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Tizian zum Abheben
15.02.2019 - 00:00 Uhr
Von Dorothee Baer-Bogenschütz

Das frisch gewaschene Leibchen vom Jüngsten der Truppe liegt zum Trocknen ausgebreitet im Blätterwerk eines Baums. Seine Eltern umsorgen auf der Rast das Baby. Die Mutter nutzt die Pause zum Stillen. Von einem Ast in schwindelnder Höhe baumelt ein kecker Blondschopf wie am Trapez. Bestimmt kann er bald den Salto Mortale. Jetzt pflückt er Datteln für die Verpflegung der kleinen Schar ohne festen Wohnsitz. Auch eine Figur in Zirkusrot hebt ab für artistische Übungen. Sie fängt die Früchte in einem Tuch auf. Für ihre Performance tragen die kleinen Kerle Flügel. Große Tiere schauen zu und warten auf ihren Einsatz. Am unteren Bildrand lehnt etwas, das aussieht wie eine arg strapazierte Matratze. "Ruhe auf der Flucht nach Ägypten" lautet der Titel des Gemäldes mit leuchtenden Farben und aufstrebender Komposition. Tusch!

Paolo Veronese hat das Bild um 1572 gemalt. Es eröffnet eine prächtige Vorstellung im Frankfurter Städel: "Tizian und die Renaissance in Venedig", flog ein aus Florida. Früher einmal befand es sich in München, wurde dort aber nicht als eigenhändiger Veronese erkannt und dem Zirkusunternehmer John Ringling verkauft. In Sarasota hat es einen Ehrenplatz in dessen Museum am Meer, das sich glücklich schätzt, solche Alten Meister aus Europa zu beherbergen. Wieso aber flog ein Manager des fahrenden Volks der Ringling Bros. World's Greatest Shows just auf diesen Veronese?

Wieso ist man in Edinburgh mächtig stolz auf Paris Bordones Bild "Venezianische Frauen bei der Toilette", entstanden um die Mitte des 16. Jahrhunderts? Erinnern die Signoras vielleicht die Schotten ein wenig an Maria Stuart, die um diese Zeit das Licht der Welt erblickte, und an Marys Dauerstress mit Elisabeth I., der ihren Tod durch Hinrichtung bedeutete? Fakt ist, dass Tizians Schüler Bordone ein interpretationsoffenes spannungsgeladenes Bild schuf, das zwei nicht eben freundlich blickende Damen auf engem Raum mit einer Zofe zeigt. Es hängt in der Abteilung "Schöne Frauen", einer von acht thematischen Sektionen.

Sebastiano del Piombos "Mann in Rüstung", orientiert an Giorgione, passt dank des Naturburschen vor kiefergrünem Hintergrund gut auch in die Wälder Connecticuts, wo das Bild seit 1960 im ältesten US-Kunstmuseum zuhause ist. Sprezzatura und Virtù: Eleganz und Wehrhaftigkeit ergeben 1511 dieses Wow-Ideal à la Rhett Butler in "Vom Winde verweht". Die überzeitliche Idealität betont Kurator Bastian Eclercy.

Wer sucht sich welches Kunstwerk warum aus? Die Städelschau lädt ein auch zu solchen Fragen, kann sie doch Werke von 60 verschiedenen Leihgebern versammeln. Sie macht Spaß in vielerlei Hinsicht. Nicht zuletzt verwegener Interpretationspfade wegen: einen Tick am Mythos vorbei. Da ist Apollon neben seiner Viola da Gamba weggeschlummert, und die Musen packt Panik am Parnass. Eigentlich sollten sie Reigen tanzen, werfen aber nun die Kleider zu Boden und stieben davon. Lorenzo Lotto gibt das die Gelegenheit, die Gewänder nach Farben zu sortieren wie auf einer Palette der Dinge. Ausgeliehen wurde die köstliche Parnassparodie aus Ungarn.

Und auch die Liebe siegt nur, solange sie nicht aufgefressen wird: Tizian, nicht etwa 103 Jahre alt geworden wie es die Legende will, sondern wohl von 1488/90-1576 auf Erden wandelnd, malt deren kunsthistorisch bis zur Neige ausgekosteten "Triumph" ganz unorthodox und platziert den frechen Buben Amor auf dem Rücken eines Raubtiers, das schon die Zähne fletscht. Wenn der Kleine die Balance verliert, kriegt der Löwe Futter. Bedenkt Tizian die Wankelmütigkeit der Liebe?

Er ist die Lichtgestalt der venezianischen Kunstszene seiner Zeit und mit rund 20 Werken vertreten in der rund fünfmal so großen Ausstellung, die zunächst gar nicht auf ihn hinaus laufen sollte, jedoch in ihm den Anker fand. Die übrigen Sterne der Lagune umkreisen ihn auf Augenhöhe. Er selbst verbeugt sich vor seinem Farbenhändler und nobilitiert ihn, indem er ihn malt wie einen Adligen.

Tizians kleinstes Bild gehört wunderbarerweise dem Städel selbst. Er malte es um 1510, dem Todesjahr seines Rivalen Giorgione. Die Porträtmalerei war in Venedig noch neu, zunächst waren nur Dogen eines Bildnisses würdig. Doch Tizian wagt auf 20 mal 17 Zentimetern die Darstellung eines Herrn Jedermann, gleichwohl aus besseren Kreisen, der heute Softie genannt würde und vielleicht Teil einer Wandverkleidung war. Die 1510er und 1520er Jahre goutierten diesen Typus. Auch Petrarca kam an.

Tizian, vom Städel "erster richtiger europäischer Maler" genannt, war eine Schaffenszeit von mehr als 60 Jahren vergönnt. So unterschiedliche Malerpersönlichkeiten wie El Greco und Rubens studierten ihn. Gehen die betörenden Rottöne im städeleigenen Mosesbild, das aus Tintorettos Werkstatt stammt, auf diese Koryphäe zurück, die es mit Michelangelo und Raffael aufnahm?

Die erste Überblicksausstellung über die Renaissancemalerei in Venedig ist zugleich die an Tizian-Arbeiten reichste, die bei uns je zu sehen war. Sie schmiegt sich förmlich an den Main, da das Städel "eine kleine hochkarätige Sammlung des Cinquecento" (Städel-Direktor Demandt) besitzt. Ebenfalls gilt: "Immer weniger Museen trauen sich an Altmeister-Themen". In liturgischem Lila sind die Exponate adäquat einbettet wie in eine Schatztruhe. Die pathetische Wirkung der Wandfarbe wird architektonisch verstärkt durch Arkaden.

Auch der theoretische Unterbau fehlt nicht. Angetippt wird der Dauerantagonismus zwischen Florenz, das für die klare Zeichnung stand, und Venedig, wo Farben und Licht ein einzigartiges Kolorit ausbilden halfen. Tizians Porträt des Dogen Francesco Venier ist ein Paradebeispiel malerischer Delikatesse. Die Züge des körperlich Angegriffenen deuten darauf hin, wie hoch konzentriert er dennoch war. Das Publikum kann in dieser sinnlichen Schau, die mit intellektuellem Witz und erheiternden Arrangements lockt - die Galerie der "Noblen Männer" in derselben pfauenhaften Pose! - vor Wonne förmlich abheben. Bis 26. Mai, Katalog 39,90 Euro.

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