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"Vielfalt ist risikoausgleichend"
05.02.2019 - 06:35 Uhr
Baden-Baden - Franz Häußler ist Landesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Aber der Bauernfunktionär aus Schwörzkirch (Gemeinde Allmendingen) ist vor allem mit Leib und Seele Biobauer. Auf der Schwäbischen Alb bewirtschaftet er 80 Hektar Fläche. Rund 50 Milchkühe sowie 30 Stück Jungvieh stehen auf seinem Hof, der von ihm und seiner Frau - und unter Mithilfe seiner vier Kinder - seit 26 Jahren als Bioland-Betrieb bewirtschaftet wird. Die Entscheidung, biologische Landwirtschaft zu betreiben, hat Häußler (56) nie bereut, wie er im Gespräch mit BT-Redakteur Dieter Giese betont. "Es ist nicht ganz so einfach, aber es macht Spaß", sagt Häußler, der überzeugt ist, dass es den Hof, der mittlerweile von seinem Sohn mitgeleitet wird, ansonsten nicht mehr gäbe.

Interview

BT: Herr Häußler, auf ihrem Hof geht es derzeit vermutlich etwas ruhiger zu?

Franz Häußler: Ja, das stimmt, aber diese Zeit im Winter braucht man auch.

BT: Bäuerliche Landwirtschaft - das klingt eigentlich wie das Normalste von der Welt. Was unterscheidet AbL-Bauern von anderen Landwirten in Deutschland?

Häußler: Wir sind eine kleine Gruppe. In Baden-Württemberg sind rund 300 Betriebe angeschlossen, deutschlandweit sind es etwa 2 500. Es sind konventionell arbeitende Höfe darunter, aber in der Mehrzahl Betriebe, die mit dem Siegel Ökologisch oder Biologisch arbeiten. Und die konventionellen Betriebe, die sich uns angeschlossen haben, sind oft auf dem Sprung oder haben eine Tendenz in diese Richtung. Wer bei uns mitmacht und dem Bauernverband den Rücken zugewandt hat, der hat schon ein paar Gedanken durch seinen Kopf gelassen. Aber klar, es sind halt nicht so viele.

BT: Sie selbst sind zum einen Viehzüchter, zum anderen haben sie sich auf den Anbau von Linsen spezialisiert?

Häußler: Wir bauen auch Linsen an. Aber wir haben daneben die ganze Palette von Getreide - Weizen, Dinkel, Hafer, Roggen. Und dann eben die Braugerste mit Linsen. Und nichts davon wird verfüttert, sondern geht direkt in die menschliche Ernährung.

BT: Wenn ich an Linsen denke, denke ich immer an Afrika.

Häußler: Die meisten Linsen, die produziert werden, kommen heute aus Kanada. Die haben sich in den letzten 15 Jahren darauf eingeschossen. Ursprünglich kommen sie aus dem Mittelmeerraum, aus Afrika und Indien. Syrien war übrigens ein ganz großes Linsenanbaugebiet. Dort gab es auch die berühmte Gen-Bank von Aleppo. Das meiste Material konnte vor dem Bürgerkrieg in Sicherheit gebracht werden.

BT: Die Schwäbische Alb, erlebt als Linsenanbaugebiet nach einer 60-jährigen Pause eine Renaissance. Sie sind da aber nicht allein auf weiter Flur?

Häußler: Wir sind längst nicht mehr allein. Es gibt hier eine Erzeugergemeinschaft mit fast 100 Biobauern. Wir bauen auf der Schwäbischen Alb drei Sorten an. Eine kommt aus der Auvergne in Frankreich, bei zweien handelt es sich um alte schwäbische Sorten, die man in einer Gen-Bank in St. Petersburg wieder aufgefunden hat und vermehren konnte. Auf unsrem Hof bauen wir die französische Sorte an, weil die sich am besten von der Braugerste trennen lässt, die wir gemeinsam anbauen.

BT: Sie arbeiten nicht nur bei Linsen mit alten Sorten - und gehen somit Konflikten mit Saatgutkonzernen aus dem Weg?

Häußler: Wir gehen damit tatsächlich Konflikten mit der Agrarindustrie aus dem Weg. Die Industrie bietet alles im Paket an - Saatgut und Herbizide. Wer industriell produziertes Saatgut nachzüchtet, muss eine Nachbaugebühr entrichten. Und das ist genau der Unterschied zur Bäuerlichkeit: Wir entscheiden selbst, was wir anbauen und wie wir mit dem Bestand auf dem Feld umgehen wollen und wie man es vermarkten kann. Das ist bei anderen von außen vorgege ben. Bei den Linsen sind wir sowieso völlig vogelfrei, bei den Getreidesorten arbeiten wir mit Ökozüchtern zusammen. Wir versuchen grundsätzlich, das Thema Saatgut und die Finanzierung von Zucht auf andere Füße zu stellen. Wir wollen auch die Verbraucher mitnehmen. Denn gute Sorten fallen nicht vom Himmel, da steckt Arbeit dahinter, und das kostet auch etwas.

BT: Die Landwirtschaft in Deutschland hat seit Jahren mit Wetterunbilden zu kämpfen. Letztes Jahr litten die Bauern unter der Trockenheit, der Deutsche Bauernverband forderte vor dem Hintergrund der "Katastrophe" Milliardenhilfe für die Landwirte. Bei der AbL sieht man das eher kritisch.

Häußler: Bäuerlichkeit heißt Vielfalt. Vielfalt ist grundsätzlich risikoausgleichend. Je mehr man aber spezialisiert ist, desto ärger treffen solche Wetterkatastrophen ins Mark. Bei Trockenheit gedeihen zum Beispiel Getreide und Linsen besser. Bei nasser Witterung wächst mehr Futter fürs Vieh und es ist besser für die Tierhaltung, die dann existenzsichernd wird. So kann man einen Rückschlag besser verkraften. Auf vier Beinen steht man stabiler als auf zwei. Wetterkapriolen können bäuerliche Betriebe deshalb besser verkraften.

BT: Wie viele Wetterunbilden sind für einen bäuerlichen Betrieb normal? Und wann wird's auch bei Ihnen kritisch?

Häußler: Wenn es dieses Jahr allerdings wieder so trocken wird, dann haben auch wir ein Problem, dann wird's eng. Aber warten wir's ab. Wir haben einen relativ feuchten Winter, der den Bodenvorrat an Wasser wieder auffüllen kann. Ein weiteres Problem in Sachen Wetter: Viele große Wachstumsbetriebe sind schon überschuldet, und die sind von solchen Ereignissen besonders stark betroffen. Auch das Förderungsprinzip ist ein richtig süßes, aber hochgefährliches Gift. Wenn man 20 bis 40 Prozent Zuschuss erhält für Investitionen, dann investiert man üppiger - und kommt in ein Fahrwasser rein, das einem bei Krisen die Luft abschneidet.

"Es läuft noch immer in die falsche Richtung"

BT: Wie schützt der Ökobauer seine Pflanzen auf dem Acker vor Ungeziefer und Pilzen?

Häußler: Das ist genauso wie in Sachen Anbau: Mit Vielfalt. Die Vielfalt auf dem Acker hält das System stabil. Wir machen ansonsten eigentlich nichts. Aber klar, die Fruchtfolge muss schon ausgeklügelt sein. Da steckt schon Gehirnschmalz dahinter.

BT: Aber viele fragen sich doch: Nachhaltig produzieren und wirtschaftlich überleben, geht das überhaupt?

Häußler: Es ist der einzige Weg, der langfristig funktionieren kann. Anderweitig würden wir die Lebensgrundlage unserer Kinder und Enkelkinder "vervespern". Wir schieben die Kosten, die derzeit nicht auf den Preisen erscheinen, weil die Produkte verbilligt sind, räumlich und zeitlich von uns weg: Zeitlich auf die nächste Generation, räumlich auf andere Kontinente, nach Afrika oder nach Südamerika. Das kommt irgendwann und irgendwie wieder zu uns zurück.

BT: Sie sind überzeugt, dass Ihr Weg der richtige ist?

Häußler: Sagen wir es so: Ich glaube, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Ob ich alles richtig mache, weiß ich nicht. Aber unser Denken ist - und auch das unterscheidet uns vom Bauernverband - dynamisch: Man kann immer was dazulernen und was verbessern. Ich bin immer offen für Neues und neue Erkenntnisse.

BT: Aber die Weltbevölkerung wächst. Viele glauben, dass wir auch in der Lebensmittelproduktion die effizienten Systeme brauchen. Kann der Ökolandbau die Welt ernähren?

Häußler: Momentan produzieren wir auf der Welt Nahrungsmittel für zehn bis zwölf Milliarden Menschen, es gibt aber nur acht Milliarden - und die kriegen wir nicht satt. Vieles geht kaputt, weil es an Logistik und Lagerungsmöglichkeiten in den sogenannten unterentwickelten Ländern mangelt. 50 Prozent der Weltgetreideernte wird verfüttert - das ist eigentlich eine massive Verschwendung an Nährwert. Und bei uns landet 50 Prozent im Müll. Und es läuft noch immer in die falsche Richtung: Es gibt intelligentere Möglichkeiten, die Weltbevölkerung zu ernähren als nur durch Produktionssteigerung. Diese Steigerung hat so viele Nachteile, da können wir schlussendlich nur verlieren.

BT: Was bedeutet die gegenwärtige Agrarpolitik und insbesondere die EU-Agrarreform für die Zukunft bäuerlicher Betriebe?

Häußler: Die Art, wie Agrarpolitik gemacht wird, ist so ausgerichtet, dass vor allem Größe gefördert hat: Wer viel hat, kriegt viel. Es ist deshalb eine uralte Forderung der AbL, dass eine Kappung oder eine Staffelung bei der Förderung der landwirtschaftlichen Betriebe eingeführt wird. Aber die Beharrungskräfte sind riesig und die deutsche Agrarpolitik entwickelt eine besonders große Bremswirkung. Und wir fordern seit langem, dass die Umweltstandards, Sozialstandards und Tierwohlstandards in dieser Geldverteilung an die Landwirtschaft eine Rolle spielen müssen. Die Vorschläge von der EU-Kommission sehen jetzt zwar eine Kappung vor, aber die genannten Standards müssen wir wohl noch eine Generation warten.

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