nur Erwachsene. Das zeigt, dass nicht nur Teenager anfällig sind." Bei Männern beobachtet Müller verstärkt den Adonis-Komplex: "Trotz trainiertem Körper fühlen sich die Betroffenen schmal. Deshalb nehmen sie immer mehr Eiweiß zu sich, um ihre Muskeln weiter zu vergrößern." Das Schlimme an einer Essstörung - egal von welcher Art - sei, dass sich der Erkrankte nie so sehe, wie er wirklich sei.

Druck in der



Öffentlichkeit nimmt zu

"Auffällig ist auch, dass die Ausprägungen nicht nur zunehmen, sondern auch immer ausgefallener und radikaler werden", betont Müller. So habe sie kürzlich eine Frau behandelt, die direkt nach der Schwangerschaft in eine Magersucht abgerutscht ist. Müller hat den Eindruck, dass der Druck in der Öffentlichkeit zunehme. "Die sozialen Medien verstärken den Drang nach Perfektion", sagt sie. Fotos zeigen Menschen, die scheinbar makellos sind. "Aber der Schein trügt", merkt Müller an. "Die Bilder werden mit verschiedenen Filtern so stark bearbeitet, dass sie nicht mehr viel mit der Realität zu tun haben." Das Traurige daran sei, dass sich das menschliche Gehirn täuschen lässt: "Und so kommt es, dass wir einem Idealbild nacheifern, das es in der tatsächlichen Welt eigentlich gar nicht geben kann", bedauert die Expertin.

BeiträgeBeitrag schreiben 



Das könnte Sie auch interessieren

Rastatt
Fachstelle Sucht muss umziehen

16.11.2018
Fachstelle Sucht muss umziehen
Rastatt (dm) - Wenn das landkreiseigene Gebäude Lyzeumstraße 23 in Rastatt zur neuen Außenstelle des Landratsamts umgebaut wird, muss die Fachstelle Sucht ausziehen. Dies bestätigte Landratsamts-Pressesprecherin Gisela Merklinger auf Nachfrage des BT (Archivfoto: ema). »-Mehr
Bühl
Hilfe in Lebenskrisen

09.04.2018
Das Gefühl, verrückt zu werden
Bühl (red) - Jeder kennt Situationen, in denen man mit flapsigen Kommentaren konfrontiert wird. Oft ist das gar nicht ernst gemeint. Doch was ist, wenn man tatsächlich das Gefühl hat, durchzudrehen, einem alles zu viel wird und man befürchtet, wirklich verrückt zu werden (Foto: dpa)? »-Mehr
www.los.de/rastatt/
Umfrage

Immer mehr Modehersteller bieten ähnliche Outfits für Eltern und Kinder an. Wie finden Sie das?

Schöne Idee.
Übertrieben.
Ist mir egal.

https://www.eyesandmore.de
Wetter in Mittelbaden


© Badisches-Tagblatt.de    Impressum | AGB | Nutzungsbedingungen | Datenschutz   
1