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Eine große Kluft
Eine große Kluft
07.02.2019 - 11:45 Uhr
Von Brigitte J. Henkel-Waidhofer

Stuttgart - Seit Jahren leidet der Schulbetrieb im Land unter fehlerhaften Prognosen. So wurde schon seit den 90er Jahren immer wieder die Entwicklung der Schülerzahlen falsch vorausberechnet. Mal fehlt es an Studienplätzen für die angehenden Pädagogen, mal werden die Auswirkungen pädagogischer Entscheidungen falsch eingeschätzt. Jetzt fordert die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) eine komplett neue Bedarfsberechnung und 6 200 neue Stellen bis zum Jahr 2030. Kostenpunkt im Endausbau: Mehr als 370 Millionen Euro.

Wieso fällt den Statistikern eine realistischere Betrachtung der bildungspolitischen Zukunft so schwer?

Die Präsidentin des Statistischen Landesamts, die frühere CDU-Landtagsabgeordnete Carmina Brenner, wird nicht müde zu betonen, dass Prognosen abbilden, was geschehen ist, um Trends für die Zukunft zu erkennen. Gerade wenn es um die Einstellung von Lehrkräften geht, werden Zahlen aber gern Ausgaben-schonend interpretiert. Schon im Jahr 2000 verlangte die oppositionelle SPD eine Lehrereinstellung auf Vorrat. "Wer so etwas fordert, der versteht nichts von Wirtschaft und Wirtschaften, von Haushalt und Finanzen", konterte der damalige Kultusstaatssekretär Rudolf Köberle (CDU). Keine vier Jahre später war klar, dass zu wenig Lehrkräfte eingestellt worden waren. 2009 startete die CDU/FDP-Landesregierung sogar eine Abwerbekampagne in anderen Bundesländern. Und Kultusminister Andreas Stoch (SPD) musste sich in der vergangen en Legislaturperiode ebenfalls damit herumschlagen, dass die Schülerzahlen nicht wie erwartet sanken, sondern stiegen.

Wie wirken sich Fehlplanungen konkret aus?

Ein Gradmesser ist der Unterrichtsausfall. Logischerweise müssten Stellenpläne übererfüllt sein, um bei Ausfällen wie Schwangerschaften oder Krankheiten gewappnet zu sein. Der Bildungsexperte der SPD-Landtagsfraktion, Stefan Fulst-Blei, hatte zu Beginn des Schuljahrs verlangt, den Versorgungsgrad auf 106 Prozent zu erhöhen. Ein Plan, der allerdings auch nicht umgesetzt wurde, als die SPD den Kultusminister stellte. Ganz im Sinne von Statistikern, die belastbare Prognosen vorlegen wollen, präsentierte die GEW mit ihrer Einstellungsforderung auch Zahlen zum Ist-Zustand an den Grund, Haupt- und Werkrealschulen sowie den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren - früher Sonderschulen genannt - auf dem Jahr 2018. An Grundschulen standen 1 571 offenen Stellen 1 390 Bewerbungen und 1 052 Einstellungen gegenüber. Die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz brachte ein Beispiel dafür, wie Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen können - ohne Niederschlag in der Statistik: Bekommt eine Schule zum Schuljahresbeginn nicht die Lehrkräfte, die sie laut Stundenplan braucht, wird ein neuer Stundenplan gemacht. Und dann wird nur noch der Unterrichtsausfall auf dieser Basis erfasst - so dass die ursprünglich als pädagogisch geboten erachtete Grundlage als Maßstab keine Rolle mehr spielt.

Was will die GEW erreichen?

Bereits mehrfach hat die Gewerkschaft den Bildungsforscher Klaus Klemm die Bedarfsentwicklung berechnen lassen. Das jetzt vorliegende Gutachten geht davon aus, dass bis 2030 mindestens 6 200 neuen Stellen an allen weiterführenden Schulen und den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren im Land nötig sind. Moritz führt dies schon allein auf die steigenden Schülerzahlen zurück. In einer zweiten Berechnung wurden auch der in Aussicht gestellte Ausbau der Ganztagsangebote oder Vertretungsreserven einkalkuliert. Unter diesen Umständen wären sogar 10 500 neue Stellen nötig. Jede schlägt mit durchschnittlich 60 000 Euro jährlich zu Buche.

Wie reagiert Kultusministerin Susanne Eisenmann?

"Unsere Bedarfsplanungen beruhen auf soliden Zahlen", sagt die frühere Stuttgarter Schulbürgermeisterin (CDU). Sie verweist, wie ihre Vorgänger und Vorgängerinnen, auf frühere Irrtümer, diesmal konkret in Sachen Grundschullehramt. Zwischen 2011 bis 2015 seien von Grünen und SPD die Bedarfszahlen auf unter 1 000 Studienanfängerplätze gekürzt worden: "Diese Fehlentscheidung haben wir korrigiert."

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