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Hauptstadt der Exilanten
09.02.2019 - 00:00 Uhr
Von Gunther Hartwig

Berlin - Das Aufnahmelager des Landesamts für Gesundheit und Soziales in Moabit ist hoffnungslos überfüllt, die Zustände schreien zum Himmel: Tausende Menschen liegen auf dem nackten Boden, Familien mit kleinen Kindern übernachten in den Grünanlagen, es fehlt an Nahrung, Getränken und Medikamenten. Noch heute hat Annika Reich (45) das Bild aus dem Sommer 2015 vor Augen.

Mit ihrer Tochter ist sie damals zum "Lageso" gefahren, um den Flüchtlingen Mineralwasser und Obst zu bringen. "Es war", sagt die Schriftstellerin, "ein Moment in meinem Leben, in dem ich so erschüttert war, dass meine Sicht auf die Welt und mein eigener Standpunkt verrutscht sind."

Es sind jene Wochen, die im kollek tiven Gedächtnis der Deutschen haften bleiben. Eine Zeit, in der die Republik schwankt zwischen Willkommenskultur und Abwehrreflexen. Die Bundeskanzlerin erklärt: "Wir schaffen das!" Doch immer mehr Bürger fühlen sich überfordert. In diesem Moment beschließen Annika Reich und ihre Mitstreiterinnen: Wir tun was. Sie nehmen Flüchtlinge bei sich auf, kümmern sich um Formalitäten, organisieren Kleiderspenden und sammeln Geld. "Die 100 Frauen" von Berlin, im Alter zwischen 25 und 85, gründen ein Aktionsbündnis ("Wir machen das"), das den Gestrandeten einen Anker bietet, den Ankommenden einen Neuanfang.

Gut drei Jahre später muss sich Annika Reich ein bisschen zurücknehmen, um nicht zu euphorisch zu erscheinen. Gerade ist ein Buch herausgekommen, in dem literarische Texte von Autoren aus Krisengebieten versammelt sind, Lyrik, Prosa und Essays von Geflüchteten aus dem Nahen Osten in deutscher Übersetzung. Titel: "Das Herz verlässt keinen Ort, an dem es hängt." Die Präsentation im Berliner Literaturhaus war ein berührendes Ereignis, die Initiative "Weiter schreiben" ist ein durchschlagender Erfolg. Der eingetragene Verein fördert derzeit 20 Frauen und Männer, die ihre Heimat verlassen haben, weil sie dort verfolgt, bedroht oder vertrieben wurden. Es gibt eine lange Warteliste.

Deutsche "Tandempartner" wie Annika Reich sorgen dafür, dass die Emigranten mit unterschiedlichem Aufenthaltsstatus auch in Deutschland ihre Arbeit fortsetzen können. Sie knüpfen Kontakte zu Übersetzern und Verlagen, zu Stiftungen und Lesebühnen. Inzwischen gibt es unter den "Writers in Exile" schon ein paar Arrivierte wie Ramy Al-Asheq (39), syrisch-palästinensischer Lyriker, der die Deutsch-Arabischen Literaturtage aus der Taufe hob und als Kurator für das Berliner Literaturhaus aktiv ist. Die seit über zwei Jahren in der Hauptstadt lebende kurdische Autorin Widad Nabi (33) zitiert in ihrem Beitrag für die Anthologie Jean Paul mit dem Satz: "Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können." Jetzt wisse sie: "Ich habe in Berlin eine Heimat und ein Exil aus Erinnerungen."

Berlin als Zufluchtsort. Immer öfter zieht es gerade kritische Geister hierher, Künstler und Journalisten, Menschenrechtler und Politiker, denen Berufsverbot oder Gefängnis drohen, im Extremfall Folter oder Tod. Eine offizielle Statistik gibt es nicht, aber Experten schätzen die Zahl der Exilanten aus Kriegsregionen und Autokratien auf einige Hundert. Der Senat stellt jährlich eine halbe Million Euro für Oppositionelle und Verfolgte zur Verfügung, für Stipendien oder Wohnungen. An der Spree winke den Freiheitskämpfern aus aller Welt ein sicherer Hafen, erklärt ein Sprecher des Bundesverbands Deutscher Stiftungen die Anziehungskraft Berlins - für die früher geteilte Stadt ein "enormer Glücksfall".

Der Verband hat ein Willkommensprogramm für Nichtregierungsorganisationen aufgelegt, die Exilanten aus aller Herren Länder betreuen, aus Osteuropa und der Türkei, aus Aserbaidschan und dem Iran, aus Vietnam und Russland. Geboten wird von der Rechtsberatung bis zur Suche nach Kitaplätzen ein breites Spektrum von Hilfsmaßnahmen. Vor wenigen Monaten erst kamen die fast 90 Mitarbeiter der "Open Society Foundations" samt Familien aus Budapest nach Berlin. Von Ungarns Hauptstadt aus hatte die von US-Milliardär George Soros gegründete Organisation internationale Projekte für Menschenrechte und Pressefreiheit finanziert, bis auf Betreiben von Ministerpräsident Viktor Orban ein Gesetz erlassen wurde, das gemeinnützigen Stiftungen aus dem Ausland Fesseln anlegt.

Ungehindert



arbeiten

Frei atmen und ungehindert arbeiten zu können, nicht weiter ausgegrenzt und schikaniert zu werden - dieses Motiv vereint die Exilanten von Berlin. Der chinesische Künstler und Regimekritiker Ai Weiwei kam 2015 in die Bundeshauptstadt und eröffnete im Prenzlauer Berg sein Atelier, das er behalten wird, auch wenn er demnächst weiter nach New York zieht. Can Dündar, der von der Türkei zum Staatsfeind erklärte Ex-Chefredakteur der Tageszeitung "Cumhuriyet", flüchtete vor zwei Jahren nach Berlin, wo er seither für seine Internetplattform "Özgürüz" schreibt und unter Polizeischutz lebt. Auch der ehemalige katalanische Präsident Carles Puigdemont verbrachte nach seiner Auslieferungshaft in Neumünster einige Wochen in Berlin, ehe er seine Zelte in Brüssel aufschlug.

Dutzende andere, allerdings weniger prominente Dissidenten sind in Berlin sesshaft geworden, vorübergehend und in der Hoffnung, dass sich die politischen Verhältnisse in ihren Heimatländern ändern, bisweilen ohne realistische Aussicht auf Rückkehr. So würde Sinan Önal, Funktionär der türkisch-kurdischen Partei HDP, sofort festgenommen, käme er auf die Idee, nach Ankara zu fliegen. Also bleibt der 2017 mit einem Studentenvisum nach Deutschland ausgereiste Politikwissenschaftler vorerst in Berlin. Ebenso die russische Journalistin Olga Romanowa, die mit ihrer Bürgerrechtsorganisation "Rus sidjaschaja" ins Visier der regimetreuen Moskauer Justiz geraten war und in der deutschen Multikulti-Metropole nun einen Videokanal für Menschenrechtsfragen aufbaut. Die Weltoffenheit Berlins, die vielfältige Gründer-, Kultur- und Wissenschaftsszene, die Chance, sich hier angstfrei mit zahlreichen Gleichgesinnten aus allen Himmelsrichtungen zu vernetzen (meist reicht Englisch zur Verständigung), das staatliche und zivilgesellschaftliche Förderangebot - das alles erhöht den Reiz der deutschen Kapitale für Exilanten rund um den Globus.

Das freilich hat Tradition. Schon im 17. Jahrhundert flohen protestantische Hugenotten aus dem katholischen Frankreich nach Berlin, vor über 100 Jahren machten russische Juden durch ihre Flucht vor Pogromen aus dem bürgerlichen Westen der Stadt das legendäre "Charlottengrad". Aus ganz Osteuropa siedelten Verfolgte ins Scheunenviertel unweit des Alexanderplatzes um, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts viele Oppositionelle aus dem Mittleren Osten.

Auch zwei zeitgenössische Schriftstellerinnen, die es nach Berlin verschlug, haben die Vorteile eines freien Lebens fern ihrer Heimat zu schätzen gelernt. Deborah Feldman (32) entfloh zusammen mit ihrem Sohn der Enge ihrer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde in den USA und notiert in ihrem Bestseller "Unorthodox", was sie in Berlin gefunden hat: "Diese Stadt ist ein Zuhause für diejenigen, die keines haben, ein Ort, an dem sogar diejenigen Wurzeln schlagen, die scheinbar gar keine entwickeln können." Nobelpreisträgerin Herta Müller, die vor 31 Jahren aus Rumänien nach Berlin kam, sieht in der Stadt einen Brückenkopf nach Osteuropa - und zugleich "zurück in die deutsche Geschichte, in die Zeit der Angst, als Hunderttausende vor den Nazis fliehen mussten". Müller war es auch, die den Anstoß gab für ein Exilmuseum in der Hauptstadt, das den aus dem Dritten Reich getriebenen Künstlern und Intellektuellen ein Denkmal setzen soll, Emigranten von Max Beckmann bis Paul Klee, von Max Ernst bis George Grosz. 2023 soll das neue Exilmuseum eröffnen.

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