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Der Kampf ums nackte Überleben
05.02.2019 - 00:00 Uhr
Von Marius Merkel

Caracas/Baden-Baden - In Venezuela tobt ein Machtkampf: Parlamentspräsident Juan Guaido hat sich selbst zum Interimspräsidenten erklärt, das Regime von Staatschef Nicolas Maduro will das nicht anerkennen und gibt nicht auf. Mittendrin sind Grit (53) und Dominik Nürnberg (41), die Baden-Baden verlassen haben und nach Venezuela ausgewandert sind.

Vor rund sieben Jahren fassten sie den Entschluss, Deutschland den Rücken zu kehren und sich ein "neues, ruhigeres und entspannteres Leben" in dem südamerikanischen Staat aufzubauen. Von Ruhe und Entspannung kann aufgrund der derzeitigen Situation allerdings keine Rede sein. "Die aktuelle Lage im Land ist äußerst kritisch, viele Geschäfte haben mittlerweile geschlossen, die Besitzer haben Schutzmaßnahmen getroffen, um Plünderungen zu vermeiden", beschreiben die Nürnbergs die Zustände vor Ort.

Die ehemaligen Polizeibeamten der Reviere Baden-Baden und Rastatt wohnen auf der Insel Isla Margarita. Auf dem Festland und in der Hauptstadt Caracas sei die Situation noch dramatischer, berichten sie.

"Der größte Teil der venezolanischen Bevölkerung lebt unter dem Existenzminimum, bedingt durch die hohe Inflation und ständigen Preiserhöhungen besonders für die Grundnahrungsmittel und Medikamente", erläutert das Ehepaar die Eindrücke im Gespräch mit dem BT. Wasser und Brot seien mittlerweile teurer als Benzin: 30 Eier kosten 40 000 Bolivar (circa 14 Euro), bei einem Mindestlohn von 18 000 Bolivar (knapp 6,50 Euro) im Monat kaum mehr bezahlbar für die Einheimischen. Das Preis-Leistungs-Verhältnis sei komplett aus den Fugen geraten.

"Das einfache Volk ist zwar mit wenig zufrieden, wenn allerdings das Hauptnahrungsmittel Maismehl fehlt, dann gehen sie auf die Barrikaden", machen die Nürnbergs deutlich. Bei seltenen Lieferungen entstünden ellenlange Warteschlangen, die von der Polizei bewacht werden müssten, da es immer wieder zu Schlägereien komme. Für viele Venezolaner gehe es nur noch ums nackte Überleben.

Die Nürnbergs meinen, dass die Bevölkerung seit Beginn des Machtkampfs mutiger für einen Regierungswechsel eintritt. Immer wieder komme es zu Demonstrationen. "Die jahrelang geschürte Angst vor Repressalien bei Widerstand gegen das Regime ist immer noch spürbar, trotzdem haben wir den Eindruck, dass sich die Angst so langsam in Mut verwandelt." Erschreckend sei die Massenflucht, die das Land aktuell erfahre. Da die meisten Venezolaner ihre Heimat noch nie verlassen hätten, sei es für sie eine Flucht ins Niemandsland, ins Ungewisse, und keiner wisse, wie es weitergehe.

Für die Deutschen kommt "fliehen" nicht infrage. Seit ihrer Ankunft im Karibik-Staat haben sie viele einheimische Freunde gewonnen. Für drei venezolanische Kinder samt Familien haben sie Patenschaften übernommen. Weiterhin unterstützen sie alte Menschen und kümmern sich um streunende Hunde. Durch Spenden von Freunden, Bekannten, Vereinen und Kollegen war es den Auswanderern Ende 2016 möglich, einen Container mit Hilfsgütern zu organisieren, die den Einheimischen zugutekamen. "Wir sind dankbar für das Leben hier und unsere Erfahrungen in der neuen Welt. Egal, was kommt, wir werden unsere neue Heimat und unsere Freunde nicht im Stich lassen", erklären Grit und Dominik Nürnberg.

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