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Alle wissen es, keiner will es wissen
12.02.2019 - 00:00 Uhr
Von Anika von Greve-Dierfeld

Karlsruhe/Hamburg - Andrea K. ist zufrieden und ihre Mutter - so weit man für die demente alte Dame sprechen darf - auch. Seit drei Jahren wird die 91 Jahre alte Seniorin von zwei osteuropäischen Betreuungskräften versorgt. Zuhause im vertrauten Umfeld in Reinbek bei Hamburg. Die 27 und 51 Jahre alten Polinnen wechseln sich ab, drei Monate pflegt die eine, dann wird sie von der zweiten für die nächsten drei Monate abgelöst.

"Die Frauen dürfen nur so lange am Stück in Deutschland bleiben", erklärt dies K. Sie wurden ihr über eine Osnabrücker Agentur vermittelt, die wiederum mit einer polnischen Agentur verbandelt sei. Diese habe einen Vertrag mit den beiden. "Alles ganz legal", sagt sie.

Das allerdings ist die Ausnahme. Nur etwa zehn Prozent der schätzungsweise rund 600 000 ausländischen Betreuungskräfte, die in deutschen Haushalten leben, haben nach Schätzungen der Verbände für häusliche Pflege einen Vertrag und führen Sozialversicherungsbeiträge ab. Der Rest arbeitet schwarz. Das Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) sah in seiner Studie zu Schwarzarbeit aus dem Jahr 2017 die Betreuung von Senioren auf Platz drei der Schattenwirtschaft - übertroffen nur noch vom Baugewerbe und dem Handwerk.

Die Bedeutung ausländischer Betreuungskräfte in der häuslichen Pflege wird nach Ansicht des Bundesverbands häusliche Seniorenbetreuung (BHSB) von der Politik totgeschwiegen. "Alle reden über die Immigration von Fachpersonal", moniert der Vizevorsitzende Stefan Lux. "Es gibt aber einen viel höheren Bedarf an gering qualifizierten Betreuungskräften, deren legale Immigration bis heute kaum möglich ist." Das sei ein weiterer Motor für die grassierende Schwarzarbeit in diesem Bereich. "Viele Ukrainerinnen sind längst illegal im Land."

Die Politik setzt nach Ansicht des Pflegeexperten und Rechtswissenschaftlers Thomas Klie aus Kostengründen in nicht verantwortlicher Weise auf diese Arbeitsverhältnisse. "Das ist eigentlich immer jenseits dessen, was rechtlich erlaubt ist. Und trotzdem kümmert sich die deutsche Politik weder auf Landes- noch auf Bundesebene in einer irgendwie ernsthaft zu nennenden Weise darum", sagt er.

Dabei kommt kaum jemand an der Realität vorbei: "Es ist allen bekannt - die häusliche Versorgung wäre ohne diese Betreuung nicht zu bewerkstelligen", sagt Prof. Michael Isfort, der am Deutschen Institut für Pflegeforschung (DIP) forscht. "Es ist ein großer Bereich geworden, der wesentlich zur Versorgung beiträgt." Das Thema müsse enttabuisiert werden. Der Geschäftsführer des Verbandes für Häusliche Betreuung und Pflege (VHBP), Frederic Seebohm, fordert ein Ende moralisierender Kritik. Gäbe es keine ausländischen Betreuungskräfte, "dann bräuchte es auf einen Schlag 250 000 bis 300 000 zusätzliche Stationäre Pflegeplätze", sagt er. Diese Arbeitsverhältnisse seien sozusagen alternativlos. "Umso erstaunlicher, dass die Politik den Kopf in den Sand steckt, 90 Prozent Schwarzarbeit duldet und keine Rechtssicherheit herstellen will."

Zum Vorwurf eines ausbeuterischen 24-Stunden-Dienstes zitiert Seebohm eine nicht repräsentative Untersuchung, derzufolge die reine Arbeitszeit einer Betreuerin 6,75 Stunden beträgt. Von einem tatsächlichen Rund-um-die-Uhr-Einsatz könne nicht gesprochen werden. Das würden die allermeisten auch gar nicht akzeptieren, sondern dann ganz schnell kündigen, sagt er. Denn Betreuungskräfte seien begehrt, "die Machtverhältnisse haben sich geändert".

Das sieht Pflegeforscher Isfort zwar nicht ganz so: Missbrauch gebe es durchaus, und es müsse sichergestellt werden, dass Betreuer - zu weit über 90 Prozent Frauen - nicht ausgenutzt würden. Umgekehrt müssten auch die alten Menschen vor Ausnutzung und Ausbeutung bewahrt werden.

Aber auch er moniert ein Wegschauen der Politik. "Man wird sich dem Thema systematisch zuwenden müssen", sagt Isfort. Deutschland sei auf diese Betreuungskräfte in den Haushalten angewiesen; ambulante Pflegedienste könnten den Bedarf in keiner Weise auffangen. "Sie werden mit Nachfragen überrannt, die sie gar nicht mehr bedienen können." Es lauere hier ein Kollaps in der Flächenversorgung.

Für die Verbände sind die ausländischen Betreuungspersonen eine von der Politik missachtete Lebenswirklichkeit und eine unverzichtbare Säule professioneller Versorgung. Das Bundesgesundheitsministerium will dies nicht kommentieren und verweist an das Bundesministerium für Arbeit und Soziales, das für arbeitsrechtliche Fragen zuständig sei. Von dort kommt die sparsame Antwort, dass die soziale Situation ausländischer Betreuungskräfte intensiv beobachtet werde. "Derzeit sind spezielle Regelungen für den genannten Personenkreis nicht vorgesehen."

Für Andrea K. waren die beiden Polinnen die Rettung. Ein halbes Jahr hatte sie ihre Mutter selbst versorgt und sich dabei fast aufgegeben. Ins Heim stecken aber wollte sie ihre Mutter auf keinen Fall und kontaktierte schließlich die Vermittlungsagentur. Sie ist seitdem voll des Lobes für das Modell. "Ich habe nur positive Erfahrungen", sagt sie. "Ich würde das jedem empfehlen."

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