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Gediegene Qualität: Mal hip, mal wohnzimmertauglich
21.02.2019 - 00:00 Uhr
Von Christiane Lenhardt

Der Bildhauer Tony Cragg und US-Fotostar Cindy Sherman sind auf der Art Karlsruhe mit Werken vertreten, Donald Judd, Damien Hirst wie der Wiener Aktionskünstler Hermann Nitsch, bekannt für viel Blut bei seinen Kunstexperimenten, tauchen bei mehreren Ständen auf. Dem Pop-Art-Altmeister Alex Katz ist eine ganze Koje gewidmet. Und die 1977 in Frankfurt geborene Künstlerin Jorinde Voigt nimmt mit ihren zarten experimentellen Grafiken, die sie am Ende noch vergoldet, in einer One-Artist-Show einen prominenten Platz inmitten der Stars bei der Galerie König ein. Illustre Künstler finden sich zuhauf.

So bedient die Karlsruher Messe für Klassische Moderne und Gegenwartskunst im Sammlerland Baden-Württemberg ihre angestammte Klientel, die mittelständischen Sammler, wieder hervorragend - seriös, mit Qualität, in exzellenter Ausführung, auch experimentell und zuweilen leicht verrückt. Wie mit der lustigen Figurenparade von Daniel Wagenblast oder der mächtigen, mannshohen Vogelversammlung von Matthias Garff auf dem Skulpturenplatz der Galerie Tobias Schrade: Wo Kanarie und Wellensittiche wie Stelzenläufer losgelassen werden.

Auf sie ist bereits gestern zur Preview eine Welle aus einigen Tausend Kunstfreunden, Sammlern, Kuratoren und Museumsvertretern getroffen - und hat rote Punkte an Kunstwerken hinterlassen. Verkauft wird in Karlsruhe mittlerweile recht gut. "Für mich ist die Art eine sehr wichtige Messe, weil sie eine ehrliche ist, mit seriösem Publikum und keinen Spekulanten", sagt Michael Schultz, Galerist aus Berlin. "Hier wird mit Liebe zur Kunst gekauft." Und natürlich kann man hier auch einige schöne Klassiker finden: von Max Ernst, Jean Arp, Francis Bacon, Paul Klee und Oskar Schlemmer. Doch die Gegenwartskunst hat bei dieser 16. Art auch in den Hallen für die Klassiker des 20. Jahrhunderts das Regiment übernommen - mit viel Malerei, die gegenständlich ist, die Figur feiert, den Wald, die Blumen und den Sommer in einem prachtvollen, farbsatten Stillleben von Helga Marten aus Freiburg aufs Schönste sichtbar.

Die Künstlerin Bettina Hachmann erinnert mit ihren hauchzart gesetzten Schnitten auf weißgetünchten Leinwänden und Büttenpapier ein wenig an den Italiener Lucio Fontana. Und die Münchner Malerin Martina Hamberger, ehemals Schülerin bei Hermann Nitsch und Markus Lüpertz, schafft in Erinnerung an ihre einstigen Professoren farbintensive Fingerübungen, trägt die Malpaste dick auf, aber mit viel Gefühl. Leidenschaft und Lebensfreude ist Trumpf in der hier präsentierten, zuweilen etwas gediegenen Kunst. Der türkische Künstler Fahar Al-Salih schließt in seinen Wandobjekten aus farbgetränkten Haushaltsschwämmen das altorientalische Mosaik ebenso ein wie die Farbfeldmalerei der westlichen Nachkriegszeit. 15 Jahre lang hat Fahar an der Intensität und diesem kuriosen, wirkungsvollen Materialmix gearbeitet, den er neuerdings auch mit gestischer Malerei kombiniert.

So feiert die modernistische Abstraktion, die in der Sonderausstellung mit angestammter Konkreter Kunst seit 1945 des Berliner Sammlers Peter C. Ruppert ebenso beeindruckend ausgebreitet ist, auch in den Kojen der 208 Galerien aus 16 Nationen freudige Wiederkehr. Wie so manche Werke, die jedes Jahr zurückkehren, zeitlos wie die Papierreliefs der 83-jährigen Lore Bert.

Einiges gibt es zu entdecken auf der Art, wie den angesagten brasilianischen Pop-Art-Künstler Bel Borba mit seinen farbenfrohen Leinwänden und hier und da auch asiatische Kunst. Zum vierten Mal versucht die niederländische Galerie Kunstbroeders, jüngeren chinesischen Künstlern eine Plattform zu verschaffen. Allesamt an den Akademien exzellent ausgebildet, sind sie angetreten, traditionelle Malerei und Plastik neu zu interpretieren, auch mit ungewöhnlichen Motivmischungen in Bronze.

Deutlich politisch präsentiert sich Galerist Michael Schultz: Auf seinem Skulpturenplatz in Halle zwei hat der Bildhauer Bernd Reiter ein spektakuläres Videogewölbe über Kirchenbänken aufgebaut. In der Großskulptur "(schein)heilig" wird angesichts der Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche Moral und Anstand in deren Machtapparat hinterfragt, und in einer Dauerschleife laufen Worte wie "Missbrauch", "Züchtigung", "schämt euch" auf zwei Bögen mit Monitoren. "Das ist richtig blasphemisch", freut sich Galerist Schultz über den erneuten Coup, den er auf der Art gelandet hat - schon 2018 krachte auf seinem Skulpturenplatz ein Bomber in einen Cadillac. Den Rang für das politischste Statement auf der diesjährigen Art könnte ihm aber Monica Bonvicini noch ablaufen: Die renommierte Künstlerin aus Venedig, 1999 mit dem Goldenen Löwen der Kunstbiennale ausgezeichnet, wird heute Nachmittag auf der Art Karlsruhe mit dem Hans-Platschek-Preis geehrt und hat im Sonderausstellungsbereich ihre Visualisierungen über Machtstrukturen in der Gesellschaft und der Kunst ausgebreitet. Eine Kugel aus eng geknüpften schwarzen Gürteln, wie eine Fesselung, ist zudem bei Johann König zu sehen, dessen Galerie mit Sitz in Berlin und London laut Art unter den Top 100 Galerien weltweit gelistet sei - und mit seinem Programm einen Hauch von Art Basel im Badischen versprüht.

Rund 1 500 Künstler aus einer Spanne von rund 120 Jahren zeigt die Art Karlsruhe in den vier Messehallen von Rheinstetten, wo gestern die Sonne bei der Eröffnung das Oberlicht beschien und die Kunst leuchten ließ - aber auch den neuen Skulpturenpark im weitläufigen Atrium zwischen den Hallen noch ein wenig dürftig aussehen ließ. Die Art öffnet heute für alle und läuft bis Sonntag, 24. Februar (täglich, 11 bis 19 Uhr).

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